Bad Kissingen
Demonstration

Angriff auf die Ukraine: "Wer beten kann, möge beten"

Am gestrigen Morgen drangen russische Truppen in die Ukraine ein. Im Landkreis bemühen sich Betroffene darum, ein Gehör zu finden.
Die Botschaft ist klar: Die Demo richtete sich gegen die russische Invasion der Ukraine.
Die Botschaft ist klar: Die Demo richtete sich gegen die russische Invasion der Ukraine. Foto: Johannes Schlereth

Die Nachrichtenlage aus dem Osten Europas bestürzt. In der Nacht auf Donnerstag hat Russland die Invasion in die Ukraine gestartet. Das Schreckgespenst eines Dritten Weltkrieges geht um - und das nicht erst seit Wladimir Putins jüngster Drohung von historischen Konsequenzen bei einer Einmischung in den Konflikt. Die Angst vor dem großen Krieg zog am Donnerstagnachmittag Menschen aus dem Landkreis Bad Kissingen auf den Marktplatz.

Laut Nathalie Bachmann, Pressesprecherin des Landratsamtes handelte es sich um eine Eilversammlung. "Sie wurde telefonisch angemeldet", teilt sie mit. Wer die Demo angemeldet hat, sagt sie nicht. Grund dafür ist der Datenschutz. Unter dem Motto "Frieden für die Ukraine! Frieden in Europa! Frieden in der Welt!" hatten sich etwa zehn Menschen auf dem Marktplatz versammelt. Organisiert hat die Veranstaltung Olena Albert, die in Bad Kissingen wohnt. "Wir können den Krieg nicht mehr stoppen. Das haben wir seit acht Jahren versucht." Damals begann die Krim-Krise. "Ich habe heute morgen im Landratsamt angerufen und gefragt, ob eine spontane Demonstration möglich ist." Nach Gesprächen mit dem Amt und der Polizei war der Weg frei für die Eilversammlung. Möglich ist das durch die bedeutsame Situation.

Hilfe für die Heimat

"Wir wollen unsere Heimat unterstützen. Gemeinsam in Gedanken an die Ukraine denken und beten." Ihr ursprünglicher Plan war nach Frankfurt zu einer Demonstration zu fahren. "Aber ich dachte, dass man auch in unserem kleinen Bad Kissingen etwas machen kann." Ausgeschlossen war dabei niemand. "Jeder darf dazustoßen", sagte Olena Albert.

Vor Ort war auch eine Bekannte ihrerseits. Am Donnerstag hatten russische Streitkräfte ihre Heimatstadt Tschernihiw bombardiert. "Es ist extremer körperlicher und mentaler Stress", sagte Olena Albert."Ich habe nicht damit gerechnet, und will es nicht wahrhaben." Ähnlich sah es Dr. Martin Magut. "Es ist furchtbar. Ich dachte Putin belässt es beim Muskelspiel. Ich bin gegen Krieg, egal wo er stattfindet." Der Mediziner fügte an: Ich habe während meines Studiums live miterlebt, wie die russische Armee in die Tschechoslowakei eingerückt ist. Ich kann mir vorstellen, wie sich die Ukrainer fühlen." Erfahren von der Demonstration hat er über die sozialen Netzwerke.

Als surreal nimmt Ganna Kravchenko die Situation wahr. Die ehemalige Managerin der Allianz des Kissinger Bogens (Burkardroth, Nüdlingen, Oberthulba, Bad Bocklet) sagt: "Jeder Ukrainer muss entscheiden ob er kämpft, oder aufgibt - das ist eine Frage, die sich junge Menschen hier in Unterfranken nicht stellen können." Sie appelliert an die Politiker, sich Gedanken zu machen. "Die EU muss über die eigene Sicherheit nachdenken. Die Grenze zu Polen ist nicht weit."

