Zehn innovative Brauer wollen es wissen, und gründeten jetzt in der Rhön den Verein "Deutsche Kreativ-Brauer". Ihr Ziel: Eine Novellierung des Reinheitsgebots für mehr Geschmacksvielfalt.

Der Initiator ist Franke, heißt Andreas Seufert und ist Inhaber der Pax-Bräu in Oberelsbach. Bis vor drei Jahren noch ein Ein-Mann-Betrieb beschäftigt Seufert inzwischen einen Brauer, ein Auszubildender soll noch dazukommen. Die Aufwärtsentwicklung seiner Brauerei steht für die positive wirtschaftliche Entwicklung einer kleinen Gruppe von Brauern, die das Thema Bier auf sehr kreative Weise angehen, vor Experimenten nicht zurückschrecken und sich dabei nur allzu oft von Regeln und Geboten im Zusammenhang mit dem Bierbrauen behindert fühlen.

Ziel des neuen Vereins, der jetzt in der Rhön seine Gründung erlebt hat und Seufert zum ersten Vorsitzenden wählte, ist eine Novellierung des derzeit gültigen vorläufigen Biergesetzes. So heißt es offiziell seit 1993. Den Schritt zur Gründung hat Seufert zusammen mit neun Gleichgesinnten gleichsam mit einer Art Paukenschlag vollzogen: In einem historischen Kommunbrauhaus in Unterweißenbrunn mit Holzbefeuerung und Kühlschiff rührten die Kreativbrauer ihren ersten Sud zusammen - gebraut gemäß der Bayerischen Landesverordnung von 1616. Da hatte man, 100 Jahre nach dessen Inkrafttreten, das Reinheitsgebot erstmals novelliert und Wacholder, Kümmel und Salz zum Bierbrauen wieder zugelassen. Entsprechend garnierten die Kreativbrauer ihren ersten gemeinsamen Sud nach einem historischen Rezept mit Wacholder, Kümmel und Salz. "Wir wollen das Reinheitsgebot nicht abschaffen", erläutert Seufert seine Absichten. "Wir wollen eine deutschlandweit einheitliche Regelung, die den Brauern in allen Bundesländern das Brauen unter Zusatz natürlicher Zutaten erlaubt".

Das heißt im Klartext: Keine künstlichen Roh- oder Hilfsstoffe, oder Verfahren zur Verlängerung der Haltbarkeit wie Pasteurisierung, PVPP-Filtration oder Eiweißstabilisierung. Für ein solches unter verstärkter Verwendung teurer Rohstoffe handwerklich gebrautes Bier scheint der Verbraucher auch einen höheren Preis zu zahlen. Da zahlt der Nachbar in Oberelsbach, der sich ein Feierabendbier holt, schon mal 44 Euro für sechs Flaschen. Seufert weiß aber auch, dass er noch einen weiten Weg zu gehen hat, um im Konzert der Brauereigrößen überhaupt gehört zu werden. Als erstes will er es beim Verband privater Brauereien versuchen.


Die Craft-Bier-Szene: In Franken ist sie schillernd und bunt

Sie ist so bunt und vielfältig wie Frankens Bierlandschaft eh schon beschaffen ist - die Craft-Bier-Szene in der Region. Regelrechte Zentren gibt es eigentlich nicht, weil auch die Brauer auf dem flachen Land das Craft-Bier für sich zu entdecken beginnen. Es gibt gleichwohl einige Schwerpunkte. Einer davon liegt beinahe schon naturgemäß in Bamberg. Neben den Traditionsbrauereien entwickelte sich da eine eigene kleine Szene für Craft-Bier-Freunde. Die können in der Bierothek unter 360 verschiedenen Bieren wählen, oder auch mal in Weyermanns "Fan Shop für Malz & More" vorbeischaun. Das Café Abseits ist seit Jahren für ein vielfältiges Angebot an Craft-Bieren bekannt, und im Ortsteil Gaustadt kann der Gast im "Kronprinz" unter einem guten Dutzend selbstgebrauter Craft-Biere wählen. Auch in Nürnberg ist man auf den Geschmack gekommen. Egal ob im Altstadthof, bei Eppelein&Friends, im Kater Murr oder im Landbierparadies, überall werden auch Craft-Bier-Spezialitäten angeboten.

