Der Blick reicht weit auf dieser Hochebene. Er fällt auf steinige Äcker und auf die weißen Kalkfelsen des Görauer Angers, er schweift über kleine Wäldchen und die Windräder hinweg bis zu den entfernten Höhen des Fichtelgebirgs. Im Vordergrund sind mehrere Ausschachtungen in den braunen Ackerboden gegraben. In unregelmäßigen Abständen liegen Abdeckplanen über freigelegten Pfostenlöchern, die mit Steinen beschwert sind, um nicht vom Wind weggetragen zu werden.

Am Ende des einen Planums kniet ein Mann mit schwarzem T-Shirt und Flecktarnhose: Dr. Timo Seregély vom Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Bamberg. Er ist an diesem sonnigen Frühlingstag allein an der Grabungsstelle. Eigentlich sei eine Lehr- und Forschungsgrabung mit acht Studierenden geplant gewesen, sagt er, doch die Corona-Pandemie machte einen Strich durch die Rechnung. Die Studierenden dürfen nicht mitarbeiten. Nun gräbt der Archäologe allein, so gut das eben geht.

Zunächst half die Stadt Weismain aus mit einem Bagger, der die oberste Schicht wegschob. Dann begann Timo Seregély in wochenlanger Arbeit mit dem Spaten, dem Abzieher und der Kelle all das freizulegen, was noch übrig ist von der vorzeitlichen Höhensiedlung.

"Warum haben die Menschen hier gesiedelt, das kann doch nicht nur wegen der schönen Aussicht gewesen sein, dass die hier hochgezogen sind?", fasst der 49-Jährige den Grabungsansatz zusammen. Seit 2015 versuchen Wissenschaftler, die Siedlungs- und Landschaftsgeschichte der nördlichen Frankenalb während der Bronze- und Eisenzeit zu erforschen. Zwei Fakultäten der Uni Bamberg (Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie sowie Informationsverarbeitung in der Geoarchäologie) arbeiten mit dem Lehrstuhl für Geographie der Uni Gießen zusammen. Im ersten Teil des Projekts suchten sich die Wissenschaftler zunächst jene Siedlungen, die für eine Grabung interessant sein könnten - darunter sind Orte bei Görau, Arnstein und Weiden. Zehn Siedlungen in Tälern und zehn auf Hochflächen wurden mit Sondagen voruntersucht.

Im zweiten Teil geht es darum, etwas über die Bewohner dieser Orte herauszufinden. "Über die ländliche Bevölkerung der Hochflächen ist bisher nichts bekannt, weil nichts untersucht wurde", sagt Seregély. "Neben den Tälern interessieren uns die Hochflächen von 2000 vor Christus bis zur Zeitenwende", umreißt er das Forschungsziel. Konkret bedeutet das: Mit den Grabungen und anschließenden Fundauswertungen sollen nicht nur die Gebäudestrukturen an den jeweiligen Siedlungsorten nachgewiesen werden. Die Wissenschaftler möchten vor allem herausfinden, wie viele Leute hier lebten, wie sie sich ernährten, woher sie das Wasser bezogen und welche Tiere sie hielten. An der Grabungsstelle auf dem Görauer Anger fragt sich Timo Seregély, ob hier zwei große Gehöfte standen oder vielleicht mehr Gebäude. Die Siedlung reichte offenbar bis zur Hangkante. Eine Lesefundstreuung sei rund um die Siedlung nachweisbar. Vor allem Keramikscherben seien es, die hier aus dem steinigen Boden geborgen werden - also materiell wertlose Dinge. Diese Funde sind allein für Fachleute interessant, die sie in Zusammenhang mit einer Siedlungsstruktur bringen können. Metallsondengänger, die in jüngster Zeit am Obermain wieder aktiv waren, würden an einem solchen Ort nichts Wertvolles finden.

Viele spannende Fragen gilt es zu lösen, bevor Genaueres über diese Siedlung gesagt werden kann. Sie lag nicht weit weg von der Geländekante, in der Nähe befand sich eine Quelle und eventuell eine Doline. Sie lag zudem unweit von Hügelgräbern.

Beim Auswerten der Funde sowie der Drohnen-Luftbilder und der eingemessenen Daten möchten die Wissenschaftler dann die Dynamik der Siedlungsgeschichte dieses Ortes in der Spätbronzezeit herausarbeiten. Während es unten im Tal immer wieder Zeiten gab, zu denen die Plätze unbewohnt waren, gebe es auf den Hochflächen Orte, an denen 1000 Jahre Menschen ohne Siedlungsabbruch lebten. Seregély: "Wir versuchen so viel wie möglich Strukturen zu kriegen."