Nürnberg
Christopher-Street-Day

Homosexualität im Tierreich - Sonderführung im Tiergarten Nürnberg

Homosexualität ist im Tierreich keine Seltenheit: Es gibt Beobachtungen, dass 97 Prozent aller Paarungsversuche zwischen Giraffenmännchen stattfinden. Homosexuelle Flamingo-Paare sollen sogar schon Jungtiere adoptiert haben.
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Der Tiergarten Nürnberg bietet extra zum Christopher-Street-Day eine Sonderführung zum Thema Homosexualität im Tierreich an. Christian Dienemann mit Zwergziegen
Der Tiergarten Nürnberg bietet extra zum Christopher-Street-Day eine Sonderführung zum Thema Homosexualität im Tierreich an. Christian Dienemann mit Zwergziegen
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Männerliebe im Tierreich: Homosexualität gehört auch bei Affen, Giraffen und Elefanten zum normalen Alltag, sagt Christian Dienemann vom Tiergarten Nürnberg, der sich in diesem Jahr am Sonntag, 29. Juli, zum ersten Mal mit Sonderführungen am Christopher-Street-Day beteiligt. Wir haben mit dem Zoopädagogen über gleichgeschlechtliche Liebe im Tierreich gesprochen.

Ist Homosexualität im Tierreich noch ein Tabuthema?
CHRISTIAN DIENEMANN: Nein, eigentlich nicht. Es war lange Zeit in der Biologie so, dass man nicht sehen wollte, was nicht sein durfte. Bis in die 90er Jahre konnte man sich homosexuelle Tiere einfach nicht vorstellen. Bis dahin wurden ein Tier von der Fachwelt lediglich als lebendige Apparatur betrachtet. Eine Paarung durfte nur zur Fortpflanzung dienen. Vom Verhalten des Menschen wissen wir, dass Sexualität auch eine soziale Komponente hat.

Haben Biologen einfach über das geschwiegen, was sie in Wüsten, Dschungeln und Savannen beobachten konnten?
CHRISTIAN DIENEMANN: Ja. Vor 100 Jahren hat ein Wissenschaftler bei Pinguinen in der Antarktis homosexuelles Verhalten beobachtet. Aus Angst vor den Kollegen hat er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht veröffentlicht. Heute akzeptiert man, dass Tiere auch eine Persönlichkeit haben und nicht alle Artgenossen identisch sind. Natürlich sprechen wir von keiner menschlichen sondern einer tierischen Persönlichkeit. Selbst bei einer Vogelspinne kann man das schnell merken. Jedes Tier reagiert eben individuell ganz unterschiedlich.

Sind schwule Tiere eine Seltenheit im Tierreich?
CHRISTIAN DIENEMANN: Das wissen wir nicht. Biologen sprechen von homosexuellem Verhalten. Das Problem dabei ist, das gleichgeschlechtliche Verhalten richtig einzuordnen. Bei Haus- und Nutztieren hat man bessere Erkenntnisse. Zwischen acht und zehn Prozent der Hammel zeigen beispielsweise ausschließlich Interesse an anderen Schafböcken. Bei Tieren, die in freier Wildbahn leben, fehlen uns noch viele genaue Erkenntnisse.

Warum zeigen Tiere überhaupt homosexuelles Verhalten?
CHRISTIAN DIENEMANN: Wir können die Tiere nicht fragen. Früher hat man immer von Dominanzverhalten gesprochen. Wenn ein Giraffenmann einen anderen Giraffenmann bestiegen hat, wurde nicht von homosexuellem Verhalten sondern von Dominanzverhalten gesprochen. Es gibt Beobachtungen, dass 97 Prozent aller Paarungsversuche zwischen Giraffenmännchen stattfinden. Inklusive Ejakulation

Stehen Giraffenfrauen nicht auf Sex?
CHRISTIAN DIENEMANN: Wissen wir wiederum nicht mit 100-prozentiger Sicherheit. Giraffenfrauen sind zumindest nicht dafür bekannt, dass sie sich sehr gerne paaren.

