Die OB-Wahlen 2020 wurden zum Wahlkrimi unter Ausschluss der direkten Öffentlichkeit. Während das Rathaus für Besucher geschlossen war, verfolgte die interessierte Öffentlichkeit die Auszählung von insgesamt 25 Stimmbezirken im Internet. Schon kurz nach 18.30 Uhr zeichnete sich ab, dass der alte Oberbürgermeister der neue sein würde: Andreas Starke (SPD) konnte seinen Stichwahl-Kontrahenten Jonas Glüsenkamp (Grünes Bamberg) deutlich distanzieren. Er kam am Ende der Auszählung auf 59,3 Prozent der Stimmen. Glüsenkamp, der am 15 März sogar den CSU-Bewerber Christian Lange ausgestochen hatte, musste sich am Sonntag mit 40,7 Prozent begnügen.

Seit 2006 war die Oberbürgermeisterwahl in Bamberg nicht mehr so spannend und so ungewöhnlich. Erstmals in der Geschichte Bambergs gab es keine Urnenwahl. Unter dem Zeichen der Coronakrise zählten 350 Rathaus-Mitarbeiter mit Mundschutz und unter Beachtung des Mindestabstands die Wahlzettel aus. Deutlich wurde dabei: Die Verbreitung des gefährlichen Virus hat der Wahlbeteiligung in Bamberg nicht geschadet. Mit über 62 Prozent lag sie um Welten höher als 2012, als nur 47 Prozent von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten.

Aber auch unter politischen Vorzeichen hatte die OB-Wahl 2020 Ausnahmecharakter: Der seit 14 Jahren amtierende Andreas Starke hatte im ersten Wahlgang am 15. März bei insgesamt neun Mitbewerbern 11 Prozent über Jonas Glüsenkamp gelegen und musste sich mit dem politischen Neuling in der Stichwahl messen.

"Die Bürgerinnen und Bürger wissen, dass im Bamberger Rathaus vernünftig regiert wird. Ich bedanke mich für diesen Vertrauensbeweis und gratuliere Jonas Glüsenkamp für sein respektables Ergebnis", sagte Andreas Starke nach der Wahl. Anders als bei anderen Wahlen habe es wegen Corona keine politische Auseinandersetzung gegeben. Doch "es gibt auch eine Zeit nach der Krise, und darauf bereiten wir uns akribisch und sorgfältig vor", sagte Starke mit Blick auf die neue Wahlperiode.

Starke will Vorschläge

Der Amtsinhaber steht vor der schwierigen Aufgabe, im neuen Stadtrat eine handlungsfähige Mehrheit herzustellen. Dort stellen die Grünen mit zwölf Sitzen die größte Fraktion vor der CSU mit zehn und der SPD mit sieben Sitzen. Von den Grünen forderte Starke noch in der Wahlnacht Vorschläge, wie sie den Gestaltungswillen in die Tat umsetzen wollen.

Glaubt man Jonas Glüsenkamp, soll es daran nicht scheitern. "Wir sind bereit Verantwortung übernehmen", sagte Glüsenkamp. Der 32-jährige Volkswirt sah sein Ergebnis auch "mit einem weinenden Auge". "Das Ziel war schon zu gewinnen." Nun gehe es darum, im Stadtrat das Blockdenken aufzuweichen zugunsten eines echten Wettbewerbs der Ideen.

Kommentar des Autors:

Der wiedergewählte OB steht vor einer Herkulesaufgabe

Der Vielzahl der Konkurrenten und der wachsenden grünen Wählerklientel zum Trotz hat es Andreas Starke wieder geschafft. Der neue Oberbürgermeister ist auch der alte. Starke, seit 2006 im Amt, kann im Mai 2020 zum dritten Mal als Sieger ins Rathaus einziehen.

Das Votum einer Rekordzahl von Briefwählern scheint zweierlei zu bestätigen: die Einschätzung, dass in Krisenzeiten die Wähler vor Experimenten zurückschrecken. So hat die Verbreitung des gefährlichen Corona-Virus sicherlich einige Zweifler dazu bewogen, den Steuermann nicht mitten in einem nie dagewesenen Sturm auszuwechseln.

Andererseits und auch dafür spricht das nun doch klare Ergebnis: Die Mehrheit der Bamberger ist mit Starke zufrieden, auch wenn die Zahl seiner Kritiker in den letzten sechs Jahren gewachsen sein mag. Niemand hat das besser ausgedrückt als Starke selber, der gerne von einem "positiven Grundrauschen" in der Bevölkerung spricht. Dieses positive Grundrauschen ist immer noch intakt, ungeachtet mancher umstrittenen Entscheidung in den letzten Jahren.

Vor dem Hintergrund der Corona-Krise scheinen ohnedies viele Probleme in ihrer Bedeutung geschrumpft zu sein, Probleme, die noch vor Monaten die Bevölkerung in Atem hielten. So steht der neue alte Oberbürgermeister vor Herausforderungen, die er sich wohl nicht hätte träumen lassen, als er sich im Sommer 2019 zur Kandidatur bereit erklärte. Starke muss die Stadt durch die Corona-Krise steuern, von der noch niemand weiß, wie lange sie dauert und welche menschlichen und wirtschaftlichen Opfer sie der Region abverlangt. Schwer wiegt auch das Votum der Stadtgesellschaft, das Bamberg einen Stadtrat beschert, der so heterogen, so zerrissen und so unberechenbar sein dürfte wie er es in der Geschichte Bambergs noch nie war. In einer Lage, in der völlig unklar ist, woher stabile Mehrheiten herkommen sollen, braucht es ein Stadtoberhaupt, das versöhnt, das auf die politischen Konkurrenten zugeht, das die gemeinsamen Ziele in den Vordergrund stellt - abseits der bisher gewohnten Machtbalance. Es spricht manches dafür, dass Starke für diese Herkulesaufgabe genau der richtige Mann ist.