Wenn heute stolze Stanicher mit dem SAN-Kennzeichen des alten Landkreises herumfahren, kommen Heimatverbundenheit und Nostalgie zum Ausdruck. Rebellen sind sie keine. Seinerzeit aber, als im Zuge der Gebietsreform in Bayern 1972 der Landkreis Stadtsteinach abgeschafft und dem Kreis Kulmbach zugeschlagen wurde, war es kein bisschen Folklore, sondern für die Betroffenen bitterer Ernst. Besonders beim zweiten Schritt: Denn bis 1978 wurden die kleinen, bis dahin selbstständigen Ortschaften zu größeren, heute noch bestehenden Gemeinden zusammengelegt. Was selten geräuschlos ablief.


"Verraten und verkauft"

Ein hochemotionales Thema, das die Menschen aufwühlte - und Schlagzeilen produzierte. Oft ging es hart zur Sache. "Wir sind verraten und verkauft" (Neudrossenfeld, 1974), "Tumulte bei Aufklärungsversammlung" (Rothwind, 1975), "Partisanenkrieg" (Mainroth, 1976) oder "Kesseltreiben gegen uns" (Neuenmarkt, 1978). Bürger wurden Revoluzzer, und gern zitierte man den Götz von Berlichingen.

Selbst Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) mischte sich damals ein und erklärte: "Gegenüber den Bürgern ist in unendlicher Weise gesündigt worden." Er kritisierte "Planungseuphorie" und "Gesetzgebungsperfektionismus".

Zurück zum Kreis Kulmbach, der heute eine funktionierende Einheit mit eigener Identität bildet. In den Siebzigern stand man aber am Anfang, das neue Gebilde sollte zusammenwachsen. Vier ehemalige Stadtsteinacher Gemeinden wollten dabei nicht mitmachen.

Problemlos ging der Abschied von Gössersdorf und Seibelsdorf über die Bühne, die sich dem Kreis Kronach anschlossen. Einkaufen, Ärzte, Arbeitsplätze - viele Gössersdorfer, so Reinhold Vießmann, hätten sich nach Weißenbrunn orientiert. Wie der Lesbach, der nach Norden fließt. Laut Herbert Backer habe man sich in Seibelsdorf mit den gleichen Argumenten für Kronach entschieden und sei zu Marktrodach gekommen: "Von Protesten ist mir nichts bekannt."

Dagegen gab es ein jahrelanges erbittertes Tauziehen um die Zukunft von Enchenreuth und Gösmes. Wie vielen Zeitungsberichten zu entnehmen ist, war die Stimmung aufgeladen - ein "Brandgebiet".


Dann lieber Helmbrechts

Als die angedachte Verwaltungsgemeinschaft mit Presseck und Grafengehaig am Widerstand der Grafengehaiger scheiterte, schwenkten Enchenreuth und Gösmes um: Sie wollten nun zu Helmbrechts. Dorthin gebe es enge Bindungen. Keiner sparte mit Vorwürfen. Die einen fühlten sich von Stadtsteinach und Kulmbach benachteiligt. Die anderen sahen "einige wenige Heizer" am Werk, die Feuer legten. Der Kulmbacher Kreistag lehnte 1974 die Auskreisung der beiden Ortschaften ab - und scheiterte. Enchenreuth und Gösmes wurden 1977 in Helmbrechts eingemeindet und gingen in den Landkreis Hof.

Mit Wasserknoden (Gemeinde Bad Berneck) und Neustädtlein (Eckersdorf) verlor der Altlandkreis Kulmbach zwei Gemeinden an den Kreis Bayreuth. Dafür wechselte Altdrossenfeld die Seiten und kam zu Neudrossenfeld.


Lichtenfels war sauer

Die Gebietsverluste im Norden wurden im Westen ausgeglichen: zum Teil auf Kosten des Landkreises Lichtenfels, der überhaupt nicht begeistert war. Vor allem in Rothwind, Fassoldshof und Eichberg, die vorher zur Gemeinde Mainroth gehörten, wurde heftig gestritten. Denn die Bürger wollten nach Mainleus. Auch Motschenbach (Gemeinde Geutenreuth) kam zu Mainleus, Zultenberg (Gemeinde Neudorf) zu Kasendorf.

Kulmbach profitierte ferner von der Auflösung des Landkreises Ebermannstadt und erhielt Wonsees mit Zedersitz und Feulersdorf. "Bei uns gab es keine Diskussionen, denn Schirradorf und Sanspareil waren schon bei Kulmbach", so der ehemalige Bürgermeister Günther Pfändner. "Nach Forchheim wollte keiner."

Die turbulenten Zeiten der Gebietsform liegen lange zurück. Wie fällt das Fazit eines Mannes aus, der die Ereignisse damals miterlebt hat? Die Politik im Landkreis Stadtsteinach - mit dem letzten Landrat Hans Köstner († 2011) an der Spitze - sei sich einig gewesen, zu Kulmbach zu gehen, sagt Georg Hempfling (79). "Und die Bevölkerung hat es weitgehend auch so gesehen."


Kronach besser?

Und hat es sich bewährt? Nicht unbedingt, meint der Kfz-Meister, der dem Stadtsteinacher Stadtrat 18 Jahre angehörte. Stadtsteinach sei "ein bisschen untergebuttert" worden. Man habe Landratsamt, Gesundheitsamt und Amtsgericht verloren. Handel und Gastronomie der früheren Kreisstadt hätten Einbußen hinnehmen müssen. "Nur die Polizei ist geblieben, und das Forstamt steht auf der Kippe." Hempfling glaubt, "dass wir vielleicht im Landkreis Kronach besser dran gewesen wären". Ländliche Struktur, katholische Prägung, der Frankenwald - das hätte gut gepasst. "Aber es gab keine Wahl."