Dass sie ein solches Aufsehen erregen würden, hätten 16 Frauen aus Hirschaid nie gedacht. Eine Liste für die Kommunalwahl, auf der ausschließlich weibliche Kandidaten standen und die so erfolgreich war, dass sie auf Anhieb zwei Mandate im Gemeinderat errang, das war 1972 in der Bundesrepublik ein einzigartiger Vorgang.

Nicht umsonst hatten sich im Vorfeld mehrere große Zeitungen für die "Pionierinnen" interessiert. Am Wahltag schickte der Sender Freies Berlin sogar ein Kamerateam, das in den Gastwirtschaften und auf den Straße Meinungen der Bürger einfing.


Vorher eine reine Männerrunde

Klara Wagner war eine der Initiatorinnen der Liste der Frauen Hirschaid. Sie und Hannelore Renner machten in der turbulenten Zeit der Gebietsreform aus der reinen Männerrunde im Hirschaider Gemeinderat eine gemischte.

"Die 70er-Jahre waren ein Wendepunkt, was die Rolle der Frau anging", sagt die heute 89-Jährige. "Aber gerade bei uns ist das Selbstbewusstsein der Frauen schon wesentlich früher geweckt worden: Pfarrer Schmitt hatten wir das zu verdanken. Er war ein sehr fortschrittlich eingestellter Geistlicher und wurde seinerzeit von Kardinal Döpfner dazu eingeladen, am zweiten vatikanischen Konzil als Beobachter teilzunehmen.

Eines der wichtigen Ergebnisse des Konzils war, dass Frauen - und Laien insgesamt - in der katholischen Kirche plötzlich ein ganz anderer Stellenwert zugesprochen wurde. Sie durften nun mitwirken.

,Dann fangen wir doch gleich mal mit der Umsetzung an. Noch bevor wir von Bamberg die Genehmigung kriegen", hat er gesagt. Als Beirat des Katholischen Frauenbunds, der damals schon rund 200 Mitglieder zählte, erreichte er bei Veranstaltungen und anderen Gelegenheiten sehr viele mit seinen Ideen."


"Dann macht Ihr halt eine eigene Liste"

Doch nicht nur dort war der Seelsorger ein Motor. Klara Wagner erinnert sich: "Es war im Dezember 1971. Eine der vierteljährlichen Führungskreis-Sitzungen des Frauenbunds fand im nagelneuen Eigenheim eines Mitglieds statt.

Zu dieser Zeit waren die Vorbereitungen für die Kommunalwahl im Gange. Irgendwann kam das Gespräch darauf, dass keine von uns von den Männern auf eine mögliche Kandidatur angesprochen worden war.

,Dann macht Ihr halt eine eigene Liste", hat Pfarrer Schmitt an diesem Abend gesagt. Das schlug ein wie der Blitz. Franziska Schumm und ich, die wir auch schon im Elternbeirat Verantwortung übernommen hatten, waren gleich Feuer und Flamme. Andere mussten noch überzeugt werden.


Dem Gatten war das gar nicht recht

Mein Mann war in der CSU aktiv. Auch als Kassier des Kreisverbands. Von daher hatte ich schon etwas Einblick in politische Arbeit. Aber dass ich zum Beispiel zu Bürgerversammlungen mitgehen wollte, war ihm anfangs gar nicht recht. ,Hock du dich ruhig vorne hin, zu deinen Parteikollegen.Ich setz' mich hinten rein', habe ich zu ihm gesagt.

Bei meiner ersten Teilnahme an einer Bürgerversammlung - als einzige Frau übrigens - habe ich gleich den Mund aufgemacht und vorgeschlagen, im parkartigen Garten eines ehemaligen Arzt-Anwesens einen Kinderspielplatz einzurichten. Ich wusste allerdings nicht, dass das ein Antrag war, den der Gemeinderat zu behandeln hatte.

Es wurde dann tatsächlich was draus. Nicht sofort - und erst mit einer Zwischenlösung, die eigentlich keine war. Aber ich habe erkannt, dass man etwas bewegen kann, wenn man am Ball bleibt."


Spott und Anfeindungen

Schließlich stand die Kandidatinnenliste: die "Liste der Frauen Hirschaid". "Und gleich wurde gelästert, dass es sich überwiegend um Hausfrauen handeln würde. Sechs Jahre später waren wir cleverer und haben unsere erlernten Berufe angegeben.

In diesen frühen Tagen, und auch später, erwies sich Franziska Schumm als Macherin und Organisationstalent. Ich war diejenige, die schon etwas Durchblick hatte, was den Politikbetrieb anging", sagt die Hirschaiderin, die im Ort als "Sprangers Klara" bekannt ist und im Sommer ihren 90. Geburtstag feiert.

