Politik ist ein hartes Geschäft. Heute noch strahlender Frontmann, morgen schon niedergeschlagener Wahlverlierer. Christian Lange wusste das, als er sich im Frühjahr 2019 auf der Altenburg selbst zum Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl ausgerufen hat. Der Taktiker hat es gewagt, hat gepokert - und nun verloren.

"Er wusste, was er tut": Dieser Satz fällt immer wieder in Gesprächen mit Insidern. Der Stratege Lange wusste, dass es in seiner Bamberger CSU zwei Kraftpole gibt. Die eine Seite befürwortete seinen regierungsnahen Kurs, um die Politik in der Stadt - auch als zweiter Bürgermeister - mitzugestalten. Die andere Seite befeuerte Forderungen, im Wahlkampf klare Kante gegen SPD-Oberbürgermeister Andreas Starke zu zeigen. Um nicht das Schicksal mit der SPD im Bund zu teilen, die in der Großen Merkel-Koalition an Profil und Wählern verliert. Klare Kante gegen Starke - diese Form des Wahlkampfes war mit Lange als Kandidat undenkbar.

Riskanter Schritt

Lange musste auch das gewusst haben - und tat es trotzdem. Er warf seinen Hut in den Ring, brüskierte Gesundheitsministerin Melanie Huml, mit der dieser Schritt nicht abgesprochen war, lieferte sich einen veritablen Streit mit deren Mann und seinem alten Schulfreund Markus Huml, trat bei der Wahl an und verlor. Und so bleibt nun vom Werbeslogan "weiter.anders" nur das "anders".

Eine Kenia-Koalition mit den Grünen und den Roten scheiterte an der Unterschrift der Schwarzen. Weil der neue zweite Bürgermeister klar von den starken Grünen stammen musste, war ein berufsmäßiger dritter Bürgermeister im Gespräch, heißt es aus Verhandlungskreisen. Doch die CSU habe sich in letzter Minute gegen dieses Trostpflaster für Christian Lange und für den "Reset" entschieden. Für einen Neustart, um das Profil zu schärfen.

"Jetzt muss jemand an die Spitze treten, der den Oppositionskurs vertritt", sagt Lange selbst unverblümt. So führe der Weg des Theologen zurück an die Uni Erlangen-Nürnberg, wo er als Beamter auf Lebenszeit über ein Sicherheitsnetz verfüge, wie er erzählt. Er genieße es, mehr Zeit für seine Familie zu haben. Wie gern er das Amt des Kultur-, Bildungs- und Sport-Bürgermeisters inne hatte, daraus macht Christian Lange keinen Hehl. Wie umtriebig er diese Aufgabe ausgeübt hat, loben selbst Vertreter der anderen Parteien. "Er hat die Stadt gut vertreten, besonders beim Thema Kita-Ausbau wurde das für mich deutlich, das ist ja kein typisches CSU-Thema", sagt sein grüner Amtsnachfolger Jonas Glüsenkamp, der das Referat kommissarisch führt.

Wer kümmert sich um Kultur?

Wer das Ressort künftig leiten wird, ist noch nicht klar. Glüsenkamp und seine Grünen bevorzugen lieber ihre Kernthemen Umwelt und Verkehr - zumal Ralf Haupt bald aufhört.

Lange hätte das Kulturreferat theoretisch als berufsmäßiger Stadtrat weiter bekleiden können - doch auch für diesen Coup hielt ihm seine CSU nicht mehr die Steigbügel, berichten Insider. So werden die Aufgabenfelder entweder auf andere Ressorts verteilt, oder der Referatsposten wird ausgeschrieben. "Dann könnte sich Christian Lange bei einer Ausschreibung ganz normal bewerben", erklärt SPD-Fraktionssprecher Klaus Stieringer zu der Personalie.

Ob Lange das tun will, lässt er offen. Gespräche mit Parteikollegen machen klar: Er müsste dies aus eigener Kraft tun, ohne politischen Rückenwind seiner CSU, deren Kreisvorsitz er abgegeben hat."Wir wollen Eigenständigkeit, Opposition gibt es im Stadtrat nicht, und wir wollen kein Postengeschachere", sagt Anna Niedermaier. Zusammen mit Wolfgang Heim, Oliver Leuteritz und Gaby Seidl führt sie als Stellvertreterin den Kreisvorstand. Wegen Corona wird es vorerst keine Neuwahlen eines Vorsitzenden geben können. Müsse es aber auch nicht: "Die CSU ist definitiv nicht handlungsunfähig", betont Niedermaier. Christian Lange habe alles gut und geordnet übergeben.

Die charismatische 33-Jährige ist eine von mehren Frauen, die als künftige Galionsfigur gehandelt werden. Ebenso Anne Rudel, die nun hinter Peter Neller - der eine weitere OB-Kandidatur für sich schon jetzt ausschließt - zur stellvertretenden Fraktionssprecherin gewählt worden ist.

Zusammen mit Ursula Redler, die (noch) zur Bamberger Allianz zählt - und von deren Power nicht nur Peter Neller in den höchsten Tönen spricht. "Ich bin sehr positiv überrascht von der Arbeit in der Fraktion", lobt auch Redler, die ihre "schon etwas herausgehobene Position" selbstbewusst mit ihrem Wahlergebnis begründet und betont, dass bei der Bamberger Allianz durch ihren Schritt kein Familien-Porzellan zu Bruch gegangen sei.