In einem Polit-Thriller würde wohl spätestens jetzt Musik einsetzen. Posaune, Trompete, Tuba, Horn. Das volle Programm, um eine dramatische Stimmung zu erzeugen. Erst ganz leise, sich dann immer weiter steigernd, bis schließlich ein wahrer Klangteppich entsteht. Über die Kinoleinwand flimmern dazu in schnellen Schnitten die Bilder wütender Gesichter von telefonierenden Männern in dunklen Anzügen, die ab und an mit der Faust auf den Tisch hauen.

Die einzigen, die die Szene bislang gesehen haben, sind der damalige Kronacher Landrat Heinz Köhler (SPD) und der einst als "Franz-Josef Strauß des Frankenwalds" bekannte CSU-Landtagsabgeordnete Rudi Daum - weil sie selbst dabei waren. Denn verfilmt wird die Szene wohl nie. Vielleicht auch, weil sie in der Realität nicht ganz so dramatisch daherkam. "Daum saß damals bei mir im Büro und hat von dort aus den Bezirksvorsitzenden der CSU in Schwaben angerufen. Also jemanden aus dem engsten CSU-Präsidium", erinnert sich Köhler. Der dramaturgisch wirksame Schlag mit der Faust auf den Tisch blieb dabei aus. Schließlich sollte die Person am anderen Ende der Leitung helfen. Helfen, Mödlitz aus dem umklammernden Griff des Kreises Coburg zu befreien.
1972 ins Amt gewählt, stand Köhler gleich vor der Aufgabe, die bayerische Gebietsreform umzusetzen - was im Kreis Kronach bedeutete, 96 Gemeinden zu größeren zu größeren Einheiten zusammenzulegen (siehe Text am Ende des Artikels). Nachdem sich die Richtlinien im Laufe der Reform lockerten, entstanden so bis zum 1. Mai 1978 18 Gemeinden in 15 sogenannten Verwaltungsgemeinschaften (VG).

Ein Teil von Köhlers Plan: Mitwitz und Schneckenlohe (samt Beikheim, Mödlitz und Neubrand) sollten zur VG Mitwitz werden. "Aber irgendwer hat da in München getrickst und Mödlitz 1972 einfach nach Weidhausen eingemeindet", nennt der ehemalige Landrat den Grund für die parteiübergreifende Aktion mit Daum. Die Erfolg hatte. Mödlitz wurde 1978 wieder ausgemeindet und gehörte nun wie vorgesehen zum Kreis Kronach. "Das gab in Coburg natürlich heftige Proteste", erinnert er sich. Doch auch innerhalb des Landkreises regte sich Widerstand gegen die Reform. Als einzige Gemeinde schloss sich jedoch Neuses der bayernweiten "Aktionsgemeinschaft demokratische Gebietsreform Bayern" an.
Neuses sei schon ein äußerst schwieriger Fall gewesen, räumt Köhler ein und kratzt sich am Kopf. Er hätte gerne ein anderes Ende gesehen, als den Ort letztlich per Rechtsentscheid zu einem Kronacher Stadtteil zu machen. Denn ursprünglich hätte es zusammen mit Weißenbrunn eine VG bilden sollen. "Neuses war damit auch zufrieden, aber das evangelische Weißenbrunn wollte Neuses nicht." Dann planten die Bürgermeister von Johannisthal, Theisenort und Neuses eine eigene Gemeinde - welche wiederum die Johannisthaler Bürger per Abstimmung verhinderten. Ein Hin und Her, das wohl einen eigenen Film tragen könnte.

