• Dark-Tourism-Guide: Ein ungewöhnlicher Reiseführer zu 33 verlassenen Orten ("Lost Places") in Franken
  • Autor Benedikt Grimmler hat seine Wurzeln in Landkreis Kulmbach
  • Heruntergekommene Häuser und Anlagen mit bewegenden und oft tragischen Geschichten, die für Gänsehaut sorgen
  • Häuser, Höfe, Kapellen und Industrieanlagen, die seit Jahrzehnten leer stehen - hier begegnet man niemandem mehr 

Vermutlich kennt jeder Kulmbacher die Legende der Weißen Frau, die auf der Plassenburg herumgeistern soll. Gräfin Kunigunde von Orlamünde wurde von ihrem Geliebten mit der Begründung "Vier Augen stehen zwischen uns" zurückgewiesen. Sie dachte, dabei handle es sich um ihre Kinder und brachte beide um. Ein Irrtum, denn der schöne Burggraf hatte seine Eltern gemeint. Verlassene Orte wie die Burgruine, um die sich Legenden und Mythen ranken, gibt es einige in Franken! Wir zeigen dir ein paar davon vor und zeigen dir, wo du diese Lost Places nachlesen kannst

Lost Places: Makabre Trenderscheinung oder sinnvolle Auseinandersetzung mit Geschichte? 

"Dark Tourism", übersetzt "Schwarzer Tourismus" oder auch "Katastrophentourismus", nimmt weltweit eine besondere Nische im Tourismus ein und ist aufgrund seines Rufs als "Schaulustigen-Tourismus" ein kontroverser Bereich der Reisebranche. 

Dark-Tourism-Guide: Lost & Dark Places Franken bei Amazon ansehen

Das wohl bekannteste Beispiel für einen verlassenen Ort ("Lost Place" oder "Abandoned Place"), der von Touristenscharen überrannt wird, dürfte die Gegend um das ehemalige Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine sein. Aufgrund der Nuklearkatastrophe  von 1986 wurde die benachbarte Stadt Prypjat evakuiert und nie wieder besiedelt. Nach und nach wurden die Gebäude von der Natur wieder eingenommen, sodass eine einzigartige Kulisse entstanden ist. 2011 öffnete man das Gebiet für den Tourismus.

Nichtsdestotrotz bietet diese Form des Tourismus die Möglichkeit, Geschichte hautnahe zu erleben und sich im besten Falle kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ein respektvoller Umgang mit den Schicksalen der Menschen sollte dabei immer an erster Stelle stehen.  

Ein Reiseführer der anderen Art von Benedikt Grimmler - Dark Tourism 

Der kürzlich erschienene schaurig-schönen Reiseführer "Lost & Dark Places Franken"* von Benedikt Grimmler beschäftigt sich mit solchen verlassenen Orten und deren teilweise tragische Historie.  Insgesamt 33 Dark Places stellt der gebürtige Kulmbacher in seinem Reiseführer vor. 

Grimmler ist in Stadtsteinach aufgewachsen und war dort während seiner Schulzeit im Museum tätig, ehe er Germanistik, Anglistik und Amerikanistik in Konstanz und Wien studierte. Heute lebt er am Bodensee, hat aber den Bezug zu seiner Heimat nie verloren. "In Stadtsteinach bin ich weiterhin oft und regelmäßig", bestätigt er. Sein Heimatort findet regelmäßig in seinen Büchern mit fränkischem Schwerpunkt Erwähnung, "schließlich liegt mir meine Heimatstadt sehr am Herzen - und sie ist vielleicht nicht der Nabel der Welt, aber hat doch viel zu bieten", erklärt Grimmler. So widmet er in "Lost & Dark Places in Franken" ein ganzes Kapitel seiner Heimat - der Region rund um Stadtsteinach.  

Um also Franken mal auf eine andere Art erleben zu können, ist der Katastrophenreiseführer von Grimmler eine gute Wahl. Wen die Faszination von solchen mystischen Orten außerdem nicht loslässt, für den lohnt sich ein Blick in unser kürzlich geführtes Interview mit Benedikt Grimmler,  in dem er sich darüber äußert, warum "Lost Places" so viele Menschen magisch anziehen. Im Folgenden geben wir außerdem einen kleinen Vorgeschmack auf den Inhalt des Buches. 

Lost Places in Franken: Auf Knien gen Himmelkron

Eines der von Grimmler beschriebenen Ausflugsziele ist die Ritterkapelle im ehemaligen Kloster von Himmelkron. Diese Kapelle spielt eine Rolle in der oben  beschriebenen Legende um die Weiße Frau, Gräfin Kunidgunde. Angeblich rutschte Kunigunde aus Reue auf ihren Knien dorthin. Kurz vor ihrem Ziel, nahe des Neuenmarkter Ortsteils Schlömen, starb sie. Genau an der Stelle befindet sich nun eine Marter, ein verwittertes Steindenkmal.

"Sie müssen ihn nicht auf Knien entlang rutschen, aber Sie können den Weg der Weißen Frau von der Plassenburg zum Kloster Himmelkron gut erwandern - mit einem blauen M ist er bestens ausgeschildert", schreibt Grimmler. 

Der Reiseführer beschreibt also nicht nur die Orte selbst, sondern auch wie man am besten dorthin gelangt. So kann man viele Ausflugsziele mit einem ausgedehnten Spaziergang oder einer kleinen Wanderung verbinden. Perfekt für einen schaurig, schönen Sonntagnachmittag. 

