Heutzutage würde sie wahrscheinlich gar nicht mehr auffallen: Eine Person, die alle 200 bis 300 Meter eine Kamera vors Auge hält und die Umgebung ablichtet? Nichts Besonderes. Nicht in heutigen Selfie-Zeiten, in denen selbst das Mittagessen vor dem ersten Bissen erst mal mit dem Smartphone fotografiert und auf Instagram hochgeladen wird.

In den 70ern jedoch? Da konnte manch ein Grenzpolizist seine Augenbraue schon mal zweifelnd hochziehen und sich den Fotografen einmal genauer anschauen. Auch im Kreis Kronach - von dessen 220 Kilometern Landkreis-Grenze ganze 102 Kilometer die Landesgrenze zur DDR bildeten.


"Aber was hilft das?"

"Hatten wir eine verdächtige Person im Auge, die möglicherweise ein DDR-Agent sein konnte, haben wir diese unseren Kollegen der Kriminaldienststelle Ludwigsstadt übergeben", erinnert sich Manfred Ziereis. Erst stationiert bei der Grenzpolizeistation in Nordhalben, wechselte er ab 1975 als Leiter zu den Pressiger Kollegen. Dort war er dann für die Überwachung von neun Kilometern Grenze zur DDR verantwortlich. Immer wieder hätten Agenten versucht, die Umgebung hinter der Grenze zu dokumentieren, um so einen Schleusungsweg für weitere Agenten vorzubereiten.

Ein beliebter Trick der DDR-Spionage sei es dabei gewesen, die Fahrer der Lastwagen, die mit Altglas zu den Hütten nach Steinbach am Wald fuhren, für Aufträge zu nutzen. "Die haben sicherlich auch einfach nur Glas zerstört, um genug Material für eine weitere Ladung zu haben", ist der 72-Jährige überzeugt. Denn wichtiger als Altglas loszuwerden, war es der DDR freilich, neue Informationen zu erhalten. Sei es über die Bundeswehr-Kaserne in Naila, die Radarstation in Schwarzenbach am Wald oder die maximale Traglast der umliegenden Brücken. "Die Fahrer, die hierher fahren durften, sind daher überall im Landkreis angetroffen worden", sagt Ziereis. "Da kann man sich schon vorstellen, was die gemacht haben."
Über Rudolphstein eingereist, hätten sie eigentlich direkt auf der B 173 nach Steinbach am Wald fahren können, sie fanden sich aber trotzdem unter anderem auf der Autobahn wieder. "Die sind natürlich von der Polizei oder dem Verfassungsschutz kontrolliert worden, aber was hilft das?", fragt Ziereis rhetorisch. "Denen was nachzuweisen, war schon schwer."

Manchmal sei auch ein Beifahrer mit dabei gewesen, der urplötzlich irgendwo ausstieg und erst auf dem Rückweg vom Lkw-Fahrer wieder aufgesammelt wurde. Das habe dann natürlich den Verfassungsschutz interessiert.


Besonderes Situation

Interessiert waren Ziereis und dessen Kollegen auch an der Bevölkerung der westdeutschen, grenznahen Orte, für deren Schutz sie verantwortlich waren. Hier übernahmen sie auch allgemeine polizeiliche Aufgaben, wie die Aufnahme von Verkehrsunfällen oder die Bearbeitung von Sachbeschädigungen. "Das war ein ganz besonderes Vertrauensverhältnis", erinnert sich Ziereis. Das sei auch nötig gewesen. "Wir waren ja darauf angewiesen, dass wir von ihnen Mitteilungen erhalten, wenn sie etwas beobachtet haben." Auch bei erfreulichen Fällen: Etwa, wenn einem DDR-Bürger tatsächlich einmal die Flucht gelang.

Eine weitere Rolle, die der Grenzpolizei zukam, war, zu beobachten, ob und wie sich die Grenzanlagen der DDR verändern - und da tat sich einiges. Was 1952 mit einem einreihigen Stacheldrahtzaun begann, endete 1982 in Heinersdorf sogar mit einer Betonmauer nach Berliner Vorbild.


Kontakt zu Ost-Grenzern

Ziereis ist froh, dass diese Zeit nun der Vergangenheit angehört, seine einstige Tätigkeit an der Grenze mit der Wiedervereinigung überflüssig geworden ist. Dennoch gibt es Situationen, an die er sich im Nachhinein noch gerne mit einem Lächeln erinnert.

Zu Gesprächen mit DDR-Soldaten an den Grenzanlagen sei es nicht oft gekommen. Doch wenn, konnte es mitunter skurril zugehen. "Mit uns zu sprechen, war denen ja eigentlich verboten", weiß Ziereis. "Aber sie haben das ganz clever gemacht."
Hatte er einem Soldaten etwa gerade das Ergebnis des letzten Club-Spiels mitgeteilt und nun seinerseits eine Frage gestellt, dann sei der eigentlich verbotenen Antwort stets noch ein Halbsatz vorangestellt worden: "Mensch Kollegen, der Ziereis weiß doch längst, dass ...".