Hätte Xaver Tremel damals im August 2010 nicht noch etwas Zeit übrig gehabt, dann hätte er wohl nie die Münchener Flughafenbuchhandlung betreten, er hätte nicht diesem plötzlich auftretenden Impuls nachgegeben, und alles andere wäre wohl geblieben, wie es schon immer war. Es sind Momente, die über neue Lebenswege entscheiden können. Xaver Tremel entschied sich innerlich auf dem Flug nach Kanada.

Bamberger Straße 92 in Lichtenfels. Redete man von einer unscheinbaren Adresse, beginge man eine Untertreibung. Es ist eine geradezu irreführende Adresse, denn nichts lässt darauf deuten, dass hier am Klang der Musik gebaut wird. Ganz individuell und mitunter fünfsaitig, denn Xaver Tremel baut E-Bässe.

Im Landkreis: Fehlanzeige

Aber eigentlich begann alles in der Jugend. Irgendwie zumindest. Mitten im Gespräch kommt es zu einem Schmunzelmoment: "Ich habe im Landkreis Lichtenfels noch keinen Bass verkauft", erklärt der 54-Jährige. Was daran komisch ist? Der Witz besteht darin, dass es in New York und Tokio Musikhäuser gibt, die seine Bässe verkaufen.

Tremel ist Schreiner. Im Gemeindegebiet Michelau gab es die Tremels seit drei Generationen und alles war traditionell und geordnet. Die Eltern riefen ihn Franz-Xaver, und mit 15 interessierte sich Franz-Xaver für Musik und dafür, selbst in einer Band zu spielen. Er begann mit Gitarrenunterricht und trat mit 17 einer Band bei, die es heute noch gibt: Jesters Chat. Dort wurde ein Bassist gebraucht, und "sehr schnell habe ich den Bass lieben gelernt", erklärt Tremel und begründet sogleich: "Der Bass ist ja das, was das Gefüge zusammenhält."

Nussbaum, 4,4 Kilo schwer

Vor ihm auf einem Werktisch liegt eine fünfsaitige Bassgitarre, schweres Kaliber in französischem Nussbaum, 4,4 Kilo schwer. Doch der Korpus hat eine besondere dezente Wölbung, die das Tragen und Spielen erleichtert, er beherbergt eine ausgefeilte Elektronik, und wenn Tremel über all die im Holz vorkommende Spannung spricht, die so ein Bass aufweist, dann merkt man erst, wie komplex das Thema ist.

2010 wollte der Schreiner Tremel nach Kanada fliegen, hatte im Flughafen noch etwas Zeit übrig und wollte sich mal ein bisschen belohnen. Er ging in den Laden und kaufte sich eine Bassfachzeitschrift. Mit so etwas wie der Überlegung zu einem neuen Geschäftsfeld hatte das noch gar nichts zu tun, so sagt er. Vielmehr habe er als Bassist sich mal im Fachblatt umschauen wollen, ob er auf einen "Wunschbass" stieße. "Ich brauche einen Fünfsaiter", so der konkrete Wunsch. So las er sich durch, dreimal sogar, und irgendwo über dem Atlantik stieg eine Vermutung in ihm auf: "Ich könnte das doch selber machen." Mit diesem Gedanken landete er in der Neuen Welt, und noch in Toronto erkundigte er sich, ob es Bücher zum Thema Bassbau gebe.

Das mit dem Bass erst nebenbei

Eine Lackiermaschine steht hier, eine Bandsäge auch, Schraubzwingen zuhauf, Musterzeichnungen, Schablonen und dieses und jenes. Unten in einem Regal finden sich Hölzer für die Basshälse, oben in einem Regal finden sich Hölzer für die Korpusse. Als er 2010 damit begann, sich durch Fachmagazine zu schmökern und sich in die Materie reinzuknien, habe sein Vater das etwas argwöhnisch betrachtet. Aber der Sohn machte sich keinen Druck, er arbeitete hauptberuflich weiter als Schreiner und tat das mit dem Bass eben nebenbei. Aber: "Ich bin zeitweise mit Bassbau eingeschlafen und mit Bassbau aufgewacht."

Wenn Tremel sich an seine 2013 gestellte Anfrage bei dem europaweit renommierten Musikhaus Thomann erinnert, muss er lächeln. Auf seine Frage, ob man Interesse an Produkten im Eigenbau habe, kam die Antwort "Ja, komm' vorbei." Dann habe er mit zwei Abteilungsleitern und Bassverständigen "zwei, drei Stunden lang gejammt". So heißt das gemeinsame Musizieren im Rockbereich. Doch es kam noch freundlicher, wie sich Tremel erinnert. Er sei sogar gebeten worden, seinen ersten Bass im Haus zu lassen, da man immer wieder Profispieler zu Gast habe und die dann ausprobieren könnten. "Großes Kino" und "tolles Konzept" seien weitere Begriffe gewesen, die gefallen sind. Da habe er dann geschluckt, so der 54-Jährige. Und ein Fazit zur möglichen Güte seines Erstlings gezogen: "Na gut, die werden ihn schon nicht gleich zersägen." Für Tremel markiert dieser Tag anno 2013 einen Wendepunkt: "Damit war ich offiziell Bassbauer." 2013 erfolgte somit die völlige Abkehr vom Bisherigen, der Weg in den Bassbau der exklusiveren Art. Oder wie Tremel sagen würde: "Ich bin von der Selbstständigkeit in die Selbstständigkeit."

"Es gibt Menschen, die hören, ob der Bass ein Palisandergriffbrett oder ein Ahorngriffbrett hat. Ich bin noch nicht so weit." Oder: "Je weniger Lack desto besser, weil das Holz freier schwingen kann." Wenn Tremel derlei sagt, dann umschreibt er damit auch das, was am Bass, an Musik und diesem Business besonders ist. "Der Markt ist so brutal nüchtern", bemerkt er zu einer Gesetzmäßigkeit. Denn er hat auch zu hören bekommen, dass es Jahre dauern kann, bis sich eine Marke etabliert und wirklich wahrgenommen wird.

Das Risiko ging Tremel ein, und seine Bässe sollten schnell genug bemerkt werden. "Franz Bassguitars" sollte von dem Bassisten Helene Fischers bemerkt werden, vom Bassisten von Tim Bendzko und Mark Forster auch. Nun werden seine Bässe auf mehreren Kontinenten verkauft.

Guitar Shop New York

Da macht es nichts, wenn sein in der Heimat nächster Kunde erst in Mitwitz sitzt. Seit drei Jahren hat er einen Händler in Tokio, seit Oktober dieses Jahres mit dem Guitar Shop New York einen exquisiten in Brooklyn. Die Kontaktaufnahme mit ihm ist komplikationslos, auch er nimmt sich Zeit für Gespräche, so wie einst die Fachberater von Thomann. Doch es ist interessant, wie es zur Marke Franz Bassguitars noch kam. Irgendwann blickte Franz-Xaver Tremel auf seine Geburtsurkunde und stellte fest, dass der Franz dort überhaupt nicht vorkommt. Der Name war somit irgendwie "frei geworden", schlussfolgert Tremel und lächelt.