Immer weniger Eltern bringen ihren Kindern das Fahrradfahren bei. "Neun vierte Klassen konnten vor dem Ausbruch von Corona noch die praktische Fahrradprüfung in der Stadthalle ablegen, 13 Kinder konnten dabei nur zusehen", sagt Thomas Heublein. Wie der Verkehrserzieher der Polizei Lichtenfels berichtet, würden manche der Kinder erst noch groß aufsprechen und dann keine drei Meter weit kommen. "Für die Schüler ist es schwer zu beichten, dass sie nicht Rad fahren können. Sie schieben es dann auf die Räder, die wir zu den Einheiten mitbringen."

Gemeinsam mit seiner Kollegin Ileen Fischer-Köhn ist Heublein seit 15 Jahren im Landkreis unterwegs, um die Viertklässler in Sachen Radfahren praktisch zu schulen und ihnen dann auch die Fahrradprüfung abzunehmen. "Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie konnten wir in diesem Schuljahr noch die Kinder der Grundschulen in Lichtenfels, Roth, Hochstadt und Schney auf die Teilnahme am Straßenverkehr vorbereiten", berichtet der 57-Jährige. Danach kam der Lockdown.

Drei Übungseinheiten

Auf die Fahrradprüfung bereiten sich die Kinder in drei Übungseinheiten für je zwei Schulstunden vor. "Wir kommen mit einem Laster und bringen Räder für die Kinder mit, die keine Gangschaltung und drei Bremsen haben", berichtet Heublein. In der ersten Einheit liegt der Fokus auf dem Rechtsabbiegen und den Vorfahrtsregeln. "In der zweiten Einheit kommen dann Vorfahrtsschilder und das Linksabbiegen dazu. Für die dritte Übungsstunde wird außerdem eine Ampelanlage im Parcours aufgebaut", beschreibt er das Vorgehen. Zunächst wird der Parcours zu Fuß abgelaufen, hier nehmen auch die Kinder teil, die nicht Fahrrad fahren können.

Bevor die praktische Fahrradprüfung abgelegt wird und die Kinder ihren Wimpel erhalten, steht außerdem eine theoretische Prüfung an. "Die Theorie vermitteln und prüfen die Lehrer im Unterricht, wir erklären die Verkehrsregeln zusätzlich beim Gang durch den Parcours."

Prüfung alleine und in der Gruppe

Der praktische Teil der Prüfung besteht aus zwei Teilen. Zunächst muss jedes Kind alleine durch den vorgegebenen Parcours fahren. Anschließend wird der Parcours in Gruppen noch einmal zehn Minuten in Gruppen befahren. "Die Schüler bekommen Startnummern, wir stehen am Rand und notieren uns die Fehler, für die es, je nach Schwere - bis zu drei Fehlerpunkte gibt", sagt Heublein. Wer mehr als zehn Fehlerpunkte hat, fällt durch.

Von den 168 Kindern, die an der Fahrradprüfung in der Stadthalle teilgenommen haben, sind im ersten Anlauf 60 Kinder durchgefallen. "Direkt im Anschluss an die praktische Prüfung gibt es einen Nachholtermin. Hier haben noch 30 der Kinder bestanden", berichtet Heublein. Die Eltern der Schüler, die nicht bestanden haben, erhalten ein Schreiben, das unterschrieben wieder abgegeben werden muss. "Wir weisen die Eltern so darauf hin, dass sie mit ihren Kindern noch üben müssen."

Im Realverkehr

Mit dem Erlangen des Fahrradführerscheins dürfen die Kinder offiziell mit dem Rad zur Schule fahren. Deshalb wird üben Heublein und Fischer-Köhn im Anschluss noch gemeinsam mit ihnen das Fahren im Realverkehr. "Hier dürfen die Viertklässler ihre eigenen Räder mitbringen, die wir im Vorfeld auf Verkehrssicherheit überprüfen", erzählt Heublein. Die Kinder fahren die ein bis zwei Meter lange Strecke erst mit ihm und seiner Kollegin und dann alleine ab. "Die Eltern sind dabei als Streckenposten vor Ort."

Die Viertklässler des Landkreises, die ihre Fahrradprüfung nicht im Winter in der Stadthalle ablegen konnten, sondern in den Wochen danach an der Reihe gewesen wären, haben keine Möglichkeit, die Prüfung nachzuholen. "Das schaffen wir zeitlich nicht mehr", bedauert Heublein. Dafür halten er und seine Kollegin für die betroffenen Schüler Unterrichtsstunden zum Thema Toter Winkel.

Ein hoher Stellenwert

"Früher war es für die Eltern ein Ziel, dass das Kind bis zur Einschulung Rad fahren und schwimmen kann - das ist heute nicht mehr so", bedauert Pia Löffler. Wie die Rektorin der Dr.-Roßbach-Grundschule in Lichtenfels berichtet, gab es in jeder vierten Klasse mindestens ein Kind, das nicht Rad fahren konnte. "Dabei machen wir schon in der Jahrgangstufe 3 Übungen mit den Schülern und weißen die Eltern dann gegebenenfalls darauf hin, mit ihren Kindern zu üben."

Für Löffler hat die Fahrradprüfung einen hohen Stellenwert, weil sie die Kinder auf die Teilnahme am Straßenverkehr vorbereitet. "In den letzten Jahren fand ich den Zeitpunkt der Prüfung im Januar immer ungünstig, weil hier immer viele Proben geschrieben werden, die für den Übertritt an die weiterführenden Schulen wichtig sind", berichtet die Rektorin. In diesem Jahr ist sie hingegen sehr froh, dass ihre Schützlinge vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie noch die Möglichkeit hatten, die Prüfung abzulegen.

In diesen Tagen wären Heublein und seine Kollegin vor Ort an der Friedrich-Baur-Grundschule gewesen, um die Viertklässler auf die praktische Fahrradprüfung vorzubereiten. "Die Übungseinheiten und die Prüfung fanden immer auf unserem Sportplatz statt - die Praxis fehlt den Kindern natürlich", sagt Rektorin Susi Krauß. Die Enttäuschung der Viertklässler über die ausfallende Fahrradprüfung sei sehr groß gewesen.

Um die Kinder trotzdem so gut wie möglich auf die Teilnahme im Straßenverkehr vorzubereiten, wird das theoretische Wissen für die Fahrradprüfung derzeit im Heimat- und Sachkundeunterricht vermittelt. "Herr Heublein hat alle Unterlagen vorbeigebracht, so dass die Kinder zumindest den theoretischen Teil der Prüfung ablegen können", berichtet Krauß. Außerdem planen die Lehrer der Viertklässler praktische Einheiten in kleinen Gruppen. "Die Kinder müssen ihre eigenen Räder mitbringen, außerdem wird streng darauf geachtet, dass die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden."