Tino König schenkt ein. Das Glas füllt sich, das Bier steigt von ganz unten stetig nach oben. Dort entfaltet es eine attraktive Krone, ehe es danach Schluck für Schluck weniger wird.

Die Szene spielt während unseres Besuchs in Königs Haus in der Haingasse. Sie taugt aber auch zu einem bildhaften Vergleich mit der Geschichte des Kaufhauses, das ihn in Kronach zu einer Persönlichkeit machte. "Wer das Kaufhaus König kannte, der weiß, wovon wir sprechen", sagt Tino König.


Mit Sarggarnituren gestartet

Der heute 90-Jährige startete nach dem Zweiten Weltkrieg auf nur zehn Quadratmetern als Verkäufer von Sarggarnituren. Für 2,85 Mark bot er Papierkopfkissen und Bettbezüge an, die zum Aufbahren benutzt wurden.

Mit den Jahren ging es stetig bergauf. Zu seinen Glanzzeiten hatte das Kaufhaus am Marktplatz in der Oberen Stadt in den 60er und 70er Jahren über 30 Mitarbeiter. Es war die erste Modeadresse der Stadt. Ehe es sich ab den 80ern Schritt um Schritt einem neuen Konsumverhalten beugen musste.

Zu Besuch bei König zeigt sich der besondere Charakter des "waschechten Frankenwälders" (O-Ton König), der die alte Schule des Kaufmanns verkörperte. "Er war nicht über die Maßen streng, aber immer eine Respektsperson", sagte im Vorfeld eine ehemalige Mitarbeiterin zu unserer Redaktion.

Nach ein paar Stunden mit König wird klar, was sie damit meint. Der ehemalige Kaufhauschef ist sehr gastfreundlich und offen, zugleich aber auch im hohen Alter noch selbstbewusst und überzeugend. "Das gefällt mir gar nicht", sagt König, als eine Bierflasche neben dem Untersetzer abgestellt wird. Mit ruhigen, aber klaren Worten.


Bier passt zum Image

Auch Königs Getränk passt zum Eindruck. Auf der einen Seite dominiert das Bodenständige - es gibt weder Prosecco noch teuren Wein. Auf der anderen Seite das Besondere: Denn es muss schon ein Pilsener sein, das Königs Namen trägt. "Das passt zu meinem Image", sagt er.

Die Kombination aus Bodenständigkeit und Expertenkenntnissen - sie war Königs Erfolgsmodell. "Der Chef stand als Erster auf der Leiter", erinnert sich König an das Anbringen der Gardinen, für die das Kaufhaus ebenfalls bekannt war.

An den 70 Meter langen Schaufenstern, die von drei Dekorateuren geschmückt wurden, blieben die Passanten staunend stehen und freuten sich auf ihren nächsten Einkauf. Dabei bot König für jeden Geldbeutel etwas. "Es ging bei 10 Mark los und hörte bei 700 Mark auf", sagt König über seine Wintermäntel.

"Wir machten enorme Umsätze, weil wir die richtige Ware am richtigen Ort hatten", sagt König über die 60er und 70er, in denen das Kaufhaus seine beste Zeit hatte. "Wir haben schon im Januar für den nächsten Winter eingekauft." Dafür reiste König, der Vorsitzender des Kronacher Einzelhandelsverbands war und Mitglied in über 30 Vereinen ist, quer durch die Republik.


Verkaufsfläche wird größer

Die Verkaufsfläche wuchs. Zunächst kam der erste Stock des Gebäudes in der Lucas-Cranach-Straße dazu. Später wurde auch das Nebenhaus, die ehemalige Stadtkämmerei, gepachtet. Dort waren die Expedition und die Gardinen-Näherei untergebracht.

Gegründet wurde das Kaufhaus 1866 - noch unter dem Namen Wachter. Tino Königs Großvater benannte es um. Zunächst gab es dort fast nichts, das es nicht gab. Textil und Kurzwaren, Knöpfe und Schließe standen zum Verkauf. Ende der 60er Jahre spezialisierten sich Tino König und Vater Karl auf Mode.

Die persönliche Beratung war typisch. "Der Chef begrüßte jeden mit Handschlag und Diener", erzählt eine frühere Kundin. "Er musste dich nur anschauen und wusste deine Größe." So wurde König in Kronach trotz der Konkurrenz anderer Modehäuser (Wachter, Jungkunz, Schaub) Marktführer.

Irgendwann jedoch sanken die Umsätze. Ein Grund: die Weka-Gründung 1966. "In den ersten Jahren gab es wegen der erhöhten Frequenz in der Stadt sogar einen Aufschwung", berichtet König.

In der Folge aber merkte er die Konkurrenz der Weka und großer Kaufhäusern in anderen Städten. Einen kurzen Aufschwung gab es nach der Wende. 1998 wurde die Firma dann liquidiert. Eines aber bleibt: Die Vorfreude am Schaufenster und ihre Lieblingsstücke - viele ältere Kronacher werden sie nie vergessen.



König-Stammtisch

Kolleginnen sind sie lange nicht mehr, den Stammtisch des früheren Arbeitgebers pflegen sie aber noch immer. Achtmal im Jahr treffen sich frühere König-Verkäuferinnen im "Kaiserhöfer" und tauschen Anekdoten über das damals größte Kaufhaus der Stadt aus.