Deutschland in den siebziger Jahren: Das Jahrzehnt ist noch jung, als sich sich die Rote Armee Fraktion (RAF) gründet. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace formiert sich und ein Bild von großer Symbolkraft geht durch alle Medien: der Kniefall von Bundeskanzler Willy Brand vor dem Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos. Die Geiselnahme von München bewegt weltweit die Menschen. Deutschland diskutiert über den Radikalenerlass und den NATO-Doppelbeschluss. Im "Deutschen Herbst" verbreitet die RAF Angst und Schrecken, und am Ende des Jahrzehnts hat sich eine ganze Menge geändert im Land.
Und in Kulmbach? Da bleibt es vergleichsweise ruhig. Nur hin und wieder einmal weht der Wind der Geschichte auch durch die fränkische Provinz. Dann zum Beispiel, wenn Staatssekretär Karl Herold wieder einmal politische Prominenz in seiner Heimatstadt begrüßt.


Suche nach neuen Wegen

"Die großen Ereignisse haben kaum einmal ihren Niederschlag in Kulmbach gefunden", bilanziert Wolfgang Protzner, promovierter Historiker und seit Ende der Siebziger Jahre zweiter Bürgermeister der Stadt Kulmbach. Die Stadt habe in jenem Jahrzehnt das Ende einer alten Industriekultur erlebt, und man habe um Ideen gerungen, die der Stadt eine neue Ausrichtung geben sollten. "Es war eine Ahnung da, dass wir neue Wege gehen müssen."
Pläne wurden geschmiedet: Für eine Stadthalle, für einen zentralen Parkplatz, um den sich Geschäfte gruppieren sollten, für eine Umgehungsstraße - und für den Ausbau des Schießgrabens. Dagegen regte sich Widerstand: Die Protestkultur der Siebziger war in Form der "Altstadtfreunde" auch im beschaulichen Kulmbach angekommen. Dabei handelte es sich um eine anfangs lose Gruppierung unterschiedlichster Menschen, die die Angst einte, mit dem Ausbau könnte der anheimelnde Charakter des Straßenzugs verloren gehen.

"Die Stimmung war schon aufgeheizt in der Stadt", erinnert sich Jörg Naumann, damals Sprecher der Initiative und später Vorsitzender des gleichnamigen Vereins. Bei einer Informationsveranstaltung im Heilingschwertturm sei der Andrang so groß gewesen, dass der Platz bei weitem nicht ausreichte.
Man sei ins Vereinshaus ausgewichen. "Auch da war alles überfüllt. Man sagte damals, einen ähnlichen Andrang habe es nur gegeben, als Franz Josef Strauß in Kulmbach sprach", so Naumann.

Im Rathaus beobachtete man die Initiative, der sich Menschen aus unterschiedlichsten politischen Lagern angeschlossen hatten, mit Argwohn. Von einer "Palastrevolution" soll die Rede gewesen sein.

Dabei habe man sich gar nicht gänzlich gegen einen Ausbau des Schießgrabens gesperrt, so Jörg Naumann. Man habe aber die sogenannte Süd-Tangente verhindern wollen, in deren Verlauf die Karl-Jung-Straße zweispurig hätte ausgebaut und der Schießgraben vor allem "autogerecht" hätte gestaltet werden sollen.
Sogar über einen Tunnel unter dem Rehberg von Weiher in die Innenstadt dachte man seinerzeit nach...


"Heute sieht das schön aus"

Die Diskussion um den Ausbau des Schießgrabens zog sich durchs ganze Jahrzehnt. Nachdem 1967 ein Teil der Stützmauer eingestürzt und die Straße für einige Zeit gesperrt worden war, wurde 1969 ein erster Abschnitt ausgebaut.

Nach einigem Hin und Her beschloss der Stadtrat 1978 den zweispurigen Ausbau im Rahmen der Stadtsanierung - da war die Protestwelle schon angerollt, die im Dezember dann in der offiziellen Gründung des Vereins "Altstadtfreunde" gipfelte.

Noch zwei Jahre sollte es dauern, bis der sanierte Schießgraben wieder freigegeben wurde - und es still wurde um die "Altstadtfreunde". "Der Zweck unserer Initiative war erreicht. Wir haben es geschafft, dass der Schießgraben ansprechend gestaltet wurde mit Pflasterbelag, Lampen, Grün und dem Entenweiher", sagt Jörg Naumann. "Heute sieht das ja alles sehr schön aus."