Der Ghost Rider ist ein Phantom. Mit Spitzengeschwindigkeiten deutlich von über 300 Stundenkilometern rast der in schwarz gekleidete Motorradfahrer durch den schwedischen Straßenverkehr und lässt seine waghalsigen Fahrmanöver filmen. Bis heute hat es die Polizei nicht geschafft, ihn zu schnappen.

Das und die Optik hat der Motorradfahrer, der in den vergangenen vier Wochen bereits zwei Überfälle im Kreis Kronach begangen hat, mit dem schwedischen Gesetzesbrecher zumindest gemein. Doch der Ganove, der im Frankenwald derzeit sein Unwesen treibt, will keine Videos drehen und keinen Ruhm. Er will Geld.

Einmal war er bereits erfolgreich, als er am 5. Januar die OMV-Tankstelle in Stockheim überfiel und eine Aushilfe mit einer Schusswaffe bedrohte (wir berichteten). Seine Beute: ein niedriger vierstelliger Geldbetrag. Obwohl die Polizei direkt nach dem Überfall die Verfolgung aufnahm, konnte er unbemerkt entwischen.

Einen ähnlich "erfolgreichen" Beutezug hatte der Räuber wohl im Sinn, als er mit seiner mattschwarzen Maschine am Freitag vor einer Woche gegen 16.30 Uhr beim Frankenwaldmetzger in Nurn vorfuhr. Über die große Fensterfront hatte er gute Sicht in die kleine Filiale. Wahrscheinlich dachte der kriminelle Kraftradfahrer, er habe leichtes Spiel, als er die Verkäuferin alleine an der Fleischertheke stehen sah.

Doch er hatte nicht mit dem Widerstand von Doris Deuerling gerechnet. "Als er sein Motorrad direkt vor der Tür parkte und abgestiegen ist, dachte ich: Na ja, der will sich halt etwas für unterwegs mitnehmen." Doch der Vermummte hat es nicht auf die hausgemachten Fleisch- und Wurstspezialitäten abgesehen, sondern auf ihre Kasse.

Sie glaubte erst an einen Scherz

Dass der Mann weder seinen Helm abnahm noch das Visier öffnete, habe die 54-Jährige zwar stutzig gemacht: "Eigentlichen nehmen die den Helm immer schon draußen ab." Gedacht habe sie sich aber nichts dabei.

Selbst, als sie der Vermummte mit den Worten "Kasse auf!" angeherrscht habe, hat Deuerling noch an einen Scherz geglaubt. "Ich dachte, da will sich jetzt jemand mit mir einen Spaß erlauben und habe erst mal ungläubig geguckt." Dass es sich um denselben Täter handelt, der wenige Wochen zuvor die OMV-Tankstelle in Stockheim überfallen hat, kommt der Verkäuferin, dessen Mann die Metzgerei gehört, erst einmal gar nicht in den Sinn: "Ich habe zwar davon gehört, aber nie das Foto von ihm gesehen."

Als der Unbekannte aber erneut "Kasse auf!" blafft und eine Waffe zückt, um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, wird auch Deuerling klar: Das ist kein Spaß, das ist jetzt ernst.

"Ich weiß nicht warum, aber ich habe keine Sekunde daran gedacht, ihm das Geld zu geben", erinnert sich Deuerling an den Schreckensmoment, in dem der Mann seine Waffe direkt auf sie richtet. "Das war einfach ein Reflex."

Opfer widersetzt sich

Anstatt, wie gefordert, die Kasse zu öffnen, läuft sie an dieser vorbei und eilt um die Ecke der Theke zur Tür, die in den Wohnbereich der Familie führt. Dort vermutet sie ihren Sohn. "Ich wusste, dass er da ist, weil wir eine Minute zuvor noch miteinander gesprochen haben." Deuerling reißt die Tür auf und ruft nach ihm - da ergreift der Räuber schon die Flucht.

Als Bernd Deuerling einen Augenblick später in den Laden eilt, ist der Täter bereits verschwunden. "Er hat ihn schon nicht mehr gesehen", berichtet die Metzgersfrau.

Der Sohn ruft die Polizei, doch die ist bereits auf dem Weg. "Einem Polizisten, der frei hatte, ist beim Joggen der Motorradfahrer vorher schon bei Steinwiesen aufgefallen", weiß die Überfallene. "Der hat das weitergegeben und gesagt, dass er Richtung Nurn fährt."

Tatsächlich kommen die Polizeibeamten laut Deuerling keine fünf Minuten später herbeigerast. "Sie haben sofort die Straße nach Tschirn abgesperrt, doch irgendwie ist er entkommen."