Menschen fliehen gen Westen

Olena Albert fügt an: "Es ist alles so aufwühlend." Teile ihrer Familie sind nach wie vor in der Ukraine - und mittlerweile auf der Flucht in Richtung Westen. Ihr Bruder ist in der Ukraine wieder zur Armee gegangen. Bei der Demonstration am Donnerstag hatte sie die signierte Bataillonsfahne dabei. Er war bereits 2014 im Einsatz, als Putin die Krim attackierte. "Ich bin ein Feind von Krieg und Gewalt", sagte Gabriele Klee. Die Bad Kissingerin nahm ebenfalls an der Demonstration teil. "Ich bin Teil der 68-er Generation. Unsere Devise war: Kein Krieg, keine Waffen - das hat sich bei uns verinnerlicht. Viele haben das scheinbar vergessen." Volker Partsch aus Langendorf, der auf die Kundgebung im Internet aufmerksam wurde, war ebenfalls vor Ort. "Ich bin schockiert. Ich sehe den Weltfrieden in Europa bedroht.Es geht darum, Solidarität mit der Ukraine zu zeigen."

Ähnlich sah es Tobias Eichelbrönner, Sprecher des Kreisverbands der Grünen im Landkreis Bad Kissingen. "Unsere Generation kennt Krieg vor der Haustür nicht. Die Situation ist bedrückend und beklemmend."

Im Vorfeld der Demonstration hatte auch Ana Maria Benevides Werner mit dieser Redaktion gesprochen. Sie ist die Vorsitzende des Integrationsbeirates und sagt: "Es ist eine sehr schwierige Angelegenheit für uns. Ich bin gegen den Krieg, die Diskriminierung und die Aggression." Allerdings: Sie steht zwischen den Stühlen. Als Vorsitzende des Gremiums kann sie nicht für eine Seite Partei ergreifen - gibt es doch in Bad Kissingen sowohl russisch- als auch ukrainischstämmige Menschen. Und: "Nicht jeder Mensch, der aus Russland stammt, ist pro Putin und für den Krieg." Sie hofft, dass durch die Situation keine Diskriminierung entsteht. "Die Situation macht mir Sorgen", sagt sie.

Die Sorgen der Ukrainer werden auch in einer Pressemitteilung des Heiligenhofs deutlich. Die Akademie Mitteleuropa e.V. und die Begegnungsstätte "Der Heiligenhof" in Bad Kissingen, sind erschüttert", heißt es in einer Pressemitteilung des Heiligenhofs. Das Bad Kissinger Bildungswerk hat seit 2005 mehrfach Veranstaltungen mit Ukraineschwerpunkt abgehalten. Die Kontakte hatten sich seitdem intensiviert. Für Mitte März war eine internationale "Mitteleuropäische Begegnung" geplant, zu der schon 20 Dozenten und Studenten aus Krivyi Rih und Mariupol angemeldet waren. Dabei handelt es sich um Städte, die jetzt direkt an der Frontlinie liegen. "Nunmehr fürchten wir um das Leben dieser Gäste", heißt es in der Pressemitteilung.

Alltag nicht mehr möglich

Eine Teilnehmerin des geplanten Treffens äußerte sich im Text: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Verbindung nicht lange hält oder dass der Strom abgeschaltet wird." Sie fügt an: "Hier kann man jetzt schon nur mit Unterbrechung telefonieren, nur noch mit Bargeld bezahlen, kein Geld mehr abheben, Tanken ist schwierig, es stehen lange Schlangen. Man hört Flugzeuge. Anderes wisst Ihr aus den Nachrichten. Danke, an Ihr an uns denkt. Wer beten kann, möge beten. Wer nicht gläubig ist, möge uns gute Gedanken schicken. Im Moment könnt Ihr nichts machen. Herzliche Grüße."

Kirche äußert Kritik

Herbe Kritik am russischen Vorgehen kommt auch aus der katholischen Kirche. Die Pressestelle des Bistums Würzburg macht das in einer Meldung deutlich. Darin äußert sich Bischof Dr. Franz Jung: "Europa steht unter Schock. Was sich die vergangenen Tage abzuzeichnen begann, ist nun zur traurigen Gewissheit geworden: ein Angriffskrieg in Europa und ein eklatanter Bruch des Völkerrechts."

Nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim strebe Russland unter Präsident Putin nach einer weiteren Ausweitung seiner Interessenssphäre. Es sei dringend an der Zeit, auf den Einsatz militärischer Gewalt zu verzichten und an den Verhandlungstisch zurückzukehren, betonte der Bischof. Am Freitag veranstaltet das Bistum daher um 19 Uhr ein ökumenisches Friedensgebet im Würzburger Kiliansdom. In Bad Kissingen rief Pfarrer Gerd Greier virtuell zum Friedensgebet um 19 Uhr auf der Online-Konferenzplattform Zoom auf.