E s ist Showtime. Das Fleisch für die Tiger liegt bereit. Sabine Liebsch setzt den speckigen Lederhut auf, der aus ihrer Zeit als Rangerin in Afrika stammt, und geht, die Gäste einzulassen. Die Fotografin und Eventmanagerin ist den großen Katzen auch in Europa treu geblieben. In Ansbach arbeitet sie ehrenamtlich im Raubtier- und Exotenasyl. Dort bietet sie ein Erlebnis an, das in Deutschland einmalig ist: ein Fotoseminar, bei dem man den Tieren so nah kommt, wie sonst kein Besucher. Mit der Kamera direkt am Gitter kann man Nahaufnahmen schießen, als gäbe es keine Zäune.
Wer "Life of Pi" im Kino gesehen hat, der weiß, dass Tiger mit der Pfote auch durch schmale Öffnungen hindurch angeln können, um ihre Beute zu schlagen. Wer näher als einen Meter ans Gitter herantritt, ist bereits in Gefahr. Darum gilt im Asyl genau wie in der freien Wildbahn: Respekt und Vorsicht einem Wesen gegenüber, das faszinierend, schön und gefährlich ist. Pfleger Michael Zichwolf erklärt deshalb die Regeln.
Auch er ist ein Tiger-Süchtiger. Bis vor kurzem lebte der hauptberufliche IT-ler in München und fuhr pro Jahr 11.000 km, um "seinen" Tigern nahe zu sein. Jetzt ist er der Tiere wegen nach Nürnberg umgezogen. Gehorsam übt die Gruppe mit ihm den Ausfallschritt nach hinten, wenn sein Kommando ertönt.
Dann der Check der Fotoausrüstung. "Welcher Farbraum sollte eingestellt sein?", fragt Sabine Liebsch. Die richtige Antwort: Adobe. Doch an diesem Tag steht nicht die Technik im Vordergrund. Wichtiger ist der richtige Umgang mit dem Tier: keine grelle Kleidung, kein Blitz, keine hastigen Bewegungen. Sabine Liebsch erzählt viel, damit ihre Schüler jedes einzelne Tier kennen- und begreifen lernen.
Die Karakal-Dame Kalaharia beispielsweise ist besonders nervös. Sie ist auf einem Auge blind und hat Angst vor Linsen. Das afrikanische Pendant des Luchses wirkt elegant und zierlich, jagt aber Antilopen bis Rehgröße und geht seiner Beute gnadenlos an die Kehle. Respekt ist auch hier angesagt.
Gelassener geht Luchs-Weibchen Anubis mit den Besuchern um. "Aber jetzt schnauft sie. Hört ihr es?" Damit ist klar: Anubis hat "keinen Bock mehr". Die Fotografen respektieren das und dürfen zur Belohnung zu den Bengal-Katzen ins Gehege, glücklich wie die Kinder über das neugierige Vertrauen der Tiere.
Der wirkliche Höhepunkt aber sind die Tiger. Wer die Einführung für übertrieben hielt, der wird eines Besseren belehrt, sobald er die üblichen Zäune überstiegen hat und auf dem Grün vor den Gittern steht, das sonst niemand betritt. Die grandiosen Tiere sind nah, sehr nah. Und sie sind imponierend groß. Wenn sie sich mit ihren riesigen Pfoten absolut lautlos nähern, dann geht man - auch mitten in der eifrigst geknipsten Bildserie - freiwillig auf Distanz. Unvergleichlich dafür der intensive Blick der Katzen.
Michael Zichwolf hat Kartons mit kleinen Fleischgaben vorbereitet, um die Tiere dazu zu animieren, sich zu bewegen. Tigerdame Kiara lässt sich zunächst lediglich dazu herab, auf das Päckchen zu urinieren, um es dann mit einem Pfotendruck zu erledigen. Später gönnt sie ihren Bewunderern das Schauspiel, sie voll aufgerichtet auf den Hinterbeinen zu erleben. Sie überragt ihren Pfleger um locker einen Meter. Die Fotoapparate klicken wie verrückt. Auch die gelegentlichen Harn-Fontänen schrecken keinen mehr. Schnell spielt sich der Rhythmus aus Ausweichen und Vorneigen ein. Es klickt und klickt. Vereinzelt fallen witzige Bemerkungen. Aber meist herrscht atemlose Stille.
Manche Besucher kommen aus der Region, wie ein unterfränkischer Lehrer, der vor allem seiner Liebe zu Raubtieren wegen da ist. Er braucht nicht mehr als eine handelsübliche Pocket-Kamera; manchen genügt ein Foto-Handy. Wieder andere dagegen haben diverse Objektive und professionelles Zubehör dabei. Eine Foto-Design-Studentin wollte schon lange die einmalige Chance nutzen, ihr Können an wilden Tieren zu erproben. Die lange Zugfahrt war es ihr allemal wert.
Begeistert sind sie alle, auch wenn Tiger Boris am Ende die Show verweigert. Mit Futter und Gartenschlauch-Fontäne soll er verlockt werden, in seinem Bassin baden zu gehen. Boris aber findet alles interessanter als das blaue Becken, ja gibt sich sogar wasserscheu. Er läuft die Gitter zum Nachbarkäfig auf und ab wie ein Modell auf dem Laufsteg. Aber baden geht er nicht. Auch das ist eine wichtige Lektion bei der Tier-Fotografie: Der Tiger ist der Boss.




Ein Zuhause für Raubtiere und Exoten

Artgerecht:
Das Raubtier- und Exotenasyl e.V. in Wallersdorf bei Ansbach (etwa 35 kilometer südwestlich von Nürnberg) ist eine Auffangstation für in Not geratene Raubkatzen, Primaten und Exoten aller Art. Tiere aus illegaler oder schlechter Haltung finden hier ein neues Zuhause. Oberstes Ziel ist es, diesen Tieren ein möglichst artgerechtes Leben zu bieten.

Ehrenamtlich: Der Verein Raubtier- und Exotenasyl e.V. existiert seit 2007, hat derzeit rund 270 Mitglieder und arbeitet gemeinnützig sowie ehrenamtlich; er finanziert sich allein aus Spenden, Patenschaften und Mitgliedsbeiträgen. Im Augenblick beherbergt das Asyl fünf Tiger, einen Puma, zwei Luchse, zwei Füchse, zwei Japan-Makakken, einen Karakal, drei Bengalkatzen sowie eine Gruppe Frettchen und ein paar Kleintiere.

Tag der offenen Tür: An jedem ersten Sonntag im Monat öffnet die Station von etwa 13 bis 17 Uhr ihre Türen. Es können auch Besuche an anderen Tagen vereinbart werden, etwa für Ausflüge von Schulen und Kindergärten.