Über dem Knetzgauer Tierheim surrt es gewaltig. Aber ein wütender Hornissenschwarm ist es nicht, der das Gebäude belagert. Matthias Jung und Sohn Leon testen ihre neueste technische Errungenschaft. Der mit zwei Spezialkameras ausgestattete Multikopter ist jedoch kein bloßes Spielzeug, sondern soll schon bald Leben retten.

Wenn die Mähmaschinen im Mai wieder durch die Felder rattern, besteht für Rehkitze akute Lebensgefahr. Da die Jungtiere noch keinen natürlichen Fluchtreflex haben, ducken sie sich ins Gras, anstatt wegzulaufen. Für viele Kitze bedeutet dies schwere Verletzungen oder den Tod. Landwirte sprechen sich daher mit dem zuständigen Jagdpächter ab und lassen ihren Acker vorab auf versteckte Rehkitze kontrollieren. Weil die Tierschutzinitiative Haßberge in den vergangenen Jahren immer wieder Hilfsanfragen von Landwirten erreicht haben, investierte der Verein nun in zwei Drohnen.

Drohnen als effizientere Lösung

 

Mit Schellen und Töpfen lief das Tierschutzteam bisher durch die Felder, um Rehe aufzuscheuchen. "Das war aber ein großer Aufwand", erklärt Mitarbeiterin Yvonne Jung. Das soll sich mit den neuen Multikoptern ändern: 50 bis 60 Hektar können damit innerhalb von drei Stunden abgeflogen werden, rechnet Ehemann Matthias vor. Ein Akku reicht für rund 20 Minuten, sieben Exemplare hat Jung insgesamt im Gepäck. Die beiden Drohnen verfügen über eine Wärme- sowie eine Livebildkamera. Das größere Modell fliegt auf dem Feld voraus und verschafft sich einen groben Überblick.

Mehr zum Thema: Jungtieren droht grausamer Mähtod - So wollen Landwirte und Jäger die Rehkitze retten

Entdeckt die Kamera einen Wärmepunkt im Feld, kontrolliert die kleinere Drohne im Tiefflug, ob es sich tatsächlich um ein Rehkitz handelt. Kalte Stellen werden auf dem Bildschirm schwarz, warme Stellen weiß angezeigt. In der Zwischenzeit fliegt die erste Drohne weiter - das spart den Geräten Akkuladung und den Helfern Zeit. Denn die ist bei der Rehkitzrettung begrenzt.

"Zwischen fünf und acht Uhr ist die Hauptflugzeit, danach ist alles aufgeheizt", erklärt Matthias Jung. Mindestens fünf Grad Temperaturunterschied zwischen dem Kitz und seiner Umgebung braucht es, um die Umrisse des Tieres mit der Kamera erkennen zu können. "Jeder Maulwurfshügel und jeder Stein sieht sonst aus wie ein Reh. Da ist viel Fehlinterpretation dabei." Zudem dürfen die Drohnen nicht während der sogenannten "bürgerlichen Dämmerung" fliegen: Diese unterscheidet sich je nach Ortslage und Datum und endet, wenn die Sonne am Morgen sechs Grad im Zenit steht. "Wir haben mal fünf Uhr angepeilt", sagt Jung. Die hochauflösenden Kameras müssen zudem vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt werden.

Lesen Sie auch: Hund rettet verwaistes Rehkitz und weicht dem Jungtier nicht mehr von der Seite

Befindet sich tatsächlich ein Kitz im Feld, wird einer der Läufer losgeschickt, um es wegzutragen oder mit einem Wäschekorb abzudecken, während der Landwirt mit großzügigem Abstand herum mäht. Eine Smartwatch mit Wärmebild hilft den Läufern, die genaue Position des Tieres zu finden. "Die zweite Version ist für das Kitz stressfreier, aber die Landwirte legen Wert darauf, alles abzumähen", meint Yvonne Jung. Wichtig sei vor allem, das Tier nicht direkt anzufassen, sondern es vorher auf Gras zu betten. "Sobald menschliche Hände dran waren, ist das ein großes Problem."

Rehkitze anfassen oder besser lassen?

"Das stimmt so nicht", widerspricht Hans Stark, Leiter des Forstamts in Sailershausen und Jagdberater des Landratsamtes Haßberge. Seiner Erfahrung nach sei es nur ein Gerücht, dass Geißen ihre Jungen nach einer menschlichen Berührung verstoßen. Dass Landwirte den nächsten Mähtermin möglichst bald mit ihren Jagdpächtern absprechen sollten, bestätigt Stark jedoch. "Die Suche sollte unmittelbar vor dem Mähen stattfinden, sonst könnten bis dahin schon wieder Rehe im Feld sein."