In Bayreuth ist man bei Maisel&Friends auf den Geschmack gekommen. Als ein Ableger der traditionsreichen Weißbierbrauerei Maisel testet man hier nicht nur ständig neue Craft-Bier-Varianten, im gleich neben der Brauerei gelegenen Restaurant "Liebesbier" kann man zum Essen unter 20 verschiedenen Bieren vom Fass wählen. Es ist schlicht unmöglich geworden, inzwischen alle die fränkischen Craft-Bier-Treffs aufzuzählen. Es gibt sie schier überall, so in der Kommunbräu in Kulmbach, in Kronach in der "Antla-Bräu" oder in Heroldsberg in der "Red Castle Brew". Wobei sich natürlich auch Traditionsbrauereien mit dem neuen Trend auseinandersetzen und neben ihren klassischen Produkten auch zu experimentieren beginnen. Wie die Brauereien Göller in Zeil, oder Kundmüller in Weiher, um nur zwei zu nennen. Wobei sich immer wieder die Frage stellt, was unter Craft-Bier eigentlich zu verstehen ist. Eine für Deutschland allgemeingültige Definition des Begriffs existiert schlicht nicht.
Aber es gibt Indikatoren: Es muss sich immer um handwerklich gebrautes, nicht industriell gefertigtes Bier handeln. Es braucht experimentierfreudige Brauer, die mit Hopfen- und Malzaromen spielen. Auch wenn die große Mehrheit der Craft-Bier-Brauer sich an das Reinheitsgebot halten, es wird durchaus auch mal Neues ausprobiert. Bier mit Rhabarber, Hibiskus, Koriander, Salz und Rosenwasser - auch das gibt's. Dann darf das Getränk allerdings nicht mehr als Bier bezeichnet werden.

Bernd Sauer, Geschäftsführer des Vereins "Bierland Oberfranken", sieht den Craft-Bier-Trend so gelassen wie viele Brauer in der Region. Einige, so der Hallerndorfer Braumeister Georg Rittmayer, dessen Familie seit 1422 Bier braut, werden deutlicher. Die neue Szene sei "voller Spinner und Leuten, die teilweise noch nicht einmal eigene Gärtanks haben". Für jeden aufrechten Franken eigentlich eine schändliche Gotteslästerung.


Bierothek in Bamberg: 360 Biere aus aller Welt

Im traditionellen Umfeld der alteingesessenen Bamberger Brauereien "Spezial" und "Fässla" etablierte sich in den letzten drei Jahren eine im Zusammenhang mit Bier gänzlich neue Einrichtung - die Bierothek. Nicht nur für die zahlreichen Touristen in der Weltkulturerbestadt eine Attraktion, auch für viele Einheimische, insbesondere Studenten. Dabei wird Bier hier ganz anders präsentiert. Kleine Flaschen, maximal paarweise auf einem Holzpodest im Edel-Look. Insgesamt kann der Kunde unter 360 Bieren aus aller Welt wählen. Natürlich allesamt Craft-Biere. Wobei die in der Regel handwerklich gefertigten Biere aus Franken dieser Kategorie ebenfalls zugeordnet werden. Das Preisspektrum ist weit gefächert. Reicht von knapp zwei Euro bis zu 200 Euro. Der Spitzenpreis muss für ein Bockbier der "Schorschbräu" aus dem mittelfränkischen Oberasbach entrichtet werden. Mitinhaber David Hertl führt selbst im Schlüsselfelder Ortsteil Thüngfeld eine kleine Brauerei, gilt in der Szene als ausgesprochen experimentierfreudig und kreiert ständig neue Biersorten. Selbst an eine Kreuzung von Wein und Bier hat er sich schon herangewagt. Und Gewürze? Nelke, Ingwer, Koriander gibt's, ja und sogar Marshmallows.