Grabesstimmung am Kupferberger Galgen

Noch interessanter wird es, wenn die schaurigen Geschichten auch noch wahr sind. So zitiert Grimmler aus dem Tagebuch des berühmten Henkers Franz Schmidt einen Eintrag aus dem Jahr 1573: "Leonhardt Ruß von Ceyern, ein Dieb zu Stattsteinach, mit dem strang gericht. Ist mein ersts richten gewest." Bevor er die Stelle als Scharfrichter der Reichsstadt Nürnberg antrat, stand Schmidt im Dienst des Bamberger Fürstbischofs und reiste durch das Land, um die von sogenannten Halsgerichten gefällten Urteile auszuführen. Wahrscheinlich kam er dabei auch nach Kupferberg.

An der kleinen Sebastianskapelle beginnt der kurze Fußweg zum Galgenberg, wo ab Mitte des 14. Jahrhunderts "das Gestänge zum Einsatz" kam. 2012 wurde der Holzgalgen als makabre Sehenswürdigkeit rekonstruiert, allerdings, wie Grimmler schreibt, in "Westernmanier", denn die historischen Galgen der Region dagegen waren für gewöhnlich in Torform gestaltet: "Das weitaus stabilere Konstrukt trug den - oder die - Verurteilten in der Mitte."

Besonders dieser Ort macht wohl auf eine grausame und tragische Zeit in der Geschichte aufmerksam und regt mit seinem ehemalig so besonderen Zweck zum Nachdenken an. 

Aufgegeben und verfallen: Industrieruinen mit Charme

Grimmler listet in seinem Reiseführer Orte, die sich im Verfall befinden und von denen eine besondere Atmosphäre ausgeht. Das müssen nicht immer adrette Burg- oder Kirchenruinen sein, auch Industrieruinen wie die alte Malzfabrik in Maineck, die ehemalige Papierfabrik im Steinachtal oder der verfallene Gasthof Großrehmühle bei Marktleugast haben ihren Charme.

Das Gut Hummendorf bei Untersteinach betitelt der Autor als "Balthasar Neumanns Albtraum", denn der berühmte Baumeister, auf dessen Konto die Würzburger Residenz sowie die Wallfahrtskirchen Gößweinstein und Vierzehnheiligen gehen, wirkte auch am Bau des Ritterguts Hummendorf mit - "dessen heutiger Zustand dürfte ihm nicht gefallen", schreibt der Autor.

Umso besser, dass das Gut mittlerweile renoviert wird und schon bald in neuem Glanz erstrahlen soll - hoffentlich nicht zum Leidtragen des Lost-Place-Charmes. 

Verlassene und dennoch beeindruckend - die Faszination von Lost Places

Auch in Grimmlers Katastrophentourismus-Guide für Franken gibt es einen "Ort mit großer Ausstrahlung": In Großschloppen im Landkreis Wunsiedel suchte die Bundesregierung, unterstützt vom Freistaat Bayern, nach dem Zweiten Weltkrieg nach "Uran aus heimischer Quelle". Da "die Alliierten die deutsche Atomforschung äußerst skeptisch beäugten", wurde in Weißenstadt vordergründig ein Zinnerzbergwerk errichtet, in dem Uran abgebaut werden sollte, denn "das Vorhandensein von Radon und Uran im Fichtelgebirge war weithin bekannt".

Obwohl bereits 1956 die Tarnung aufflog, blieb die Grube bis 1990 geöffnet und belieferte unter anderem den Forschungsreaktor in Garching. Mehr über diese Geschichte erfährt man heute im Weißenstädter Besucherbergwerk.

Ein Hang zum Morbiden: "Natur und Verfall"

Grimmler ist in Kulmbach geboren und in Stadtsteinach aufgewachsen. Dort war er während seiner Schulzeit im Museum tätig, ehe er Germanistik, Anglistik und Amerikanistik in Konstanz und Wien studierte. Heute lebt er am Bodensee, hat aber den Bezug zu seiner Heimat nie verloren. "In Stadtsteinach bin ich weiterhin oft und regelmäßig", bestätigt er. Sein Heimatort findet regelmäßig in seinen Büchern mit fränkischem Schwerpunkt Erwähnung, "schließlich liegt mir meine Heimatstadt sehr am Herzen - und sie ist vielleicht nicht der Nabel der Welt, aber hat doch viel zu bieten", erklärt Grimmler. Auch in "Lost & Dark Places"* kommt das Steinachtal in einem ganzen Kapitel zur Geltung. Es trägt den Titel "Natur und Verfall".

Buchtipp: Lost & Dark Places Franken

Benedikt Grimmler veröffentlichte bisher Reiseführer und Bücher zu historischen Themen. "Das Interesse an verlorenen und dunklen Orten kommt wohl von einem gewissen Hang zum Morbiden, der sich einerseits aus der Liebe zu Gruselgeschichten und Sagen, andererseits aus einem schon immer vorhandenen Interesse an Ruinen aller Art speist", erklärt er, der aus diesem Grund die Burgruine Nordeck als Ausflugsziel schätzt.

Artikel enthält Affiliate Links

*Hinweis: In der Redaktion sind wir immer auf der Suche nach tollen Angeboten und nützlichen Produkten für unsere Leser - nach Dingen, die uns selbst begeistern und Schnäppchen, die zu gut sind, um sie links liegenzulassen. Es handelt sich bei den in diesem Artikel bereitgestellten und mit einem Einkaufswagen-Symbol beziehungsweise einem Sternchen gekennzeichneten Links um sogenannte Affiliate-Links/Werbelinks. Wenn du auf einen dieser Links klickst und darüber einkaufst, bekommen wir eine Provision vom Händler. Für dich ändert sich dadurch nichts am Preis. Unsere redaktionelle Berichterstattung ist grundsätzlich unabhängig vom Bestehen oder der Höhe einer Provision.