In Zeiten von Familienalltagen, in denen sowohl Schulaufgaben als auch berufliche Mails am großen Küchentisch abgearbeitet werden und Kinder sich ihre Freizeit noch immer oft zu Hause vertreiben müssen, während die Eltern gleichzeitig arbeiten, kann ein Thema besonders schnell zu Konflikten führen: Stichwort Mediennutzung. Oder auch die Frage: Wie viel Zeit darf mein Kind eigentlich vor dem Smartphone verbringen?

Social Media, Spiele-Apps, Youtube - auch ohne Corona-Ausnahmezustand Themen, mit denen sich Eltern von Jugendlichen heutzutage auseinandersetzen müssen. Wie wichtig es wirklich ist, Kinder bei ihren Medienerfahrungen zu begleiten statt einfach mal machen zu lassen, das wollen Julia Grewe und Benedikt Martin Eltern vermitteln. Mit dieser Intention starten sie ihr Bildungsangebot unter dem Titel "#handyeltern". Dabei beantworten sie Eltern Fragen, öffnen ihnen die Augen für Schwachstellen im Netz und vermitteln vor allem technische Grundlagen, damit die Eltern erkennen: Die digitale Welt ist nicht "das Böse".

Mama verlinkt ihre Freundinnen, Papa postet ein Selfie des Familienausflugs - ist das die Horrorvorstellung vieler Kinder?

Benedikt Martin: Ich denke schon. Virtuelle Räume sind ja auch Räume, die sich Jugendliche erobern als Abgrenzung von den Eltern. Jugendliche brauchen das in einem gewissen Maße. Und wenn dann die Eltern in diesen "Räumen" mitmischen, wird es schwierig.

Julia Grewe: Sehr unbeliebt bei Jugendlichen ist, wenn Mama ein altes Kinderfoto der Kinder postet. Das finden viele überhaupt nicht niedlich und witzig.

Was sind denn für euch überhaupt "Handyeltern"?

J: Im Prinzip Eltern, die sich auskennen bei dem, was ihre Kinder da am Handy alles so machen. Die mitreden können, die ihre Kinder im Umgang zum Beispiel mit den Sozialen Medien unterstützen und verantwortungsvoll begleiten.

Social Media, Internetspiele und andere Apps sind für euch nicht per se "das Böse" - aber mal Hand aufs Herz: Was sind denn Gefahren des Internets?

B: Ehrlich gesagt, wer Soziale Medien oder Internetspiele als "das Böse" sieht, hat das Internet nicht verstanden. Social Media bietet wie vieles im Internet einen Raum. Hier gibt es ähnliche Gefahren wie im realen Leben. Durch das Internet werden sie nur einfacher und verstärkt. Nehmen wir das Beispiel Mobbing: Das gibt es auch in der analogen Welt. Aber Cybermobbing ist deutlich enthemmter, kann vollkommen anonymisiert ablaufen, ist intensiver und schneller. Das Netz ist hier nicht die Ursache - eher der Brandbeschleuniger.

Lässt sich auch beim Thema Medienerziehung behaupten, Verbote machen es für Jugendliche nur noch reizvoller?

B: Verbote per se sind natürlich immer schwierig in der Erziehung, klares Jein von mir.

J: Manchmal geht es aber ja auch nicht um das Verbot an sich, sondern Eltern möchten ihre Kinder schützen, haben vielleicht mehr Kompetenzen. Es geht um das Erreichen eigenverantwortlichen Handelns. Ganz pragmatisch müssen bei aller Bereitschaft zum Gespräch Verbote auch manchmal sein.

Gibt es das richtige Alter für das erste Handy?

J: Nein, das würde ich nicht sagen. Das ist immer situationsabhängig. Der familiäre Kontext spielt eine Rolle und das Verständnis des Kindes.

Wenn Eltern mit Erschrecken feststellen, sie bekommen ihre Kinder einfach nicht mehr vom Smartphone weg. Was wäre für euch ein erster Schritt?

B: Hilfe in Anspruch nehmen. Mit diesem Problem steht man ja nicht alleine da. Da hilft, sich zu informieren und drüber zu reden. Kurzum: In unseren Workshop kommen.

Mails checken, nach einem Rezept suchen, das E-Paper der Tageszeitung aufrufen, kurz noch was bestellen - es ist ja nicht so, dass nicht auch Eltern viel Zeit am Handy verbringen. Warum ist es wichtig, sich mit der eigenen Handynutzung auseinanderzusetzen?

J: Weil wir Eltern eine Vorbildfunktion haben. Warum muss das Kind vom Tablet weg, wenn der Vater ständig am Handy klebt? Die Reflexion ist extrem wichtig - manchmal, ehrlich gesagt, auch ernüchternd. Aber wir alle lernen gerade den Umgang mit den "neuen Medien". Es kann ja auch von Vorteil sein, wenn man sich als Familie gemeinsam überlegt: Was wollen wir? Welchen Platz soll das Smartphone einnehmen? Und welche Regeln legen wir zusammen fest?

