Die Kälte! Jemand, der in West Palm Beach, Florida, geboren ist, der empfindet den Winter in Oberfranken als körperliche Attacke. Charles "CJ" Johnson" ist 18, als er zum ersten Mal in seinem Leben Schnee sieht. Für den Schwarzen eine besondere Erfahrung.
Wir schreiben das Jahr 1977. Ein drahtiger Jüngling mit gestutzten Afro-Locken kommt erst über den großen Teich und dann über den Umweg Augsburg auf den Bindlacher Berg. Ein junger GI wie Hunderte andere, die die US-Army nach Good Old Germany entsendet - zur Sicherung der deutschen Grenze zum (ganz) nahen Osten. Charles Johnson und seine Kameraden vom 7th Cavalry Regiment haben den Auftrag, den Streifen zur CSSR zu überwachen. Denn auf der anderen Seite des Stacheldrahts, da lauert der Feind: der Warschauer Pakt; das Reich des Bösen. Oder im Volksmund: der Russe!


Eingreifen musste er nie

"Bis auf 1000 Meter kamen wir an die Grenze heran. Weiter durften wir nicht." Charles Johnsons Lächeln legt weiße Zähne frei. Sein Bataillon umfasst mehrere Hundert Mann. Er selber ist Spezialist für das Radar. "Wir waren die Augen für das Militär in Bayreuth." Sofern es Truppenbewegungen gegeben hätte: Charles Johnson und seine Mannen wären die Ersten gewesen, die es bemerkt hätten. Hätte, hätte, Fahrradkette. "Der Fall trat nie ein."
Zum Glück, sagt er heute rückblickend und streicht sich durch seine (wieder) kurzen Löckchen. Wie groß war die Angst vorm Ernstfall? Charles Johnson knetet seine Hände und sagt bedächtig: "Wir waren gut ausgebildet und hatten sehr gute Ausrüstung. Vor diesem Hintergrund waren wir der Überzeugung, dass es die Gegenseite nicht wagen würde, uns anzugreifen." Er lächelt wieder. Auch wenn kein einziger Schuss fällt in den zwei Jahren seiner Dienstzeit, so muss er heute konstatieren: "Im Nachhinein betrachtet war es maßlose Selbstüberschätzung."


Langweiliger Kasernenalltag

Der Kasernenalltag ist für den damals 18-Jährigen "boring", sprich: langweilig. Die Manöver laufen immer nach demselben Muster ab. Dazu kommt das oberfränkische Wetter. "Eigentlich hatte ich mich nach der Grundausbildung in South Carolina auf Spanien als Einsatzgebiet in Europa vorbereitet." Die Army kommt für ihn auch daher in Betracht, weil seine Eltern bei sechs Kindern nicht jedem eine höhere Schullaufbahn bezahlen können. "Ich wollte drei Jahre dienen und mit den Benefits, also den Zuschüssen, die es gab, nach meiner Rückkehr studieren." Es sollte anders kommen.
Außerhalb des Camps macht der junge GI eine schlimme Erfahrung: "Ich habe gemerkt, dass ich mit meiner Hautfarbe nicht wirklich willkommen bin." In so mancher Kneipe heißt es für einen wie ihn: Wir müssen draußen bleiben. "Da gab es viele Lokalitäten, die waren für mich ,off limits'."
Das alles wirkt desillusionierend auf den jungen Amerikaner. Vielleicht, betont er, ist es auch sein Glaube an Jesus Christus gewesen, der ihn damals positiv gestimmt habe angesichts einer schwierigen politischen wie persönlichen Lage. Der Sohn einer Pastorin ist von Kindesbeinen an mit Religion vertraut. Er singt mit im Kirchenchor seiner Heimatgemeinde - und kommt so mit der Musik in Berührung. Sie soll ihn ein Leben lang begleiten. Und so kurios es klingen mag: Bayreuth wird zum Ausgangspunkt genau jener Karriere als Sänger. "Noch während der Army-Zeit habe ich mit meinem Kameraden Wesley Moore, Spitzname ,Slim', Musik gemacht", sagt Charles Johnson. Im "Old Baily", einem Club für GIs in der Wagnerstadt, tritt eines Abends eine Band auf namens "Tin, Skin & Wire". Sie spielt englischsprachigen Rock und Soul. "Ich dachte mir: Da kann ich doch mitsingen!" Er steigt zu den Jungs auf die Bühne - der Beginn einer Freundschaft, die drei Jahrzehnte später in eine Band namens "CJ & The Sunshine Gang" mündet.
Mit der tritt der heute 59-jährige Charles Johnson immer noch auf. Ein weiteres Standbein hat er sich als Hochzeitssänger geschaffen - mit über 50 Terminen pro Jahr und Auftritten im In- und Ausland. Beruflich wie privat ist der Ex-GI in der Region hängengeblieben. Seine Ehefrau Hildegard, eine Bayreutherin, lernt er im "Old Baily" kennen, 1980 heiratet er sie.
Erst als Zivilist lernt er Deutsch, macht nach einigen Aushilfsjobs an der Abendschule seine Ausbildung zum IT-Fachmann und kommt so als Systembetreuer an die Uni Bayreuth. In den Staaten war er letztmals 2015 anlässlich der Beerdigung seiner Mutter.


Die Zeit vermisst er nicht

Und am Bindlacher Berg? "Nur noch ein oder zwei Mal." Er vermisst es nicht. "Drei Jahre in Uniform waren genug. Wobei ich es für richtig hielt, meinem Land gedient zu haben." An die Kälte im deutschen Winter hat er sich gewöhnt.