Räuber stand vor Lotto-Geschäft

Edeltraud Sesselmann betreibt nur wenige Meter entfernt ein Bäckerei-Café. "Vom Überfall selbst habe ich nichts mitbekommen. Ich habe dann die Polizeiautos vor der Metzgerei stehen sehen." Von Bekannten habe sie gehört, dass sich der Motorradfahrer kurz vor der Tat beim Lotto-Geschäft in Steinwiesen herumgetrieben haben soll. "Vielleicht wollte er erst das ausrauben und es war ihm dort noch zuviel los", spekuliert sie.

Bis jetzt fehlt vom Täter - trotz zahlreicher Hinweise - jede Spur. "Das ist schon dreist, die Metzgerei am helllichten Tag zu überfallen", findet Anne Höfer vom Polizeipräsidium Oberfranken. "Vielleicht hat er die Metzgerei in Nurn ausgewählt, weil er ein geringeres Entdeckungsrisiko vermutet hat." Zwar seien die Kollegen kurz nach der Tat vor Ort gewesen. "Aber lediglich ein paar Minuten zeitlicher Verzug reichen dem Täter unter Umständen aus, zu entkommen, wenn er sich in der Gegend gut auskennt."

Davon geht die Polizei inzwischen aus. "Es ist durchaus möglich, dass der Täter - wegen der Nähe zu den Tatorten - einen Bezug zu Thüringen hat oder gar in diesem Bereich wohnt." Darum bittet die Polizei auch um Hinweise aus dem Nachbarbundesland.

Dass es sich um denselben Mann handelt, der bereits die OMV-Tankstelle überfallen hat, steht für die ermittelnden Beamten inzwischen außer Frage: "Er trug die gleiche Kleidung und fuhr das gleiche Fahrzeug."

Auffällig ist laut der Polizeisprecherin nicht nur die schwarze Kleidung und das gleichfarbige Visier des Täters, sondern auch die matte Lackierung seines Motorrads. "Es handelt sich zudem um ein älteres Modell, wovon wir uns erhoffen, dass es jemand wiedererkennt." Das Kennzeichen habe der Täter vor den Überfällen abgenommen, wodurch er ebenfalls jemandem aufgefallen sein könnte.

"Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Nicht nur, dass er seinen Opfern einen riesigen Schrecken einjagt - wir wissen ja auch, dass er eine Waffe besitzt, ob es sich nun um eine echte handelt oder nicht." Die Mithilfe der Bevölkerung ist laut Höfer ein entscheidender Baustein bei den Ermittlungen. Die Polizei hat ihre Fragen an mögliche Zeugen noch einmal konkretisiert (siehe Info-Kasten).

Unterdessen ist in Nurn wieder der Alltag einkehrt. Bereits am Tag nach dem Überfall stand Doris Deuerling wieder hinter der Theke: "Wenn man selbstständig ist, fragt keiner, ob man Angst hat." Sie zuckt mit den Schultern. "Aber im Nachhinein dachte ich mir schon: Das hätte auch anders ausgehen können. Man ist ja nicht aus Holz", gibt Deuerling zu, die sich immer noch wundert, dass sie der Räuber so einfach Hilfe holen ließ. "Der hat anscheinend nicht mal gesehen, dass da ein schmaler Gang ist, durch den er mir den Weg hätte abschneiden können", sagt sie und zeigt auf die Stelle neben der Tür. "Ein Profi kann das nicht sein."

Profi oder nicht: Noch fehlt der entscheidende Hinweis, die zu dem Phantom und seinem schwarzen Motorrad führt. Doch die Polizei ist ihm dicht auf den Fersen.

Fragen an die Bevölkerung:

Wer kann Angaben zu dem schwarz gekleideten Motorradfahrer, dem mattschwarzen Motorrad und gegebenenfalls dem Fahrzeugkennzeichen machen?

Gibt es Hinweise zur Fahrstrecke des Täters auf der B85, von Stockheim Richtung Norden, nach Steinbach am Wald, am Sonntag, 5. Januar, zwischen 15.30 und 15.45 Uhr?

Hat jemand das Motorrad am 25. Januar, vor 16 Uhr, gesehen und kann Hinweise geben, woher es kam?

Hat jemand das Motorrad an diesem Tag, nach 16.45 Uhr, gesehen und kann Hinweise geben, wohin es von Nordhalben, Gemeindeteil Mauthaus, aus, gefahren ist?

Hinweise an die Kripo Coburg unter der Telefonnummer 09561/6450.