Sätze wie: "Ist doch alles nicht so schlimm." "Dann schaut er halt mal einen ganzen Tag lang auf den Bildschirm." "Was soll ich machen, wenn sie halt den ganzen Tag mit ihrer Freundin skypen will ...?" Was würdet ihr Eltern darauf entgegnen, wenn Sie euch nach eurer Meinung fragen?

B: Das klingt in erster Linie ja alternativ- und hilflos. Da ist der Kontext ganz entscheidend. Ich hätte erstmal ein paar Gegenfragen: Wissen die Eltern dann wirklich, was da passiert? Wie Social Media die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder beeinflusst? Was die Jugendlichen da machen? Und warum?

J: Unserer Meinung nach sind zwei Dinge enorm wichtig: 1. selber Kompetenzen erlangen, also sich auskennen, und 2. immer im Gespräch bleiben.

"Digital natives" wird die Generation genannt, die mit Medien und Technik aufwächst. Wäre es dann nicht auch endlich Zeit für das Schulfach Medien?

B: In diesem Bereich tut sich gerade sehr viel. Es gibt schon länger einzelne Initiativen, die hier Projekte gestartet haben, und nun kommt auch aus der Politik einiges ins Rollen. Unser Schulsystem ist in all seinen Facetten allerdings auch hochkomplex und verändert sich dementsprechend langsam. Zuletzt hat die Homeschooling-Phase gezeigt, wie wertvoll und hilfreich die digitalen Möglichkeiten sein können und wie notwendig es ist, dass hier jetzt etwas passiert. Das ist allerdings nicht nur mit einem Schulfach Medien getan. Es braucht da einen generelles Umdenken und einen wirklich durchdachten Bildungsplan.

J: Medien an sich ist ja auch ein Querschnittsthema. Das sollte fächerübergreifend funktionieren. Je mehr Medienerziehung bereits in der Schule stattfindet, desto gerüsteter und kompetenter sind die Kinder. Das ist natürlich sehr wünschenswert.

Was hilft als Antwort auf den Satz "Aber Jonas darf das doch auch auf Youtube schauen"?

J: Das ist ja im Prinzip das gleiche wie "Emma darf aber auch noch ein Eis", "Paul darf aber auch schon Star Wars schauen", "Leni hat aber auch fünf Lego-Friends-Sets mehr als ich". Darüber wurden Hunderte Erziehungsratgeber geschrieben.

B: Ich würde raten, den Grund, das Bedürfnis zu verstehen und dann das Gespräch zu suchen. Auch hier hilft es, sich im Netz auszukennen und gemeinsam mit seinem Kind Lösungen zu suchen.

J: Und dann aber auch Regeln festlegen, die verständlich sind. Auch wenn es gerade zu Zeiten von Corona manchmal natürlich schwierig ist und man situationsbedingt agieren muss.

Jetzt mal ehrlich, Julia, wie oft bist du schon verzweifelt, weil ein Kind unbedingt an das Handy oder den PC wollte?

J: Oft genug. Aber tatsächlich hilft mir die Tatsache, dass ich mich damit beschäftige, dass ich zumindest weiß, was sie da dann machen wollen und warum.

Benedikt, gibt es etwas, das du dir jetzt schon fest vornimmst, dann so bei deinem Kind in Bezug auf Medien und Handynutzung zu regeln?

B: Bis dahin sind es ja noch ein paar Jahre. Und wenn man mal zehn Jahre zurückschaut und sich überlegt, was sich da alles in der digitalen Welt getan hat, dann kann man sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, was genau in den kommenden zehn Jahren passiert. Also diplomatisch formuliert: Dranbleiben, weiter auf dem Laufenden sein.

Könnt ihr diesen Satz vervollständigen: "Es ist für Jugendliche wichtig, ein Smartphone zu besitzen, weil ..." Oder ist es letztlich eigentlich wirklich nicht wichtig?

J: Doch, ich denke schon, dass es wichtig ist.

B: Weil es einfach die neue Realität ist. Handys, Smartphones, Internet - das alles geht ja nicht mehr weg. Das ist nun der neue technische Standard.

Wenn ihr noch einmal selbst Teenager sein könntet: Auf welche App wolltet ihr auf keinen Fall verzichten und euch mal so richtig austoben?

J: Ganz ehrlich: In Vorbereitung auf den Workshop hatte ich zum ersten Mal TikTok geladen und bin gleich für zwei Stunden hängen geblieben, ohne es zu merken. Ich war im totalen TikTok-Rausch und habe Benedikt und meinen Kindern die unterschiedlichsten TikTok-Challenges vorgeschlagen.

B: Whatsapp - einfach die Kommunikation mit anderen Menschen. Oder Snapchat, das ist einfach lustig. Wahrscheinlich würde ich mit einigen Apps ziemlich viel Zeit verbringen. Die Fragen stellte Sarah Seewald.