Welche Arten sind "im Bett" denn besonders experimentierfreudig?
CHRISTIAN DIENEMANN: (lacht) Bonobos zum Beispiel. Die sind relativ eng mit dem Menschenaffen verwandt. Die Weibchen sind bei den Bonobos das dominante Geschlecht. Trotzdem gibt es häufig Streit. Aber Bonobos stehen auf Versöhnungssex. Nach jedem Streit wird der Stress durch Sex abgebaut. Das scheint erstaunlich gut zu funktionieren.

Haben Sie das im Tiergarten Nürnberg schon beobachten können?
CHRISTIAN DIENEMANN: Wir haben leider keine (lacht). Ich habe Bonobos aber schon in anderen Tiergarten beobachten könnten. Das geht auf jeden Fall gut ab.

Und wer ist im Tiergarten Nürnberg in dieser Hinsicht besonders aktiv?
CHRISTIAN DIENEMANN: Die jungen Delphine standen bis vor wenigen Jahren noch auf Penis-Fechten. Deswegen sind die aber nicht gleich schwul. Das hat sich wahrscheinlich einfach so ergeben mit dem Penis-Fechten. Nach dem Motto: Warum denn eigentlich nicht? Angeblich sollen männliche Seekühe das Geschlecht ihres Partners mangels Händen mit den Flossen bearbeiten. Bei uns im Manati-Haus konnten wir dieses Verhalten aber noch nicht beobachten.

Übernehmen homosexuelle Paare im Tierreich eigentlich auch Elternaufgaben?
CHRISTIAN DIENEMANN: Auf alle Fälle. Homosexuelle Flamingo-Paare sollen sogar schon Jungtiere adoptiert haben. Andere schwule Flamingos sind schon beim Ausbrüten von Steinen gesehen worden. Dieses Verhalten liegt daran, dass Paare im Tierreich, egal ob schwul oder hetero, einfach Elternaufgaben von Natur aus übernehmen wollen.

Derzeit wird überall in Deutschland beim Christopher-Street-Day mit bunten Festen an den New Yorker Aufstand von Homosexuellen gegen Polizeiwillkür im Jahr 1969 erinnert. Warum nimmt am Sonntag auch der Tiergarten mit Sonderführungen in diesem Jahr zum ersten Mal daran teil?
CHRISTIAN DIENEMANN: Homosexualität ist eine interessante Facette aus dem Tierreich. Es gibt bei den Tieren mehr als schwarz und weiß. Das Tierreich ist bunt. Wir wollen als städtischer Tiergarten zur Offenheit beitragen. Die Stadt Nürnberg steht schließlich für Toleranz. Wir bauen in der Stadtverwaltung gerade ein schwul-lesbisches Netzwerk auf. Dabei ist die Idee entstanden, dass ich mich mit Sonderführungen zur Homosexualität im Tiergarten am Christopher-Street-Day beteiligen könnte. Wir werden übrigens auch beim schwul-lesbischen Straßenfest in Nürnberg mit einem Infostand vertreten sein.

Sollen die Teilnehmer zu der Veranstaltung im Tiergarten in bunten Klamotten erscheinen?
CHRISTIAN DIENEMANN: Nein. Es gibt auch keine Musik. Wir wollen die Tiere ja nicht stören. Ich werde ein paar Anekdoten aus dem schwulen Tierreich erzählen. Und wir werden uns die Tiere etwas genauer anschauen. Unter homosexuellen Paaren im Tierreich gibt es nämlich auch Irrungen und Wirrungen.

Rechnen Sie mit einem tierischen Coming-Out?
CHRISTIAN DIENEMANN: Eher nicht (lacht). Tiere machen sich keine Gedanken wie wir Menschen. Daran könnten wir uns manchmal ein Beispiel nehmen. Das Individuum steht im Vordergrund und nicht die sexuelle Orientierung.

  • Termin Am Sonntag, 29. Juli 2018, bietet Zoopädagoge Christian Dienemann im Tiergarten der Stadt Nürnberg anlässlich des Christopher Street Days um 11 und um 15 Uhr je eine Sonderführung zum Thema "Homosexualität im Tierreich - Ein Streifzug durch den Tiergarten".
  • Dauer Die etwa zweistündige Führung für jedermann und -frau hält einige amouröse Kuriositäten bereit. Die maximale Teilnehmerzahl je Führung beträgt 30 Personen.
  • Eintritt Es fällt der reguläre Eintritt in den Tiergarten Nürnberg an. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.


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