"Ich will unterhalten", sagt Volker Backert, der soeben seinen fünften Kriminalroman "Oktobernacht" veröffentlicht hat. Der Titel bezieht sich auf jene Oktobernacht im Jahr 1990, als zusammenwuchs, was zusammen gehört, wie Willy Brandt die Deutsche Einheit bezeichnete.

In jener Oktobernacht lässt der Autor in Rottenbach im Coburger Land ein grauenvolles Verbrechen geschehen. Volker Backert blickt zurück in die Zeit der Wiedervereinigung, als die vormals allmächtige Stasi noch mitmischte und der Apparat des Alexander Schalck-Golodkowski zahlreiche Wertgegenstände und hohe Bargeldsummen verschwinden ließ.

Leichen aus der Vergangenheit

Aus heutiger Perspektive: Der Krimi führt den Leser in die Zukunft und in die Vergangenheit zugleich. Angesiedelt ist er im Herbst 2020, drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung. Die 32-jährige Hannah Steiner steht kurz vor ihrem großen beruflichen Durchbruch. Sie soll eine renommierte Polit-Talkshow übernehmen und die Livesendung zum Jubiläum der deutschen Einheit am Brandenburger Tor moderieren. Doch dann wirft eine Offenbarung ihr Leben aus der Bahn: Sie wurde als Kind adoptiert - ihr Vater war ein einflussreicher Stasi-Major. Das ist der Anfang einer verstörenden Geschichte, deren einzige Konsequenz wohl nur Rache sein kann...

Selbst Zeitzeuge der Wende

Detailgetreu recherchiert sind Volker Backerts Rückblicke in die Zeit des real untergehenden Sozialismus' - wenngleich der Handlungsstrang natürlich frei erfunden ist. "Ich habe einen persönlichen Bezug zu der Wendezeit Ende der 80er Jahre", sagt er. Zu jener Zeit war Volker Backert im Sozialamt der Stadt Coburg tätig, wo er nach der Grenzöffnung 1989 den in die BRD reisenden DDR-Bürgern das damals übliche Begrüßungsgeld auszahlte. Beim Recherchieren für den neuen Krimi, sagt er, wurde in ihm das fassungslose Staunen dieser Zeit wieder wach. Damals waren alle Menschen, in Ost wie in West, wie benommen von der Dynamik des Umbruchs und vom friedlichen Verlauf der Wende.

Dass die friedliche Wende keineswegs programmiert war, ist heute vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten. "Wenn's um die Einheit geht, geht's um Wahrheit und Identität", sagt Volker Backert, der rund drei Jahre an seinem neuen Buch geschrieben hat. Der düstere Hintergrund seines Krimis ist also durchaus nicht erfunden, denn die Staatssicherheit zog 1989/90 schon noch im Verborgenen die Strippen und bildete einen ernstzunehmenden Machtfaktor in dieser Übergangszeit. Es ist nicht erfunden, dass die Stasi-Abteilung "KoKo" (Kommerzielle Koordinierung) Schalck-Golodkowskis damals Millionenwerte verschob und Devisen im ganz großen Stil in schwarze Kanäle ableitete.

Ein Krimi lebt von seinen Personen. Volker Backert zeichnet die Charaktere seiner Hauptfiguren authentisch und sehr prägnant. Erstmals ist eine Frau die Hauptfigur, der bewährte Kommissar Charly Herrmann hat aber noch eine kleine Nebenrolle. Die Handlung nimmt immer wieder unvorhersehbare Wendungen und bleibt spannend bis zur letzten Seite.

Was den historischen Hintergrund betrifft, hütet sich der Autor jedoch vor einseitigen Schuldzuweisungen. Interpretationen seien in der Literatur ausreichend vorhanden, kommentiert er. Ihm liege es fern, die DDR-Geschichte wissenschaftlich aufzuarbeiten: "Es geht mir um Hochspannung und gute Unterhaltung."

In Franken verwurzelt

Volker Backert lässt sich Zeit mit dem Schreiben. Nur alle zwei bis drei Jahre erscheint ein Krimi aus seiner Feder. Er ist kein Schnell- und Vielschreiber. Seine Krimis haben Tiefgang. Er recherchiert dafür minutiös, zieht Experten zu Rat und klinkt sich in die Psyche der Täter ein. Seine Figuren sind in Franken verwurzelt, sie haben alltägliche Probleme, die der Autor schildert, ohne ins Banale abzugleiten.

Und wie arbeitet Volker Backert? Manchmal sitze er in der Mittagspause in einem Café, verriet er uns nach dem Schreiben seines ersten Krimis "Das Haus vom Nikolaus" vor zehn Jahren. Dort mache er sich Notizen fürs nächste Kapitel in sein schwarzes "Büchle". Die Zeit der Bahnfahrten zum Arbeitsplatz in Coburg nutze er ebenso. Am Abend übertrage er daheim die Seiten aus dem Notizbuch per Laptop ins Manuskript. An einigen Tagen flössen ihm die Ideen nur so zu, an anderen müsse er sich erst wieder reinfinden in den Handlungsstrang. Dann helfen ihm Bitterschokolade, Espresso und die Rolling Stones. Dabei sei er gar kein ausgesprochener Fan dieser Rockband, doch Charly Herrmann, der Kommissar seiner früheren Bücher, sei es offensichtlich, denn wenn er mit seinem Alfa Spider durch Franken röhrt, begleiten ihn Mick Jagger & Co. Die Musik beschreibe das Lebensgefühl dieses fränkischen Ermittlers.

Über Autor und Werk

Volker Backert wurde 1962 in Coburg geboren, wuchs am Obermain auf und lebt in Lichtenfels. Er absolvierte sein Studium zum Diplom-Verwaltungswirt in München und Bayreuth. Bei der Stadt Coburg sammelte er zunächst während der Wendezeit "unschätzbare Erfahrungen im Sozialamt, der damaligen Champions League jeder Verwaltung...", wie er in seiner Vita schreibt. 18 Jahre arbeitete er als Abteilungsleiter für Öffentliche Sicherheit eng mit der Polizei zusammen; heute ist er im Standesamt tätig. Schon in früher Jugend entwickelte er ein Faible für Kriminalromane. Irgendwann wollte er dann selbst einen "echten, harten Thriller" schreiben. Der Kölner Emons-Verlag veröffentlichte im Jahr 2010 "Das Haus vom Nikolaus". Der Roman kam auf die Auswahlliste zum Friedrich-Glauser-Preis für das beste deutschsprachige Krimi-Debüt. Die Bayerische Staatsbibliothek setzte ihn auf ihre Liste "Best of Regionalkrimis 2012". Im selben Jahr erschien Volker Backerts zweiter Krimi, "Todesfessel". "Hardrock" (2015) blickte in Chrystal-Meth-Abgründe, und "Rhein-Main-Bestie" (2017) folgte zwei Jahre später. Buch-Tipp Volker Backert "Oktobernacht", 251 Seiten, Emons-Verlag, 16 Euro.