Von 1973 an habe er an etwa 40 Bürgerversammlungen teilnehmen müssen, erinnert sich Köhler: "Da ging es zum Teil hochemotional her. Ich war erstaunt, was da alles an Argumenten aufkam. Das ging teilweise zurück bis zum Dreißigjährigen Krieg."
Gemeinden wie Lauenhain und Lauenstein, die letztlich nach Ludwigsstadt zwangseingemeindet werden mussten, waren allerdings die Ausnahme. Erleichtert wurden die Entscheidungen der Gemeinden wohl auch von einem finanziellen Anreiz der Staatsregierung. Zu Beginn des Jahrzehnts erhielten Gemeinden, die sich zusammenschlossen, sieben Jahre lang 100 Prozent zusätzliche Schlüsselzuweisungen. "Das war aber nur zeitlich begrenzt und wurde immer weniger", weiß Köhler. "Erst sank es auf 70 Prozent, später auf 50. Das hat natürlich ordentlich Druck ausgeübt."

In den Genuss des vollen Satzes kam Rothenkirchen, nachdem sich Brauersdorf eingemeinden ließ.
Natürlich durften sich Gemeinden nicht wahllos zusammenschließen. Vorgaben waren etwa die Wasserversorgung und verfügbare Schulen. "Bei uns gab es schlicht natürliche Voraussetzungen", so Köhler. Da habe die Geografie die Richtung vorgegeben. Etwa beim Kronachtal.
Weil lange Zeit das Kredo galt, Gemeinden mit mindestens 5000 Einwohnern zu schaffen, sah 1973 die erste Zielplanung des Landkreises zwölf Verwaltungseinheiten vor. "Im Landtagswahlkampf hat die CSU dann gemerkt, dass die Bürger damit ziemlich unzufrieden waren und die Vorgabe gelockert."
So sei es dann auch möglich gewesen, dass Nordhalben eigenständig bleiben durfte und nicht mit Steinwiesen zusammengelegt werden musste. "Innenminister Bruno Merk hat das dann offiziell damit begründet, dass er aufgrund der Lage Nordhalbens an der innerdeutschen Grenze eine Ausnahme macht", erzählt Köhler. "Wir haben halt zusammen nach Gründen gesucht."

Und wie lautet das Fazit des damaligen Landrats zu der Reform, die ihn sein Amt fast das gesamte Jahrzehnt über begleitete? Die habe sich durchaus gelohnt, betont er. Denn so seien die kommunalen Verwaltungen stärker und selbstständiger geworden. "Vorher hingen die ja am Tropf des Landratsamts." Außerdem habe er nicht gedacht, "dass es sich so schnell befriedet und die Gemeinden so gut zusammenarbeiten." Von einem Happy End würde aber wohl nicht jede Gemeinde im Landkreis sprechen.

Hintergrund: Die Gebietsreform

Die Gebietsreform in Bayern wurde durch das Gesetz zur Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung geregelt. Der Prozess teilte sich zeitlich in zwei Abschnitte: 1972 erfolgte die Neugliederung der Landkreise und kreisfreien Städte.

Aus vorher 143 wurden 71 neue Landkreise gebildet. 23 von ehemals 48 kreisfreien Städten verloren ihre Kreisfreiheit. Es schloss sich die kommunale Gebietsreform an, die zunächst auf freiwilliger Basis durchgeführt und mit Zwangseingemeindungen 1978 abgeschlossen wurde.
Bei fast 80 Prozent aller bayerischen Gemeinden handelte es sich 1972 noch um sogenannte Kleinstgemeinden. Also Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern.

Damit deren Verwaltung aufrechterhalten werden kann und die Dienstleistungen nicht reduziert werden müssen, strebte die Staatsregierung unter Ministerpräsident Alfons Goppel (CSU) größere Einheiten von mindestens 5000 Einwohnern an. Bis 1978 schrumpften 7004 Gemeinden daher um mehr als zwei Drittel auf 2050.

Möglich wurde die Gemeindegebietsreform durch das "Gesetz zur Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung".

Geblieben ist es bei der Zahl der Gemeinden nicht. Seit Beginn der Reform haben sich nämlich bayernweit rund 300 Gemeinden aus ihrer Verwaltungsgemeinschaft verabschiedet - und verwalten sich seitdem wieder alleine. Quelle: Wikipedia