Das Problem: Viele Landwirte sind vom Wetter abhängig und können nicht bis ins Detail vorausplanen. Mindestens 72 Stunden vor dem Mähen sollte der Jagdpächter jedoch benachrichtigt werden. Geschieht dies nicht und ein Tier stirbt beim Mähen, gilt dies als unerlaubte Tötung eines Wirbeltieres, in manchen Fällen sogar als Wilderei, und wird mit hohen Geldstrafen geahndet. "Vom Tierschutz her ist es nicht in Ordnung, vorher nicht Bescheid zu sagen", betont Stark.

Mehr Aktuelles aus dem Kreis Haßberge: Coronavirus bei Haustieren? Ein fränkischer Tierarzt gibt Tipps

Er selbst setzt beim Absuchen auf die klassische Methode mit Hunden. "Manchmal scheucht man dadurch auch Tiere auf und die Geiß verlässt das Gelände von sich aus mit dem Kitz." Von Vergrämungsmethoden wie chemischen Mitteln oder raschelnden Scheuchen rät Stark ab: "Das wirkt vielleicht am Anfang, aber die Tiere gewöhnen sich schnell daran." Bisher werde die Rehkitzrettung zwischen Landwirten und Jagdpächtern geregelt, die Zusammenarbeit laufe gut, sagt Stark. Er halte es noch für fraglich, ob die Tierschutzinitiative genügend Manpower und Einsatzflächen aufbringen könne, drückt den Helfern aber die Daumen. "Jedes Kitz, das gerettet wird, ist ein Gewinn."

Josef Schierling ist einer der Landwirte, der bereits bei Britta Merkel, Leiterin der Tierschutzinitiative, um Unterstützung gebeten hat. Der Bio-Bauer aus Oberschwappach versorgt die Tiere auf Merkels Gnadenhof öfters mit Heu. 50 Hektar Feldfläche muss Schierling vor dem Mähen absuchen. "Die kann man nicht einfach ablaufen." Bei Wiesen in Waldnähe sei die Wahrscheinlichkeit größer, ein Reh zu finden.

Auch interessant: Unterwegs mit den Corona-Kämpfern - So hart ist der Job einer Ebelsbacher Intensivpflegerin

Vor Kurzem unternahm Familie Jung auf einem seiner Felder einen Probeflug, Schierlings Jagdpächter unterstütze die Zusammenarbeit. "Wenn möglich, mähe ich von innen nach außen, damit die Tiere fliehen können", sagt Schierling. "Aber mit der Drohne ist es sicherer." Anfang Juni wolle er das nächste Mal mähen. "Dann rufe ich vorher Britta an und sie fliegen wieder drüber."

2 Jagdpächter aus dem Kreis Haßberge haben bereits ihr Interesse bekundet, bei der Rehkitzrettung mit der Tierschutzinitiative zusammenarbeiten zu wollen.

4 Piloten für die Multikopter hat das Tierschutzteam aktuell: Neben Matthias, Yvonne und Leon Jung aus Limbach befindet sich derzeit ein weiterer Helfer in der Flugausbildung.

70 Meter darf der größere Multikopter in die Höhe steigen, 150 Meter wären technisch möglich. Die Drohne muss während des Flugs immer in Sichtweite bleiben.

2400 Quadratmeter, also 60 mal 40 Meter, kann das größere Exemplar der beiden Drohnen im Flug mit der Kamera erfassen, wenn sie nicht in Bewegung ist.

9500 Euro kostet das Equipment zur Rehkitzrettung insgesamt, den größten Teil der Kosten machen die hochauflösenden Kameras aus. Zum Set gehören auch Stativ und Koffer.

Das gibt es beim Drohnenflug zu beachten

Rechtliches Seit 2017 gilt in Deutschland eine Drohnenverordnung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Diese legt je nach Drohnengewicht und Höhe fest, welche Aufstiegserlaubnis notwendig ist. Die Piloten der Tierschutzinitiative verfügen über die notwendigen Genehmigungen, wie beispielsweise den kleinen Drohnenführerschein, und sprechen sich zusätzlich mit dem Landratsamt (Untere Naturschutzbehörde) sowie dem Haßfurter Flugplatz ab. Für das Fliegen in Naturschutzgebieten ist eine extra Aufstiegserlaubnis nötig, um brütende Vögel nicht zu stören.

Technik Um ein Feld technisch zu erfassen, müssen die Landwirte vorab die Koordinaten angeben, damit das System die Fläche automatisch berechnet und der Multikopter autonom fliegt. Die Drohnen sollen in Zukunft auch eingesetzt werden, um vermisste Hunde zu suchen.

Spenden Die Tierschutzinitiative hat die Anschaffung des Multikopters vorfinanziert, um noch in dieser Saison bei der Rehkitzrettung zu helfen. Um die Ausgaben zu decken, hofft das Team auf finanzielle Unterstützung und hat online einen Spendenaufruf eingerichtet. Der Link dazu findet sich auf der Homepage des Vereins unter www.tierheim-hassberge.de.