Zwei schmale Einkaufsgänge, 320 Quadratmeter. Zweckmäßigkeit und schlichtes Blau-Weiß prägte den "Albrecht"-Laden bei der Eröffnung am 23. November 1972 in der Haßfurter Hauptstraße.

1976 wurde aus dem "Albrecht" der "Aldi", das farbenfrohe Gelborangerot von "Aldi Süd" kam erst viel später. Mitarbeiterin der ersten Stunden ist Monika Pfeffermann aus Augsfeld. Die 65-Jährige pflegt bis heute herzlichen Kontakt zu den Menschen und dem Markt am Sterzelbach: "Aldi war mein Leben", sagt sie.

Die "Pfeffi", Harald Markfelder ("Chef" ab 1987 in Haßfurt) beide in Rente und Ulrike Kluczniak - bald in Rente - sind Ur-Personal. 43, 35 und 39 Jahre gehörten sie dem Unternehmen an, das wie kein anderes in Deutschland Wirtschaftsgeschichte schrieb. Zehn Jahre, nachdem die Gebrüder Albrecht mit ihrem bahnbrechenden Konzept im Ruhrgebiet gestartet waren, kamen sie in Haßfurt an. Und sie wurden angenommen.


Unerfüllte Wünsche

Für Monika Pfeffermann war es eine Zeit, in der sich ihre Lebensweichen stellten. Die junge Frau wäre nach der Landwirtschaftsschule gerne Friseuse oder Krankenschwester geworden, aber im elterlichen Betrieb wurde sie gebraucht. Für einige Stunden durfte sie beim Metzger arbeiten. Eine Bekannte sprach die 21-Jährige an. "Du bist doch viel zu schad' dafür - der Aldi sucht Leut'!" So marschierte Monika hin, füllte den Personalfragebogen aus - und wurde genommen. Nun war sie selbstständig. Ungeheuerlich in dem staubigen Städtchen auf dem Land. Wo noch bis Mitte der 1970er Jahre eine verheiratete Frau ihrem künftigen Arbeitgeber die Erlaubnis ihres Ehemannes vorlegen musste, sonst durfte sie nicht arbeiten.

Anfangs hatten "Pfeffis" Eltern an der Entscheidung ihrer Tochter zu kauen: Es war Herbst, Monika musste nach Bamberg in die Luitpoldstraße zum Einlernen. Mit dem Fahrrad fuhr sie zum Bahnhof Haßfurt, von da nach Bamberg und abends in der Dunkelheit wieder heim. "Die Preise hab ich im Zug gelernt. Ich hab sie in drei Tagen im Kopf gehabt." Das ging auch dank Einsagen so schnell; an der Kasse stand eine Frau hinter ihr. Ulrike Kluczniak aus Sylbach lernte das auch so. Ob ein Artikel 79 oder 59 Pfennig kostete, das "hat man sich vom Äußeren her eingeprägt".


Jedes Stück musste umgehoben werden

Geradezu legendär arbeiteten die "Aldi"-Frauen: Die Ware wurde Stück für Stück aus dem einen Einkaufswagen in den anderen gehoben. Da waren "die Händ' gar nicht so schnell wie die Augen", sagt Ulrike Kluczniak. Und die vier "Schnellkassen"! Große eckige mechanische Tasten, eine dicke schwere Haupttaste. Zum "Return" brauchte es den Handballen. "Ich hab 28 Jahre über 700 Basispreise im Kopf gehabt", "Pfeffi" redet sich im Kreise ihrer einstigen Mitstreiter in Fahrt.

Eines gibt's bei "Aldi" bis heute: Selbst die Computerkassen geben Rückgeld nicht vor. Warum? Weil der Mensch schneller erkennt, welchen Geldschein der Kunde in der Hand hält und das Gehirn das Rückgeld umgehend vorgibt, "es ist effizienter", sagt Sandra Martyniuk, die heutige Filialleiterin.
Ein bisschen staunend lauscht die 25-Jährige, die das Abiturientenprogramm bei Aldi Süd absolvierte, den Schilderungen des Trios.

Harald Markfelder beschreibt, wie die Mitarbeiter mit dem Zieh-Hubwagen (ohne Motor) die Paletten in den engen Gang manövrierten. Dann wurde frühmorgens zu dritt blitzartig vor Ladenöffnung aufgefüllt, um die Wege für die Einkaufswagen frei zu haben. Mehl, Zucker in Zehn-Kilo-Packen, Milch in Zwölferkartons. Backpulver, Vanillezucker ("kein Puddingpulver!"), Nudeln, Margarine, Klopapier, Zwei-Liter-Weine wie Lambrusco (in Sechser-Kartons). "Obst in Dosen wie Pfirsich oder Mandarinen, das war Neuland", sagt Monika Pfeffermann, die Dosenchampignons bestaunten die Kunden regelrecht.

"Pfeffi" weiß noch, wie die "Landleute" den Laden erkundeten. Daheim im Dorfladen hatten sie ein Körbchen am Arm, hier füllten sie einen großen Wagen mit unglaublich billiger Qualitätsware. "Die waren zurückgezogen, eher schroff" (Pfeffermann), reagierten selten auf das freundliche "Grüß Gott" der Angestellten.


Wenn es Geld gab

Die Monatsersten oder der 15.te waren einkaufsstark: Da gab's Geld. Oder die Wochenenden. Den Haßfurter Säulesmarkt besuchten die Bauern einmal im Monat am Freitag, beschreibt Monika Pfeffermann. "Die Männer gingen auf den Markt, die Frauen kauften im Aldi ein. Dann ging's in die Wirtschaft Melotta, da konnt' man gut essen." Wenn man sich 'was gönnen wollte, etwa zum Geburtstag, da gab's den roten Edellikör für die Frau (6,99 DM) und den Cognac für die Männer (9,99 DM); "Weihnachten die Weinbrandbohnen".

Ab und an baten die Kundinnen, ob sie den Einkaufswagen kurz mitnehmen könnten. An der BayWa (heute Stadthalle) befand sich der Landwirtschaftshandel, vor dem die Bauern den Trekker abgestellt hatten. Über das Kopfsteinpflaster ging manches Mehl- oder Zuckerpäckchen verloren.
Es war eine schöne Zeit, sind sich alle drei einig: "Die Arbeit hat zusammengeschweißt", sagt Monika Pfeffermann, "wir waren ja auch lange zusammen."