Gerade ist das historische Rothenburger Festspiel "Der Meistertrunk", das an Ereignisse aus dem Dreißigjährigen Krieg erinnert, ins Verzeichnis des nationalen immateriellen Kulturerbes aufgenommen geworden. Da schlägt die Stadt ein noch älteres Kapitel ihrer Geschichte auf: eines, das eine neue Sicht auf die weithin beliebte Romantik-Hochburg bietet.

500 Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers will Rothenburg zeigen, dass es auch zurzeit der Reformation eine bedeutende Rolle gespielt hat. Wie es dazu kommen konnte, mag überraschen. Die Stadt an der Tauber war eigentlich direkt dem katholischen Kaiser unterstellt. Da sich die Ratsherren 1544 sozusagen in einem zweiten Anlauf doch vom neuen Glauben hatten überzeugen lassen, führte dies hundert Jahre später, im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648, zur Rückeroberung Rothenburgs durch kaiserliche Truppen. Doch der Reihe nach.


Die Ideen Luthers

In der Tauberstadt kreuzten sich Handels- und Pilgerwege. Es konnte also nicht ausbleiben, dass neue Entwicklungen Rothenburg schnell erreichten. Luther kam zwar nicht höchstpersönlich vorbei, aber seine Ideen. Verbreitet wurden sie etwa durch den Karlstadt genannten Reformator Andreas Bodenstein, der kurzzeitig in der Stadt wirkte.

An ihn erinnert eine Inschrift an der Stelle der Stadtmauer, an der er seinen andersgläubigen Häschern entkommen konnte. Weniger bekannt ist Primoz Trubar. Der aus Slowenien stammende Humanist fand in Rothenburg Asyl und predigte an der Heilig-Geist-Kirche. In seiner Heimat wird Trubar aufgrund der Übersetzung des Katechismus als Vater der slowenischen Literatur und Kultur bezeichnet. Der einflussreichste Rothenburger Reformator aber war Johannes Hornburg, der in Wittenberg bei Luther studiert und mit Melanchthon korrespondiert hatte. Er wirkte in seiner Geburtsstadt als Bibliothekar und setzte als Bürgermeister 1544 die Reformation endgültig durch. Sein Wohnhaus steht in der Herrngasse, schräg gegenüber vom alten Rathaus. An der Fassade kann man mit etwas Fantasie das Familienwappen erkennen: ein Horn über einer stilisierten Burg. In der Stadtkirche St. Jakob befindet sich nicht nur das Hornburg-Epitaph, auch ein Porträt des Reformators in Ratsherrenrobe erinnert an den berühmten Rothenburger. Es ist Teil eines der sogenannten Reformationsfenster.

Diese beiden Glasfenster zeigen, dominiert von Porträtmedaillons von Luther und Melanchthon, zum einen die Geschichte der Väter der Reformation, zum anderen allegorische Darstellungen von Liebe, Hoffnung und Glaube. Sie wurden erst 1914 angefertigt und künden vom Geschmack jener Zeit.


Bedeutende Altäre

Darüber hinaus können die Fenster als Ausdruck der Bedeutung, die man über die Jahrhunderte der Reformation in Rothenburg zugesprochen hat, gelesen werden. Ebenfalls in St. Jakob befindet sich das Bachfenster, das darauf verweist, dass Johann Sebastian Bach fast alle von Luther geschriebenen Lieder vertont hat.

Dass die beiden bedeutendsten Altäre der Jakobskirche erhalten geblieben sind, kommt einem Wunder gleich. Der von Tilman Riemenschneider um 1500 geschnitzte Heilig-Blut-Altar mit dem ausdrucksstark dargestellten Personal der Abendmahl-Szene, deren Gesichtsausdrücke bereits individuelle Züge andeuten, wurde schließlich für die namensgebende Reliquie angefertigt, die in einer Bergkristallkapsel im Kreuz aufbewahrt wird. Zudem war er Ziel einer ablassgewährenden Wallfahrt. Beides Themen, die die Reformatoren eigentlich bekämpften.