Andreas Gänstaller - der fränkische Craft-Bier-Guru

Erst seit 2011 ist er selbstständig, firmiert als Brauer unter dem eigenen Namen Gänstaller-Bräu. In der Craftbier-Szene genießt er gleichwohl bereits einen international ausgezeichneten Ruf - Andreas Gänstaller. Seine Bierkreationen werden in den angesagtesten Pubs, egal ob in Stockholm oder in Rom, ausgeschenkt. Landen in den Rankings der weltbesten Craftbiere auf den vordersten Rängen.

Ein schöner Erfolg für den inzwischen 55-jährigen Franken, der viele Jahre im Verkauf einer Bamberger Brauerei tätig war, ehe er sich, seiner eigentlichen Leidenschaft folgend, ausschließlich dem Bierbrauen verschrieb. Und das mit großem Erfolg. Da muss man sich nur auf der Internetplattform "Ratebeer.com" umsehen. Hier beschreiben und listen Bierexperten aus aller Welt die Biere, mit denen sie mehr oder weniger gute Erfahrungen machen konnten. Gänstallers Imperial Stouts, Rauchbiere oder diverse Starkbiere gelten dabei den meisten Bierfreunden als ausgemachte "Leckerbissen". Die international so hochgelobten Getränke entstehen in der im Landkreis Forchheim gelegenen Ortschaft Schnaid, und dort wiederum im alten Brauhaus der Brauerei Friedel.

Gut 1000 Hektoliter der Gänstaller-Spezialitäten treten von hier aus auf dem Speditionsweg ihren Weg in alle Kontinente dieser Welt an. Den heimischen Markt beliefert der Franke so gut wie gar nicht. Nur in Bierotheken und einigen wenigen Restaurants und Bierkneipen werden Gänstaller-Produkte angeboten. Dabei stehen dem Brauer durchaus noch Kapazitäten zur Verfügung.

Gänstaller weiß natürlich auch um die Bemühungen vieler Craftbier-Brauer zur Lockerung des strengen bayerischen Reinheitsgebots für Bier. Sein einmal praktiziertes Bierexperiment mit Myrrhe blieb die Ausnahme, nachdem ihn das Ordnungsamt auf sein "Fehlverhalten" hingewiesen hatte.

Gänstaller setzt auf Craftbier und das Reinheitsgebot, darauf, nicht alles an Aromen aus dem Bier herauszufiltern. Statt dessen kommen besondere Malz- und Hopfensorten zum Einsatz, wobei ihm zur aromatischen Anreicherung statt des üblich gewordenen Whirl-pools ein sogenanntes Kühlschiff dient. Eines der letzten seiner Art in Franken, in dem die Würze langsam abkühlen kann.

Auf den Vertrieb via Internet lässt sich Gänstaller erst gar nicht ein. Die Kundschaft in Europa wird direkt über Speditionen beliefert. Und für die Biere, die in den Rest der Welt geliefert werden, setzt er auf die Kooperation mit einer großen holländischen Brauerei, die über ein weltweites Vertriebsnetz verfügt. Es brauchte einige Umwege, aber inzwischen hat der leidenschaftliche Brauer offensichtlich seinen ganz eigenen Craft-Bier-Weg gefunden.


Experimente: Hopfen in Weißenohe - von Irmtraud Fenn-Nebel

Katharina Winkler ist glücklich über die aktuelle Diskussion: "Endlich werden die Craft-Biere gewürdigt und die Verbraucher verstehen, dass ein handwerklich gebrautes Bier ein wertiges Lebensmittel ist." Die Chefin der Klosterbrauerei Weißenohe, gelernte Landwirtin, und ihr Mann Urban, Diplom-Braumeister, haben mit einem Hanfbier aus biologischen Zutaten bereits 1999 einen eigenen Trend in Richtung Handwerksbier gesetzt.

