Wenn im Dachstuhl von Jan Beinßen Filmmusik läuft, sitzt der Krimiautor wahrscheinlich wieder an einem neuen Fall. Je nach Stimmung der Szene läuft dann Hans Zimmer, Ennio Morricone oder auch mal John Barry, der die frühen James Bond-Filme musikalisch untermalt hat. Bevor es so weit ist, muss Beinßen viel recherchiert, befragt und konstruiert haben. Im Interview erklärt er, wie er als Krimi-Autor vorgeht. Wie kommen Sie auf Ihre Themen und Fälle?

Jan Beinßen: Zum einen ist das Zeitungslektüre. Ich ziehe immer ziemlich viel daraus, dass ich das aktuelle Geschehen verfolge. Dann gibt es auch immer wieder viele Impulse von Lesern, die auf mich zukommen. Das bezieht sich dann weniger auf konkrete Fälle, da geht es dann oft um Tatorte. Beim nächsten Paul Flemming-Krimi, der im Herbst erscheinen wird, spielt eine Szene auf der Kaiserburg, und zwar in der kleinen Kapelle, in der auch Trauungen stattfinden. Das hat mir die Standesbeamtin, die dort Trauungen durchführt, empfohlen.

Der Ort steht bei Ihnen also am Anfang?

Das ist tatsächlich häufig der Fall, gerade bei den Franken-Krimis. Das fing schon beim ersten an, "Dürers Mätresse", der 2005 erschienen ist. Auf die Idee bin ich gekommen, als es damals eine kleinere Sanierungsarbeit im Dürerhaus gab. Ich habe damals noch als Journalist einen Presserundgang mitgemacht und bin dabei auf diesen Fall gekommen. Erst war die Lokalität da, dann habe ich den Fall drumherum konstruiert.

Krimi-Autor Jan Beinßen: Ein Fall muss packend sein

Was muss für Sie ein Fall haben, damit er erzählenswert ist?

Er muss mich packen. Es muss der Moment da sein, dass ich denke, da stimmt nicht nur der Ort, da stimmt auch der Fall. Das kann manchmal dauern. Zum Beispiel beim Tiergarten-Krimi: Der Leser hatte mich sicherlich vier Jahre, bevor der Krimi erschien, schon auf den Ort aufmerksam gemacht, aber dass ich dann auch einen Fall hatte, der passte, kam unabhängig davon viel später.

Braucht man, um sich einen Fall auszudenken, eine gewisse kriminelle Energie?

Teilweise schon, wobei ich es jetzt nicht kriminelle Energie nennen würde. Aber man muss zumindest so denken. Wobei ich da eher von der anderen Seite hingehe. Ich konstruiere den Fall, wie er ungefähr sein könnte und dann unterhalte ich mich mit einem ehemaligen Kriminalbeamten. Der kann sich aus seiner Erfahrung und Menschenkenntnis ganz gut in die Verbrecherseite reindenken. Der gibt mir dann oft noch Tipps: So würde die Polizei, so würde ein echter Verbrecher nicht handeln, der denkt da viel trickreicher.

Krimi anderer Art: Nicht jeder Fall vom Kommissar her gedacht

Steht man als Krimiautor eher dem Verbrecher oder eher dem Kommissar nahe?

Schon eher dem Kommissar, es sei denn, dass der so Fall so aufgebaut ist. Ich mache ja nicht nur die Paul Flemming-Krimis, sondern auch andere. Weihnachten erscheint ein kleiner Kriminalroman, der heißt "Mord im Santa-Express". In dem Fall ist es eher so, dass man eigentlich mit dem "Täter" mitfiebert und denkt, hoffentlich wird er nicht erwischt. Das ist dann eine besondere Situation und Lage, in der sich dieser Mensch befindet. Man ist auch von der Erzählperspektive in diesem Fall die ganze Zeit bei dem Täter und kriegt mit, wie er da hineinschlittert. Ist es schwierig, sich in einen Verbrecher hineinzuversetzen?