Auch der 1466 entstandene Hauptaltar mit seiner vielgestaltigen und farbenprächtigen Schnitz- und Bildwelt, die zentral die Kreuzigung Christi und sechs Heiligenfiguren zeigt, ist nahezu unversehrt geblieben. Die Rückseite mit Darstellungen aus der Jakobus-Legende überlebte dank 1922 wieder entfernter Übermalungen. In Rothenburg wurde die Reformation etwas weniger radikal umgesetzt, sodass die Stadt von Bilderstürmereien größtenteils verschont geblieben ist. Eine Szene fällt besonders ins Auge. Sie zeigt die Überführung des toten Jakobus. Aus Santiago de Compostela ist allerdings die Tauberstadt geworden. Man blickt auf das Treiben auf dem Marktplatz vor dem gotischen Rathaus. Was fehlt ist der Renaissanceflügel, der erst 1578 fertiggestellt wurde: sichtbares Zeichen des großen Selbstbewusstseins der damaligen Stadtväter. Zu jener Zeit herrschte in Rothenburg rege Bautätigkeit.
Auch die Lateinschule, in der die Stadt die Jugend im christlichen Glauben ausbildete, erhielt einen prächtigen Neubau. Selbst die auffällig vielen Brunnen in den Gassen und auf den Plätzen gehen auf das späte 16. Jahrhundert zurück: eine Zeit des Um- und Aufbruchs. Ein weiteres mit Geschichte "aufgeladenes" Gebäude in der alten Stadt ist das Büttelhaus, das ehemalige Gefängnis. Hier hütet das Stadtarchiv seine Schätze.


Kampf der Konfessionen

Ein besonders bedeutender ist die Flugschriftensammlung, deren 58 Bände der ansbachisch-markgräfliche Kanzler Georg Vogler, ebenfalls ein Verfechter der Reformation, 1554 Rothenburg vermacht hatte. Im Reichsstadtmuseum sind zurzeit erstmalig öffentlich Auszüge aus diesen wertvollen Beständen zu sehen. In der Ausstellung "Medien der Reformation" illustrieren sie die reformatorische Seite im Kampf der Konfessionen.
Luthers und Melanchthons Schrift "Der Bapstesel zu Rom", die das Oberhaupt der Katholiken verballhornt, wird ebenso präsentiert wie ein Holzschnitt Dürers, der den Kirchenvater Hieronymus bei der Bibelübersetzung zeigt. Ohne den Buchdruck und die Verbreitung der Flugschriften, so lernt man, wäre die Reformation kaum erfolgreich gewesen. Seinerzeit tobte der wohl erste Shitstorm der Mediengeschichte. Wem bei all diesen Rothenburger Stationen zu wenig Martin Luther vorkommt, der muss den Weg zum Kriminalmuseum einschlagen. Das größte Rechtskundemuseum Europas hat für das Reformationsjubiläum eine üppige Sonderausstellung zusammengestellt: Wer hinaufgeht in den ersten Stock der Johanniterscheune, hört aus der Ferne unheimliche Frauenstimmen klingen.

Es sind Hexenzaubersprüche aus dem Hochmittelalter und der frühen Neuzeit. Im zweiten Obergeschoss beginnt dann die Auseinandersetzung mit Martin Luther: Wie war seine Haltung in der Hexenfrage - als Theologe, Priester, Mensch?

Er hatte wohl eine ambivalente Auffassung vom Hexenglauben: Mal polterte er mit Feuereifer über Zauberei, dann wieder schlug er als milder Seelsorger versöhnliche Töne an, Die Schau endet mit der eigentlichen Hexenverfolgung nach Luther. Denn zu seiner Zeit stand der Hexenwahn erst noch bevor. Ulrich Traub