Erwartungsvoll steht sie da, im Maria-Elisabeth-Schaeffler-Saal der Fortuna Kulturfabrik: "Atzes Krisen-Kiste". Eine auf den Kopf gestellte, mit den Rädern nach oben zeigende Equipment-Kiste, praktisch als Symbol für die momentan kopfstehende Situation der Künstler in der Corona-Krise.

"Die Kulturschaffenden müssen zuhause bleiben", so Atze Bauer, der Moderator von "Atzes Krisen-Kiste". "Wichtig ist präsent zu bleiben", erklärt er, "Wenn man eineinhalb Jahre eingegraben ist, weiß keiner mehr, dass es einen gibt." Aus diesem Grund hat er sich auch zu einem Videodreh mit Claus Thomas von Aischgrund TV hinter der Kamera zum zweiten Mal Künstler aus der Region eingeladen. Mit dabei waren dieses Mal Michael Ulbrich (Musiker und Rektor der Ritter-von-Spix-Schule), Stefan "Das Eich" Eichner (Comedy), Christian Schmidt (Lesung), Birgitt Stach und Reinhard Grasse (Theater), Michael Jakob (Poetry Slam) und Markus Moises (Vorstand der "Musiggfabrigg").

Die Stadt unterstützt das Format unter dem Motto "Höchstadt daheim - Wir sind dabei". Geplant ist laut Susanne Gabler vom Kulturzentrum auch die Plattform "Kultur im Wohnzimmer", bei der regionale Künstler im Home-Office Videoclips präsentieren können. Herauskommen soll ein möglichst breit aufgestelltes Angebot für den kulturbegeisterten Bürger.

"Das Eich" kommt ein wenig lädiert daher, hat er sich doch vor kurzem das rechte Handgelenk gebrochen. Doch er nimmt es sportlich, "Besser jetzt, als auf die Fresse zu fliegen, wenn es wieder losgeht." Ein Teil seiner Auftritte wurde wie bei so vielen abgesagt. Die Zeit hat er genützt, um ein Lied zu schreiben. "Ich mach jetzt einfach amol nix", so der Titel. Beim Videodreh wurde der Vater von vier Kindern von seiner ganzen Familie unterstützt, geschnitten hat er es selbst. "So sieht es aus, wenn Künstler Lagerkoller kriegen", sagt er. "Das war für mich eine Beschäftigungstherapie." Er geht von einem Shutdown bis Ende August aus. "Dann habe ich Zeit, in meiner Einsamkeit Blödsinn zu schreiben", so "Das Eich". "Wir sind in der Hölle, genießen wir es."

Positive Effekte?

Michael Ulbrich wird von Bauer als "musikalischer Tausendsassa" bezeichnet, der unter anderem das Festival "Young and free" entwickelt hat. Ulbrich fehlt der Kontakt mit den Menschen sehr. "Mir fehlt es, die Schwingungen mit dem Publikum und der Band zu erleben", sagt jener, den laut eigenen Worten "Tasten ein Leben lang begleiten".

Der Shutdown in der Schule war eine große Herausforderung für ihn als Rektor, "Wir sind vorne mitgeschwommen mit unserer Plattform Edu-Page." Er ist sich sicher, dass von der digitalen Arbeit nach Corona was bleibt. "Trotz allem Elend ein positiver Effekt", so Bauer. Dennoch fehlt Ulbrich das Feedback und die Zusammenarbeit mit den Kindern.

Christian Schmidt, Buchhändler aus Adelsdorf, fuhr seine Bücher zuletzt mit dem Fahrrad aus, das war noch möglich. "Ich habe 20 bis 30 Kilogramm ausgefahren, nach Weisendorf, Kairlindach und Baiersdorf", sagt er. Seine Lesungen fränkischer Geschichten in der Metzgerei Fleischmann unter dem Titel "Die lustige Leberwurst" hingegen liegen auf Eis. Bei "Atzes Krisen-Kiste" liest er von James Krüss aus "Wenn die Möpse Schnäpse trinken".

Birgitt Stach und Reinhard Grasse begrüßt Atze Bauer mit den Worten, "Ihr macht Theater. Was macht man, wenn man kein Theater machen kann?" "Man versucht, seine Texte nicht zu vergessen", erwidert Grasse, und Stach ergänzt, "wir überbrücken die Zeit, um uns neue Szenen zu überlegen". Szenen für die historischen Stadtführungen, welche normalerweise zweimal im Jahr angeboten werden. Grasse hat auch noch die Weinstube "Zum Zwetschger". "Ein Begegnungspunkt in Höchstadt, an dem die Menschen Spaß und Kommunikation haben", sagt er.

"Szene ist im Wesentlichen tot"

Markus Moises beschreibt die "Musiggfabrigg" als einen "freien Haufen Musiker aus dem Raum Höchstadt und Veranstalter unterschiedlicher Musikevents". So unterstützt er zum Beispiel die Rocknacht und das Altstadtfest. Doch auch das fällt nun flach. "Erst in der Krise wird einem bewusst, was fehlt", erklärt Atze Bauer. "Alle hungern nach Kultur. Aber die Musikszene lebt." "Na ja, jeder für sich", widerspricht Moises, "im Wesentlichen ist sie tot."

Michael Jakob hat es besonders schwer getroffen. "Ich habe fünf Geschäftsbereiche, unter anderem Poetry Slam und Traureden, die sind alle auf Null." Die Verzweiflung ist deutlich zu spüren, als er fortfährt, "in den letzten sechs Wochen habe ich 15 Euro verdient. Was mache ich in zwei bis drei Monaten, wenn kein Euro mehr reinkommt?" Er hat ein Haus abzubezahlen, doch da er keine Betriebskosten hat, erhält er keine Unterstützung vom Staat. Das ist auch für seine Familie eine immense Herausforderung.

Für Mitte Mai hat er einen Live-Stream mit sieben Künstlern im Internet als Testballon geplant. "Was mir hilft, aus der Lethargie, in der ich gefangen bin, herauszukommen", wie er sagt. "Ein Zustand totaler Ohnmacht und Machtlosigkeit." Damit Geld reinkommt, verkauft er Sammelobjekte auf Ebay. Zusammen mit Moises, Jakob, Gabler und Bernd Riehlein stimmt Atze Bauer spontan einen Antidepressions-Corona-Blues an, wobei die erste Zeile "Wir haben die Schnauze voll von Corona" allen aus der Seele sprechen dürfte.