Vier Millionen Menschen in Deutschland können nicht oder kaum lesen und schreiben. Einer von ihnen war Michael H*. Bei Behördengängen hat er sich die Hand verbunden oder vorgegeben, keine Brille dabei zu haben. So konnte er sich um die Unterschriften drücken. Heute hat er es nicht mehr nötig, seine Zeit mit Vertuschen zu verplempern: In einem Alpha-Kurs, unterstützt vom Spendenverein Franken helfen Franken, lernte Michael H. Lesen und Schreiben.

Für Außenstehende ist es unbegreiflich, wie man ohne diese elementaren Kenntnisse durchs Leben kommen kann. Und durch die Schule erst - wie geht das in unserem hochgelobten Bildungssystem? "Es geht", sagt Tina Eleftheriou, Leiterin des Vereins für angewandte Lernforschung ALF e. V. in Bamberg, der die Alpha-Kurse durchführt. "Das Schulsystem hat noch immer Lücken."

Und die Lehrer? Merken sie nicht, ob ein Schüler sich mit dem Lesen und Schreiben schwer tut? "Doch. Die Lehrer versuchen sehr wohl, das Kind zu fördern. Auch gibt es an vielen Schulen Förderunterricht. Aber nicht in allen Fällen reicht dies aus." Oft sind noch immer die Klassen zu groß, um die Betroffenen individuell unterstützen zu können.


Familiäres Umfeld ist wichtig


Außerdem liegt die Verantwortung nicht bei der Schule und den Lehrern allein. Eine wichtige Rolle spielt auch das familiäre und soziale Umfeld. So wie bei Michael H.: Mit ihren acht Kindern war seine Mutter zu beschäftigt, sich um Schulprobleme zu kümmern. Bei 45 Kindern in einer Klasse hatte auch die Lehrerin keine Zeit für ihn - und für die sechs weiteren Schüler, die ebenfalls nicht lesen und schreiben konnten.

Michael H. war sich seiner Defizite in der zweiten Klasse bewusst. Beim Diktat in der Schule hat er sich "fotografisch" eingeprägt, was der Nebenmann produzierte, die Hausaufgaben schrieb er von seiner Schwester ab. Michael H. blieb mehrmals sitzen. In den Schreibfächern hatte er Fünfer und Sechser, im Werken Einser.

"Ich wurde durchgeschoben", sagt er heute. Nach der Schule fand er einen Job in einem Handwerksbetrieb. Dort konnte er sich bewähren, leitete bald eine Gruppe von 13 Mitarbeitern. Was auf den Auftragszetteln stand, konnte er zumindest buchstabieren und sich den Rest zusammenreimen. Fast 30 Jahre lang ging es gut.

Dann kam ein neuer Chef. Er wollte Personalbögen ausgefüllt haben, um seine Mitarbeiter beurteilen zu können. Michael H. musste sich bei der Personalleiterin outen. "Sie hat mich verpetzt." Kurz darauf wurde er arbeitslos.

Doch er gab nicht auf. Er zog einen Imbiss auf, wurde für handwerkliche Tätigkeiten in ein Altenheim vermittelt - für 1,50 Euro pro Stunde. Er arbeitet gern. Aber als ihn die Arbeitsagentur in einen Comuterkurs schicken will, platzt ihm der Kragen. "Ich kann doch nicht lesen und schreiben, das ist rausgeschmissenes Geld", sagt er zu seiner Vermittlerin. Sie sieht den Unsinn ein, erlässt ihm den PC-Kurs und schickt ihn stattdessen zu ALF. Dort soll er Lesen und Schreiben für Erwachsene lernen.

Mittlerweile hat Michael H. schon zwei Alpha-Kurse absolviert, die nächste Einheit ist bereits gebucht. Die Teilnehmer werden in kleinen Gruppen über einen Zeitraum von sechs Monaten unterrichtet, Hausaufgaben inklusive. Michael H. lernt fleißig. "Seine Fortschritte sind enorm", sagt Tina Eleftheriou. Er hat sogar den Führerschein gemacht, regulär und mit schriftlicher Theorieprüfung - "eine Superleistung".

Der einstige Analphabet ist selbstbewusster geworden.

"Seit ich besser lesen und schreiben kann, lasse ich mir nichts mehr bieten." Er hat Glück, trotz allem. Er hat eine Familie. Sie unterstützt ihn in jeder Situation. "Oftmals zerbrechen Beziehungen, wenn einer der Partner Analphabet ist", weiß Eleftheriou. Das ständige Angewiesensein auf den anderen ist für beide Partner oft schwer auszuhalten.

Es gibt viele gute Gründe, das Analphabeten-Dasein zu überwinden. Selbstbestimmte Gestaltung des Alltags, gleichberechtigte Partnerschaft, bessere Chancen im Berufsleben. Keine Scham mehr, kein ständiges Vertuschen. "Es ist nie zu spät, Lesen und Schreiben zu lernen", lautet das Motto der Alpha-Kurse. Michael H. ist der beste Beweis dafür.
*Name von der Redaktion geändert

Zweck

Der Verein "Franken helfen Franken" der Mediengruppe Oberfranken (MGO) unterstützt Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen im sozialen, kulturellen und Sportbereich. Spenden werden zu 100 Prozent im mildtätigen Sinne eingesetzt. Alle Kosten für Organisation und Verwaltung trägt die MGO.

Spenden

sind möglich auf das Konto 302 194 501, Sparkasse Bamberg (BLZ 770 500 00), Stichwort "Franken helfen Franken". Die Spenden sind abzugsfähig.
Alpha-Kurse finden regelmäßig bei ALF Bamberg statt. Infos und Anmeldung unter 0951/24666. Für die Finanzierung ist ALF auf Spenden angewiesen, Kto. 200980 Sparkasse Fürth, BLZ 76250000.

Info-Telefon Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung berät Betroffene und Angehörige anonym unter Tel. 0251/533344.