Im Prozess um die rätselhaften Todesfälle in der Seniorenresidenz Gleusdorf hat das Landgericht Bamberg alle Angeklagten freigesprochen. Das Urteil ist rechtskräftig. "Der Rechtsstaat lebt nicht davon, dass er auf Biegen und Brechen verurteilt", sagte der vorsitzende Richter am Freitag (13. März 2020).

Alexander Baum, Richter am Landgericht Bamberg und Leiter der Pressestelle, sagte gegenüber dem Nachrichtendienst News5: "Der Richter hat das Urteil im Wesentlichen auf zwei Punkte gestützt. Zum einen haben die Belastungszeugen teils widersprüchliche Angaben gemacht. Teils haben sie die Angaben, die sie bei der Polizei gemacht haben, in der Hauptverhandlung relativiert. Zum anderen hat sich nach der Sachverständigenuntersuchung der Vorfälle ergeben, dass den Angeklagten aus medizinischer und pflegerischer Sicht kein Vorwurf gemacht werden kann."

Auf Freispruch plädiert: Widersprüchliche Aussagen als Grund

Das Gericht folgte mit seiner Entscheidung den Plädoyers von Oberstaatsanwaltschaft und Verteidigung. Im Prozess um die rätselhaften Todesfälle in der ehemaligen Seniorenresidenz Gleusdorf hatten diese am Mittwoch (11. März 2020) vor dem Landgericht Bamberg auf Freispruch plädiert: Die Aussagen ehemaliger Pflegerinnen seien widersprüchlich und unglaubwürdig gewesen, hieß es übereinstimmend.

Vor Gericht standen die ehemalige Heimleiterin, der Pflegedienstleiter und ein Arzt. Ihnen wurde unter anderem gemeinschaftlicher Totschlag durch Unterlassen in einem Fall, versuchter Totschlag durch Unterlassen in zwei Fällen sowie die Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen.

Hauptanklagepunkt war der Tod eines Heimbewohners nach einem Sturz aus seinem Bett: Er hätte ein Hämatom im Gesicht gehabt, hohes Fieber bekommen und kaum mehr getrunken. Die Pflegekräfte hätten aber ohne Erlaubnis keinen Arzt rufen dürfen. "Dafür hat es keinen Beweis gegeben", sagte der vorsitzende Richter.

Als der angeklagte Arzt laut Anklage dann doch zur Visite gekommen sei, habe er den Patienten trotz des Verdachts einer Lungenentzündung nicht in ein Krankenhaus überwiesen. "Es war klar gewesen, dass er stirbt", schlussfolgerte der vorsitzende Richter.

Urteil des Gerichts: Anklagepunkte nicht zutreffend

Auch die anderen Anklagepunkte waren aus Sicht des Gerichts nicht zutreffend: Demnach starb ein anderer Bewohner nicht durch eine Insulinspritze, ein weiterer Heimbewohner mit Wunden an den Händen bekam Schmerzmittel und die Schreie einer dementen Bewohnerin seien kein eindeutiger Hinweis auf eine Fehlbehandlung gewesen.

Der vorsitzende Richter sprach zudem den Pflegedienstleiter frei, der laut Anklage einem Heimbewohner mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben soll. Denn die Hauptbelastungszeugin variierte ihre Aussagen (wie zu einigen anderen Punkten) stark. "Ob es gelogen war oder einfach fehlerhafte Erinnerung, lässt sich nicht mehr bestimmen", sagte der vorsitzende Richter.

Auch der Arzt habe in keinem der Fälle absichtlich einen falschen Todesschein ausgestellt, hieß es weiter.

Entschädigungsansprüche: Neues Verfahren soll diese klären

"Es war nicht Aufgabe des Gerichts, Missstände in der Seniorenresidenz Gleusdorf aufzudecken", sagte der vorsitzende Richter. "Ich möchte aber behaupten, dass wir die Fälle aus der Anklage sehr gründlich aufgeklärt haben."

Die ehemalige Heimleiterin, der Pflegedienstleiter und ein Arzt seien für ihren "Leidensweg" zu entschädigen, hieß es bei der Urteilsverkündung. In einem eigenen Verfahren wird nun geklärt, wie hoch die Entschädigung ausfällt. Die Verteidiger kündigten außerdem an, zivilrechtliche Schritte zu prüfen.

Freispruch: Das sagen die Anwälte von Arzt und Heimleiterin

Maximilian Glabasnia, Anwalt des ehemaligen Hausarztes, sagte gegenüber News5: "Uns war es von Anfang an wichtig, dass nicht nur dieser Freispruch in strafrechtlicher Hinsicht heute erfolgen muss, sondern dass wir darstellen können, dass in keinem der Fälle mein Mandant als Arzt sich eines Behandlungsfehlers schuldig gemacht hat."

Alexander Seifert, Anwalt der ehemaligen Heimleiterin, sagte: "Es liegen ganz schwere Zeiten hinter meiner Mandantin, die muss das alles erstmal verarbeiten, auch finanziell verkraften. Wir werden uns jetzt überlegen und besprechen, ob Strafanzeige gegen einige Zeugen erstattet wird wegen falscher Verdächtigung."

Seniorenresidenz Gleusdorf: Von 2011 bis 2016 gab es mehrere dubiose Todesfälle

In dem Altenheim im unterfränkischen Landkreis Haßberge starben von 2011 bis 2016 mehrere Bewohner unter dubiosen Umständen. Grund dafür sollen, wie es in der Anklage hieß, Misshandlungen und schlechte medizinische Versorgung gewesen sein. Die Vorwürfe hatten die drei Angeklagten über ihre Anwälte von Anfang an bestritten.

Eigentlich hätte der seit Juli 2019 laufende Prozess wegen diverser Todesfälle in der Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf bereits im Januar zu einem Abschluss kommen sollen. Die Verhandlung musste aber noch einmal komplett neu aufgerollt werden, weil ein Richter länger krank war.