"Warum nur fährt der Lkw vor mir gar so langsam beim Rechtsabbiegen?!", mag sich mancher Autofahrer denken. Das hat einen Grund: Seit kurzem schreibt die Straßenverkehrsordnung vor, dass Fahrzeuge mit einem Gesamtgewicht über 3,5 Tonnen innerorts beim Rechtsabbiegen Schrittgeschwindigkeit fahren müssen - also etwa 4 bis 7 km/h. Der Gesetzgeber erließ diese Regelung, um Fußgänger und Radfahrer zu schützen. Sie sind von rechtsabbiegenden Lastwagen besonders gefährdet, weil sie sich im toten Winkel befinden, also vom Lkw-Fahrer trotz vieler Außenspiegel nicht gesehen werden können.

Viele solcher Unfälle können durch elektronische Abbiegeassistenten vermieden werden. Das sind technische Lösungen, die am Lkw verbaut werden. Mit Kamera und Display wird dem Fahrer der tote Winkel optisch angezeigt. Akustische Signale warnen ihn zudem, wenn sich beim Rechtsabbiegen Personen gefährlich nahe neben seinem Fahrzeug befinden.

Die europaweite Einführung von Abbiegeassistenten ist erst ab Juli 2022 für neue Fahrzeugtypen und ab Juli 2024 für neue Fahrzeuge vorgesehen. Seit 2018 setzt das Bundesverkehrsministerium diese Regelung jedoch mit der "Aktion Abbiegeassistent" um und bietet Anreize für eine freiwillige Selbstverpflichtung beim Verwenden von Abbiegeassistenten.

In der Praxis bewährt

Der Lichtenfelser Fahrlehrer Karl Brendel schult bereits seit einiger Zeit seine Lkw-Fahrschüler auf dem 40-Tonner mit dieser Technik. "Der Abbiegeassistent bringt ein großes Plus an Fahrsicherheit", sagt der 55-Jährige, der auch Kreisvorsitzender des Fahrlehrerverbandes ist. Erst kürzlich habe er auf dem Berliner Ring in Bamberg eine brenzlige Situation erlebt, als sich ein Fahrradfahrer im toten Winkel des Fahrschul-Lastwagens befand.

Zwar seien Lkw-Fahrer sensibilisiert für die Gefahren des toten Winkels, doch immer wieder verhalten sich Fußgänger und Radfahrer allzu sorglos. Obwohl sich Radfahrer an roten Ampeln direkt neben einen Lkw stellen dürfen, rät Karl Brendel davon ab, das auszureizen: "Trotz der Assistenzsysteme ist es auf jeden Fall geschickt, Blickkontakt zum Lkw-Fahrer zu suchen."

"Solche Systeme sind stark im Kommen", sagt der Kfz-Meister Alexander Heller. Der 37-jährige Staffelsteiner verbaut seit über zehn Jahren elektronische Assistenzgeräte in Fahrzeuge. Die großen Lkw-Außenspiegel alleine reichten im Fall der Fälle nicht aus, weil sie immer einen toten Winkel haben, sagt er. "Es ist wichtig, zusätzlich ein Kamerasystem zu haben, denn nur damit kann der Fahrer die Alarmauslösung vernünftig verifizieren." Je nach Ausführung beziffert Alexander Heller die Nachrüstung eines Busses oder Lastwagens auf 2000 bis 2500 Euro.

Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht und sind mit Karl Brendel im 40-Tonner durch Lichtenfels gefahren. 18,75 Meter lang ist das Zugfahrzeug mit Anhänger. Der 2,55 Meter breite und vier Meter hohe Gliederzug lässt sich vermeintlich spielend leicht fahren. Servolenkung, Automatikgetriebe und gasdruckgefederte Sitze erwecken den Eindruck, einen Pkw unter dem Hintern zu haben. Zwei große gewölbte Außenspiegel auf der linken und vier auf der rechten Seite des Führerhauses vermitteln den Eindruck, alles einzusehen. Doch was ist, wenn sich ein Radfahrer neben den an der roten Ampel stehenden Lkw schmuggelt? Dafür reicht ein Sekundenbruchteil der Unaufmerksamkeit des Fahrers aus, der gut 2,50 Meter über dem Straßenniveau sitzt und das Verhalten aller anderen Verkehrsteilnehmer im Auge behalten muss. Ein Assistenzsystem unterstützt ihn bei dieser Aufgabe enorm.

Zwar musste die Polizei im Kreis Lichtenfels in den vergangenen Jahren keinen schweren Unfall mit einem rechtsabbiegenden Lkw verzeichnen, doch das könnte an der Struktur des Straßennetzes und am Verkehrsaufkommen liegen. Die Gefahrensituationen in eng bebauten Städten mit verkehrsreichen Trassen hat wesentlich mehr Gefahrenpotenzial. Dennoch gebe es auch am Obermain neuralgische Stellen, sagt Karl Brendel, an denen es besser sei, einen Abbiegeassistenten im Fahrzeug zu haben.

Bußgeld für schnelles Abbiegen

Wenn Lkw-Fahrer sich künftig nicht an die Schrittgeschwindigkeit beim Abbiegen halten, kann das teuer werden. Michael Lang von der Polizeiinspektion Lichtenfels sagt, dass die Strafen von 70 Euro und einem Punkt bis zu 140 Euro, einem Punkt und Fahrverbot reichen, wenn ein Fußgänger oder ein Radfahrer gefährdet werden sollte.

Lkw-Fahrer, die langsam rechts abbiegen, handeln also umsichtig und verkehrsgerecht.