"Hallo, liebe Kinder! Schön, dass ihr wieder da seid auf Margits Märchenkanal. Heute möchte ich wieder meine Schatzkiste für euch öffnen. Ich bin gespannt, welches Märchen aus meiner Märchenschatzkiste jetzt zu euch kommen möchte." Margit Schreppel öffnet die Schatzkiste und beginnt, ihr Märchen zu erzählen.

Die Islingerin ist ausgebildete Märchenerzählerin. In der Zeit, in der sie nicht persönlich vor Zuhörern stehen kann, hat sie begonnen, Märchen für Kinder in Videoform zu erzählen. Zehn bis knapp 20 Minuten lang sind die Erzählungen, die sie von Zeit zu Zeit auf Youtube über den Kanal "Margit's Märchenkanal" veröffentlicht.

Am Anfang sei eine Hemmschwelle da gewesen, die es zu überwinden galt, so ganz ohne die direkte Reaktion eines jungen Publikums, erzählt Margit Schreppel. Nun soll ihre virtuelle Märchenstunde aber ein Brückenschlag sein, eine Hilfe durch die aktuelle Zeit.

Youtube als einfache Lösung

Initiiert haben die Aktion die Aktiven Bürger Lichtenfels. Eines ihrer Anliegen sei es, mit den Lesepaten Kinder an Schulen und Kindergärten an Sprache und auch Märchen heranzuführen, sagt Mitglied Josef Breunlein. Da im Moment keine Treffen stattfinden können, soll der Märchenkanal eine Alternative sein. Vor rund einem Jahr hatte Margit Schreppel bereits eine Schulung mit Tipps zum Erzählen für die Lesepaten gehalten. Josef Breunlein hatte daraufhin die Märchenerzählerin kontaktiert und für die Erzählungen per Video gewinnen können.

Zuerst habe die Idee im Raum gestanden, die Märchenstunden live abzuhalten, beispielsweise über die Videokonferenz-Plattform Zoom, um sozusagen einen virtuellen Vorleseraum zu schaffen, sagt Breunlein. Das ging allerdings mit zu vielen technischen Hürden einher, deswegen sei Youtube dann letztlich die beste und einfachste Lösung gewesen.

Im Moment wartet Margit Schreppel noch auf die Lieferung eines Mikrofons, um die Tonspur ihrer Aufnahmen noch zu verbessern. Die Videos entstehen bei ihr zu Hause vor rotem und blauem Samtstoff, sie selbst trägt dabei keine Alltagskleidung: "Wenn ich einen Erzählauftritt habe, dann trage ich ein Kleid", sagt sie, denn das versetze sie selbst und die Kinder leicht in eine ganz andere Situation. Die Kleidung sei sozusagen bereits die Einführung in eine andere Welt.

Einbindung in die Therapie

Margit Schreppel ist außerdem Heilpraktikerin, hat eine Naturheilpraxis in Lichtenfels. Die Ausbildung zur Märchenerzählerin hat sie zwischen 2015 und 2016 absolviert. "Das ist mir einfach zugefallen", erzählt sie. Zufällig habe sie einen Flyer in einem Café gesehen, als sie ihre Tochter während deren Studium in Rastatt besucht hatte.

"Märchen sind Lebensgeschichten. Wenn man sie entschlüsselt, stößt man auf deren Bedeutung."

Deshalb seien Märchen bei weitem nicht nur für Kinder gedacht. Früher seien sie sogar eigens für die Erwachsenen geschrieben worden, sagt sie. Der Wald oder der Brunnen, Motive in zahlreichen Märchen, stehen meist für das Unbewusste und Tiefe. Als Beispiel nennt sie das Märchen "Frau Holle", in welchem dem Charakter der Goldmarie am Wendepunkt der Geschichte eine Spindel in einen Brunnen fällt. "Die eine der beiden ist fleißig und ihre Arbeit wird nicht honoriert. Es muss erst etwas passieren, dass sich etwas ändert", erklärt sie die Deutung hinter der offensichtlichen Handlung.

Inzwischen hat sie das Erzählen von Märchen auch mit in die Entspannungstherapie in ihrer Naturheilpraxis eingebunden. An einen Schlüsselmoment kann sie sich besonders gut erinnern: Statt einer geführten Meditation habe sie einer Klientin einmal ein Märchen erzählt und dieses anschließend mit ihr kreativ aufgearbeitet. Die Klientin habe in dem Märchen ihre ganze Lebenssituation verdeutlicht gesehen. Zwei Monate später hatte sie ihr ganzes Leben umgekrempelt, erzählt Margit Schreppel.

Kinder hingegen würden die Botschaften von Märchen instinktiv richtig verstehen. Die erzählten Überlieferungen unterscheiden sich auch in einem weiteren Punkt von Filmen. Im Märchen werden die Helden in den seltensten Fällen beschrieben, sagt sie. Da gebe es beispielsweise einen Königssohn, über dessen Aussehen kein Wort verloren wird. Deswegen könne dies jeder sein, die Kinder können sich so leichter mit einer Figur identifizieren, die sich durch eine Charakterentwicklung auf den Weg macht.

Ein Familienerlebnis

Bisher hat die Islingerin vier Märchen auf dem Kanal hochgeladen. Eine feste Zeit in der Woche soll es dafür nicht geben, vielmehr wolle sie das spontan machen, wenn sie Zeit habe. Sie lasse sich auch von Gegenständen wie einer Feder inspirieren, die sie auf ihrem Weg findet.

Zwar sei es doch etwas anderes, wenn man die Kinder direkt vor sich sitzen hat und auf deren Reaktionen eingehen kann. Margit Schreppel versteht ihre Online-Märchen aber auch als Anreiz, selbst aktiv zu werden: "Es ist etwas, das die Kinder mit der ganzen Familie anschauen können", sagt sie. Und vielleicht bekommen sie anschließend auch Lust, nach etwas Geheimnisvollem in der Natur zu suchen.