Es gab weder Home-Office noch Heimkino oder Facebook: Wer in den 70er Jahren etwas erledigen, erleben oder erfahren wollte, wer Leute treffen und sich die Zeit vertreiben wollte - der musste auch mal aus dem Haus gehen. Bis in die 60er war bei einer 48-Stunden-Woche eine typische Freizeitaktivität vieler Menschen der sonntägliche Verwandtenbesuch, wie der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt einmal der "Welt" sagte. Der Professor ist vor allem Zukunftsforscher in Norddeutschland, aber unter anderem auch Gründungsmitglied des Bayreuther Zukunftssymposiums. Einer, der sich auch mit der Vergangenheit auskennt.


Exotische Vögel für 1,80 DM Eintritt

Die 70er waren die Dekade, in der die Gewerkschaften den Leuten einige Freizeit erkämpft hatten, die Kinos größer wurden und die neuen Vergnügungsparks ihre Tore öffneten.
So wie das Freizeit-Land Geiselwind, das Ernst Mensinger 1969 als "Vogel-Pony-Märchen-Park" bei Geiselwind (Kreis Kitzingen) eröffnete. Der Kaufmann züchtete seit Jahren Hühner und seltene, auch exotische Vogelarten - und das fanden damals viele spannend.
Er wollte einen Park, in dem die Tiere nach Möglichkeit frei herumlaufen und ohne Gitter und Schranken hautnah gezeigt werden. "Oberstes Gebot und damals bahnbrechend neu war das Safari-Prinzip", erklärt Brigitte Mahr. Sie ist Pressesprecherin im heutigen Freizeitland Geiselwind, das Ende 2016 der Coburger Matthias Mölter gekauft hat. Mahr erklärt, dass der Erfolg des Konzepts Ernst Mensinger recht gab: "Schon in der ersten Saison strömten mehr als 100 000 Besucher bei einem Eintrittspreis von DM 1,80 durch die Eingangstore."


Pumas und ein Märchenschloss

Auch der Erlebnispark Schloss Thurn - eröffnet 1975 gut 45 Kilometer östlich bei Heroldsbach im Landkreis Forchheim - begann mit Wild- und exotischen Tieren: Antilopen, Zebras, Bären, Pumas, Leoparden. Parkgründer Hannfried Graf von Bentzel ist heute fast 80, und gehörte schon in den 70ern zum alten Adel. Aber er war offen für neue Ideen, sah die Freizeitwelle als Möglichkeit, das Schloss zu erhalten. Er gestaltete den Schlosspark zum Erlebnispark um.


Kindheit in der Westernstadt

Benedikt Graf von Bentzel, der heutige Geschäftsführer, erinnert sich noch an die Errichtung des Märchenschlosses. Sieben Jahre alt war er da und fasziniert von den Bauarbeiten. Seine Schwester Theresia Gräfin von Bentzel, ebenfalls seit 20 Jahren im Familienbetrieb beschäftigt, war bei der Eröffnung des Parks drei, erinnert sich aber gut an die Märchen und die Westernstadt. "Wir sind damals nur als Cowboys rumgelaufen", sagt die 46-Jährige. Mit vier Geschwistern wuchs sie "auf einem Riesen-Spielplatz" auf. "Und ich glaube, mein Vater dachte wie viele andere Väter, dass es schön wäre, eine Eisenbahn zu haben." Statt im Keller baute er sie im Park.


Von der Freizeit- zur Erlebnisgesellschaft

Auch Geiselwind lockte mit einem Western-Zug ins Freizeitvergnügen. Es gab Schwanenboote, ein Karussell und wie in Schloss Thurn wurde kontinuierlich aus- und umgebaut. Heutige Vergnügungsparks sind ein bisschen weniger Zoo. Mehr "höher, schneller, weiter", mehr Technik, mehr Erlebnisgesellschaft. Dem Forscher Ulrich Reinhardt zufolge waren die 70er aber das "goldene Jahrzehnt der Freizeit".