Nicht nur mit Spötteleien, sondern auch mit Misstrauen und Anfeindungen mussten sich die Frauen auseinandersetzen. "In der Nacht vor der Wahl tauchten an mehreren Stellen Plakate auf. ,Wollt Ihr den Gemeinderat versauen, dann wählt Frauen" stand darauf. Mir war damals vor allem eines wichtig: dass in jedem Wahllokal zwei Frauen als Wahlhelferinnen Präsenz zeigten. Auch das ein Unding, bis dahin."


"Hoppla, jetzt kommen die Frauen!"

27 Jahre lang wirkte die gelernte Industriekauffrau ("damals wurde ich tatsächlich noch als Industriekaufmann bezeichnet"), Mutter von vier Kindern, im Gemeinderat. Schnell haben wir Mandatsträgerinnen gemerkt, dass Arbeit im Gremium nicht nur das ist, wofür man eintritt, sondern dass man sich in allen kommunalen Themen auskennen und sich in ein großes Aufgabengebiet hineinfinden muss. Aber das geht jedem Mann, der neu in dieses Ehrenamt kommt, ganz genau so!"

Bereits 1966 stand Klara Wagners Name auf einer Kandidatenliste für den Hirschaider Gemeinderat: auf der der CSU. "Nein wollte ich nicht sagen, als man mich gefragt hat. Mit einem Platz ganz hinten war ich einverstanden, da ich die Chancenlosigkeit klar erkannt hatte. Es gab noch eine weitere Kandidatin. Die Männer haben zu dieser Zeit in einigen Bereichen schon gemerkt ,hoppla, jetzt kommen die Frauen'. Abgeben von ihrem Einfluss wollten sie aber so wenig wie möglich."


Solidarität statt Zickenkrieg

Als Klara Wagners kommunalpolitische Laufbahn begann, war Ursula Sowa, ehemalige Bundestagsabgeordnete (Bündnis 90/Die Grünen) und Kandidatin für die Landtagswahl 2018, Schülerin im Eichendorff-Gymnasium in Bamberg. Als Zwölftklässlerin übernahm sie im Schuljahr 1974/75 das Amt der Schülersprecherin.

"Wir haben uns emanzipiert gefühlt in diesen Tagen", sagt sie schmunzelnd. "Meine Klasse war die aufgeweckteste. Sie hat sich auch artikuliert. Da herrschte kein Zickenkrieg, sondern Solidarität."

Für vieles Fortschrittliche mussten sich die Schülerinnen mit Nachdruck einsetzen bei der Direktorin. "Frau Doktor Annemaria Schallast war eine graue Eminenz und hat den Kontakt zu uns jungen Mädchen nicht gefunden. Sie hat ihn aber auch nicht gesucht. Es waren die jungen Lehrkräfte, die uns aufgebaut haben. Emanzipation war für uns keine Sache, um die man kämpfen muss, sondern die man realisiert. Ganz so einfach war das natürlich nicht. Aber wir haben es so empfunden, in diesem Alter."


Leserbrief geschrieben. Das gab Ärger.

Themen wie die Änderung des sogenannten Abtreibungs-Paragrafen waren auch im Gymnasium vieldiskutiert. "Es war ein Filmprojekt dazu geplant, in dem ich mitspielen sollte. Es kam aber letztlich doch nicht zustande."

Dass man etwas erreichen kann, wenn man sich einsetzt - auch gegen Widerstand - hat die heutige Fraktionsvorsitzender der GAL in Bamberg schon als Schülerin erfahren. "Das Eichendorff-Gymnasium hat auch damals an Raumnot gelitten. Ich habe zu diesem Thema einen Leserbrief geschrieben - und wurde dafür von der Direktorin ordentlich zusammengestaucht. Aber es hat sich in dieser Angelegenheit dann tatsächlich etwas bewegt."

Waren Jugendliche in den 70er-Jahren politisch interessierter? "Doch, durchaus. Man ist zu Diskussionsveranstaltungen gegangen. Es war so vieles im Umbruch - nicht nur, was die Rolle der Frau anging. Ich wollte gerne informiert sein. Was Angebote im Freizeitbereich anging, waren damals die Kirchen dominant."


Lesben? Sowas gibt's?

Nach dem Abitur 1976 ging Ursula Knauer, wie sie damals hieß, nach Berlin, um Architektur zu studieren. "Dort bin ich in mancherlei Hinsicht aus allen Wolken gefallen. Dass es Schwule und Lesben gibt, die dazu noch für ihre Rechte eintreten, hatte ich nicht gewusst.

In der Großstadt bekam ich alles hautnah mit: die Hausbesetzerszene, die Demos gegen den Paragrafen 218. Heutzutage unterscheiden sich die Themen in der Provinz und in den Städten nicht mehr so gravierend."