Im Laufe der Jahre kam zur Sparte "Cannabis Club Sud" eine weitere mit Craft-Bieren hinzu. Der "Virtac Bior" mit Nürnberger Lebkuchengewürz und das "Zwickel Pils" mit einer erhöhten Stammwürze sind Winkler zufolge historische Brauspezialitäten, die im Holzfass ausreifen und in Tonflaschen abgefüllt werden. Die dritte Sorte im Bunde ist "Green MONKey" (grün steht für Hopfen, Monk für Mönch), ein Pils, das in drei Sorten hopfengestopft wird. Das bio-zertifizierte Bier kommt im pfiffigen Design daher und schmeckt - ausprobiert! - intensiv und spannend. Laut Brauereichefin verkaufe es sich in Franken und im englischsprachigen Ausland sehr gut. Kleine Chargen davon würden unter eigenen Namen wie Citra Ale für Bars und bieraffine Kunden in der hauseigenen Versuchsbrauerei gebraut. "Craftbiere machen meinem Mann besonders viel Spaß, weil man da so vielfältig mit Hopfen experimentieren kann", erzählt Katharina Winkler.

Gebraut würden sie selbstverständlich nach dem Reinheitsgebot, das erst außer Kraft gesetzt wird durch die Zugabe von beispielsweise Lebkuchengewürz beim Virtac. Das ist ein heikles Thema und regt die Chefin auf: "Mit Kirschbier aus Belgien gibt es zum Beispiel kein Problem, weil es nicht in Deutschland gebraut wurde. Aber die deutschen Brauer dürften sowas nicht als Bier verkaufen." Deshalb freut sie sich über den Bewusstseinswandel in Sachen Craft-Biere, der nicht nur die Verbraucher für die weltweit einmalige Geschmacksvielfalt in der Region sensibilisiere. "Die fränkischen Brauer können aufatmen. Wer bis jetzt durchgehalten hat, hat die Chance, zu überleben."


Göller in Zeil: Spiel mit den Aromen - von Günter Flegel

So frisch können 500 Jahre Biertradition daherkommen: In der Zeiler Brauerei Göller ist die junge Generation am Ruder. Fritz, Max und Felix Göller verbeugen sich vor einem halben Jahrtausend Geschichte mit Kreationen, die traditionelles Brauhandwerk mit dem modernen Biergeschmack verbinden.

"Wenn man es genau nimmt, ist jedes Bier in Franken ein Craft-Bier", sagt Max Göller: Der Begriff unterscheidet handwerklich in überschaubaren Mengen gebraute von industriell in Massen hergestellten Bieren. "Craft" hat also nichts mit Kraft = stark zu tun. Er ist ein wenig irreführend, für die traditionellen Brauereien in Franken aber "ein Glücksfall", wie Max Göller sagt. "Durch den Trend ist ein neues Qualitätsbewusstsein entstanden, eine junge Bierkultur, die ein neues Publikum anspricht."

An sich gibt es beim Trinkvergnügen in Franken zwei nahezu unvereinbare Welten, die sich in den Bezeichnungen Bierfranken und Weinfranken manifestieren: Das Bier ist das Alltagsgetränk zur Brotzeit und auf dem Fußballplatz, der Wein liefert den Genuss für die besondere Gelegenheit. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die jungen Brauer gerade in Zeil, auf dem Meridian zwischen den beiden Franken-Welten, die alten Grenzen aufbrechen.

Wenn die Göllers eine neue Kreation aus dem Sudhaus vorstellen wie an diesem Wochenende das fruchtig-leichte Craft-Bier "Zum Hirschen", dann tun sie das mit ebenso viel Herzblut, wie in die Entwicklung des Bieres geflossen wird. "Wir bleiben strikt beim Reinheitsgebot. Aber was man mit den unterschiedlichen Hefen und Hopfensorten machen kann und mit den verschiedenen Braumethoden, das schafft eine unglaubliche Vielfalt."

Die Brauerei Göller setzt weiter auf ihre traditionellen Sorten; aber die neuen Biere, das kreative Spiel mit den Aromen, ist das Schaumkrönchen auf dieser soliden Grundlage. Meist sind die kleinen Chargen Craft-Bier, die Göller braut, in wenigen Tagen ausgetrunken. Offenbar haben die Genießer mindestens ebenso viel Spaß am neuen Bier wie die Braumeister.