Auch da hilft mir dieser Bekannte immer ganz gut. Er achtet sehr darauf, dass tatsächlich jemand so weit gebracht wird, eine Tat zu begehen, und weist mich immer wieder auf den Dreiklang hin, nachdem die Polizei vorgeht: Der Täter muss ein starkes Motiv haben, das zu tun. Dann muss er die Gelegenheit haben und die sogenannte Tatgeneigtheit. Also nicht jeder Mensch ist auch dazu fähig. Diese Tatgeneigtheit muss auch plausibel dargestellt werden.

Krimis werden von manchen als reine Unterhaltungsromane unterschätzt.

Die Unterhaltung, da mache ich auch keinen Hehl draus, steht natürlich bei meinen Krimis auf jeden Fall im Vordergrund. Ich will aber noch ein bisschen mehr erreichen. Bei den Paul Flemming-Krimis habe ich immer auch den Anspruch, etwas Stadtgeschichte mit rüberzubringen. Nicht, dass es ein Lehrbuch ist, aber es ist immer ein historischer Bezug da und dieser Aspekt der Geschichte wird auch näher behandelt. Ich versuche dann noch reinzuschreiben, was vielleicht noch nicht jeder weiß.

Die kopflose Braut: Was steckt hinter dem neuen Fall von Paul Flemming?

Im Oktober erscheint der neue Fall, "Die kopflose Braut", was hat es denn damit auf sich?

Die Keimzelle liegt in dem Vorschlag der Leserin, etwas auf dem Standesamt der Burg anzusiedeln. Da hat man also schon Braut und Bräutigam. Punkt zwei ist, dass mich mal ein befreundeten Stadtführer, der mich oft auf meinen Krimirundgängen begleitet, auf das Henkerhaus in Nürnberg aufmerksam gemacht hat. Er hat mir ein bisschen was über den berühmtesten Nürnberger Henker erzählt, Schmidt hieß der, der es in seiner Amtszeit auf über 300 Exekutionen gebracht hat. Dann habe ich gedacht, ich habe die Braut, jetzt die Henkergeschichte, und da ist dann die Idee gekommen, dass es einen modernen Schmidt gibt, also einen, der sich als Henker aufspielt und jetzt Menschen richtet, die es seiner Meinung nach verdient haben. Wie teilt sich die Arbeit an einem Roman auf?

Für so einen typischen Roman habe ich ungefähr ein halbes Jahr Recherchezeit, wobei ich gerne mit Menschen und vor Ort recherchiere. Das meiste mache ich noch aus Journalistenzeiten so, dass ich mir wirklich die Leute raussuche und ich mit denen spreche oder mir in dem Fall dann das Henkermuseum anschaue und überlege, wo kann welche Szene spielen. Dann entwickle ich einen sehr ausführlichen Plot, der eine Kurzzusammenfassung jedes einzelnen Kapitels beinhaltet. Diesen Plot arbeite ich dann ab. Das dauert auch noch mal ein halbes Jahr, bis das Buch in der ersten Fassung steht. Man kann sagen, anderthalb Jahre vom Startpunkt, bis das Buch dann im Buchhandel liegt.

Jan Beinßen versteckt heimlich Klassiker in seinen Büchern

Ist es beim Schreiben ein Wechselspiel zwischen der Freiheit, die man als Romanautor hat, und der Korrektheit des Journalisten?

Der Fall muss natürlich nicht stimmen, der ist ja ausgedacht. Aber der Rahmen sollte stimmen. Gerade bei regional angesiedelten Titeln ist es wichtig, weil wenn man irgendwo Fehler macht, wird man sehr schnell drauf hingewiesen. Ich habe mir aber die Freiheit genommen, für gewisse Orte, die eine wichtige Rolle spielen - wie das Lokal "Der goldene Ritter" - in Form einer Immobilie in Nürnberg auszusuchen. Da ist nicht dieses Lokal drin, weil es das in Wirklichkeit nicht gibt. Ich will mir die Freiheit lassen, da drin zu schalten und zu walten, wie ich das möchte.

Ist es Zufall, dass der Kommissar wie ein Barockdichter heißt?

Das ist kein Zufall. Das war mal so ein Spleen von mir, dass ich meine Protagonisten in Büchern nach Klassikern benannt habe. So ist auch der Flemming entstanden. Ich habe dann bewusst ein zweites "m" dazu gemacht, damit es sich leichter aussprechen lässt.