Bamberg — Verführerisch duftet es noch nach den Waffeln, die gerade im Schülercafé gebacken wurden. Jetzt ist die Pause vorbei, doch der süße Geruch ist bis in den Computerraum am anderen Ende des Flurs gezogen. Dorthin scheucht Eckart Roeß seine Jungs und Mädels: Das Team der Schülerzeitung hat Redaktionssitzung.

Heute wird festgelegt, welche Fotos und Texte ins nächste "Scharfenberg-Blättla" kommen. Pünktlich zu Weihnachten soll die neue Zeitung der Bertold-Scharfenberg-Schule erscheinen. Durch eine Spende des Vereins Franken helfen Franken kann sie erstmals farbig gedruckt werden.
Nach und nach trudeln die 14- bis 16-jährigen Berufsschüler ein: Ramona, Maik, Marcel, Florian und Emil. Als Jenny kommt, setzt sie sich auf den Boden. Roeß sagt nichts und lässt das Mädchen in Ruhe. In der Bertold-Scharfenberg-Schule werden Kinder und Jugendliche mit Lernbehinderungen unterrichtet, die sich oft anders verhalten als Gleichaltrige. Im geschützten Umfeld dürfen sie das. "Wir holen die Schüler da ab, wo sie stehen und gehen auf ihre Stärken und Schwächen ein", sagt Roeß.

Redaktionssitzung

Live zu erleben: bei der Redaktionssitzung. "Was habt ihr für eure Zeitung so zu tun?" fragt die Reporterin die Reporter. "Bilder bearbeiten und schreiben", antworten Ramona und Florian. "Schreibt ihr auch selbst?" "Ja, aber manchmal schreiben wir auch nur was ab." Roeß schmunzelt, weil er an die rot unterringelten Worddokumente denkt - fehlerfrei tippen seine Redakteure selten. "Aber ich korrigiere das dann."

Was die Schüler für die Weihnachtsausgabe planen, haben sie gerade besprochen. "Berichte und Bilder vom Martinifest kommen rein, was über den Advent und über einzelne Gruppen", zählt Florian auf. Jetzt fahren sie die PCs hoch und sollen Bilder suchen. Schulalltag: Maik und Marcel blödeln kurz herum, Florian klickt konzentriert Fotos durch und Emil hadert mit dem Abspeichern. "Herr Roeß, wie kriege ich das jetzt hin?" fragt er und deutet auf den Bildschirm. "Rechte Maustaste ..." fängt der Lehrer an zu erklären.

Für Roeß ist der Umgang mit den Kindern im Förderzentrum der Lebenshilfe ganz normal. Er hatte eine behinderte Cousine und wollte unbedingt Sonderschullehrer werden. Vor allem die direkte Art der Schüler gefällt ihm. Manchmal kommt einer nach dem Unterricht und sagt, dass es heute blöd war. Genauso gut kann aber auch eine Umarmung drin sein. "Das Zwischenmenschliche ist bei uns sehr ausgeprägt."

Gelebter Unterricht

Die Schule sei das Nest, in dem die Kinder lernen, flügge zu werden. Deshalb steht zwar Wissensvermittlung auf dem Plan, werden die Schüler aber auch ganz praktisch fit gemacht fürs Leben. Zum Beispiel mit dem Einkaufstraining. "Manche Kinder können nicht oder nicht so gut rechnen", erklärt der Lehrer. "Aber sie müssen wissen, dass sie noch Geld zurückkriegen, wenn sie für ein Brot fünf Euro hinlegen."
Die Kinder und Jugendlichen halten sich bis 16 Uhr in der Schule auf. "Das ist eine lange Zeit, in der doch einiges passiert", sagt Schulleiter Peter Wambach. Aber wenn die Kinder nach Hause kommen und die Eltern fragen, wie's war, heißt es meistens: Schön. "Die Eltern erfahren nicht so viel. Deshalb ist das "Scharfenberg-Blättla" eine gute Möglichkeit, über unseren Alltag zu berichten." Außerdem sei die Zeitungsherstellung samt Lesen, Schreiben und Arbeiten am PC Bestandteil des Lehrplans. "Unsere Schülerzeitung ist gelebter Unterricht", sagt Wambach.

Da schneit Phong zur Tür herein, er hat sich verspätet. "Phong wie?" Er lacht und schreibt der Reporterin in den Block: "Phongsathorn". Vor vier Jahren kam er aus Thailand nach Deutschland. Jetzt ist er der Auslandsreporter beim Scharfenberg-Blättla. "Ich möchte über meine Heimat schreiben und eine Extraseite gestalten, deutsch-englische Begriffe mit Piktogrammen." Zeit für ihre Ideen haben die Schüler wöchentlich in einer Doppelstunde.

Wie gut, dass sie sich nicht um die Verteilung ihres Blättlas kümmern brauchen.
So wie Ramonas Eltern, die den Fränkischen Tag austragen: "Sie müssen jede
Nacht um 2 Uhr aufstehen, damit die Leser in Pettstadt morgens ihre Zeitung
im Briefkasten haben", erzählt Ramona. Da drehen sich die Scharfenberg-Reporter
im Bett nochmal um und träumen von ihrem neuen, bunten Blättla.