"Nur der Herrgott weiß, was in diesen 1200 Jahren hier alles passiert ist", sagt Bischof em. Paul Werner Scheele. Und: "Wir alle sind wie Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen." Es sind gewichtige Worte zu einem gewichtigen Anlass. Denn Oberleichtersbach feiert heuer sein 1200-jähriges Bestehen. Mit einem Festgottesdienst gedachten die Einwohner am Samstagabend ihrer Geschichte.
Die Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Gesang donnert durch das Gotteshaus - nun danket alle Gott - und die Leichtersbacher Musikanten spielen, dass es einem Schauer über den Rücken jagt. Hinter den Glasscheiben schimmern die grünen Hügel von Oberleichtersbach. Gräber reihen sich aneinander. Jedes einzelne ist tadellos gepflegt. "Wir wollen den Blick nicht nur auf die Vergangenheit richten", spricht der Bischof zur Gemeinde. Seine Augen scheinen halb geschlossen zu sein, seine Hände sind gefaltet. "Vielmehr wollen wir den Blick auf die Zukunft richten, was im Hier und Jetzt bewältigt werden muss."
Ein Ministrantenmädchen winkt verstohlen einem Fahnenträger zu. "Von hier breitete sich das Evangelium aus", würdigt Scheele das Wirken der Urpfarrei. Denn im Jahr 836 stand das erste Gotteshaus, das aus Holz gebaut war, in Oberleichtersbach - so steht es in den Geschichtsbüchern zu lesen.
In seiner Predigt hebt der Bischof die Anfänge des Ortes heraus. Während viele Dörfer ihre Ersterwähnung aufgrund von Streitigkeiten oder gar Krieg erfuhren, machte Oberleichtersbach durch eine Schenkung auf sich aufmerksam (siehe Kasten unten). Dieses religiös motivierte Geschenk stünde am Anfang der Dorfgeschichte und ermutige, auch in der Gegenwart sich mitzuteilen. "Alle haben alles gemeinsam", sagt Scheele in die Stille der Kirche hinein. Dann kommt wieder ein Lied. Wieder donnert der Gesang, wieder spielen Orgel und Kapelle gemeinsam. Der Hall verschluckt die Worte, aber das ist egal, haben doch die Zeilen seit frühester Kindheit ihren Widerhall im Gedächtnis gefunden.
Später, beim Festkommers in der Turnhalle der Grundschule, gibt sich Bürgermeister Walter Müller ganz bescheiden. "Unser Oberleichtersbach war im Weltgeschehen schon immer ganz vorne mit dabei", sagt er und die Zuhörer lachen. Schirmherr Landrat Thomas Bold lobt das Zusammenwachsen der Gemeinde nach der Kreisgebietsreform. "Die Dorfgemeinschaft ist ja kaum steigerungsfähig", sagt Bold und wünscht trotzdem, dass das Jubiläum die Gemeinde noch enger zusammenschweiße.