Um 6 Uhr klingelt der Wecker von Jana Slovackova und Johannes Kestler. Sie stehen auf, gehen in die Küche und bereiten das Frühstück vor. Nach und nach kommen die Kinder an den Tisch. Und der ist mit seinen rund zehn Metern Länge keinesfalls überdimensioniert. 13 Menschen müssen hier schließlich Platz finden.

Vor kurzem ist der KästnerHof an der Straße zwischen Bimbach und Oberschwarzach feierlich eingeweiht worden. 11 Kinder finden hier, in der ehemaligen Wiesenmühle, ein Zuhause. Drei Töchter haben Jana und Johannes. Die acht weiteren Familienmitglieder kommen aus verschiedenen Teilen Deutschlands. Ob zwei, drei oder 14 Jahre alt, eines ist ihnen gemeinsam: Sie brauchen ein neues Zuhause. Eine Heimat, in der sie sich geborgen fühlen. Menschen, die ihnen helfen, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

"Wir investieren hier ins Leben", sagt Werner Kinkel, der das Kinderdorf vor mehr als zehn Jahren kennen und schätzen lernte. Kinkel, Vorstand des Vereins Brot und Bücher, der das Projekt mit 250 000 Euro unterstützte, erinnert sich noch gut an eine Weihnachtsfeier im Kinderdorf. "Da kamen ganz viele ehemalige Bewohner mit ihren Familien", sagt er. "Da war mir klar, dass dies hier etwas ganz Besonderes ist."
Am 1. Juli 1974 wurde das Erich Kästner Kinderdorf gegründet. In den vergangenen 37 Jahren ist es stetig gewachsen. Sechs Häuser gibt es mittlerweile, in denen die bedürftigen Kinder ins ganz normale Familienleben integriert sind. Heilpädagogische Tagesstätten, eine interne Beschulungsmöglichkeit, Pädagogen und Therapeuten runden das Angebot ab.

Leben in einer Großfamilie


Mit dem KästnerHof ist das siebte Haus seit kurzem offiziell eingeweiht. Es bietet auf 600 Quadratmetern Fläche Platz für elf Kinder und ein Elternpaar. Zwei Erzieher helfen bei der Bewältigung des Alltags. Im Zentrum des Konzepts steht das Leben in einer Großfamilie. Jana Slovackova hat sich vor 14 Jahren ganz bewusst dafür entschieden.
Eigentlich wollte die Frau mit den blonden Haaren einen Beruf ausüben, in dem sie etwas mit Pferden zu tun hat. Stattdessen hat sie elf Kinder, einen Hund und ein Dutzend Gänse zu betreuen. Als Haushaltshilfe hat Slovackova im Kinderdorf angefangen. "Nach drei Monaten habe ich gewusst: Das ist es", erinnert sie sich.
Sie hat eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin angehängt und sich mit Haut und Haar der Aufgabe verschrieben. "Manchmal ist es schon super anstrengend", gesteht sie. "Aber die Mühe lohnt sich."
Von einer Erfolgsquote von 80 Prozent spricht Werner Kinkel. Das heißt: Die allermeisten Kinder, die mit ihren seelischen Behinderungen ins Kinderdorf kommen, landen im Erwachsenenalter nicht in Randgruppen oder verzweifeln an ihrem Schicksal. Sie können sich trotz ihrer Erlebnisse ins "normale" Leben integrieren. "Das funktioniert nur, weil wir den traumatischen Erfahrungen langjährige positive Erfahrungen entgegen setzen", sagt Kinkel. Im Schutz der Familie kann doch noch so etwas wie Vertrauen und Liebe und ein Gefühl der Geborgenheit wachsen. Erfahrungen, die von den einst traumatisierten Kindern als Erwachsene weiter gegeben werden. "Wir investieren hier in Generationen", sagt Kinkel deshalb. Und: "Je eher die Kinder zu uns kommen, desto größer sind die Chancen, dass sie den Umgang mit ihren Erlebnissen lernen."
Jana Slovackova erzählt die Geschichte von dem Jungen, der die ersten vier Jahre seines Lebens praktisch nicht versorgt worden ist. Die Mutter war krank, vernachlässigte ihr Kind. Dessen Überlebensstrategie: Je gefährlicher eine Sache ist, desto eher kümmert sich jemand um mich. "Wir mussten ihn am Anfang fast stündlich vor sich selbst schützen."
Ein anderes Kind suchte ständig nach Essen, weil es daheim nicht versorgt wurde. "Auch nach Jahren, in denen es in der Großfamilie regelmäßige Mahlzeiten erlebte, hatte es Angst, dass kein Essen im Haus ist. "Wir können hier nicht alle Wunden heilen", sagt Kinkel. "Aber wir versuchen die Kinder so kräftig zu machen, dass sie mit ihren Verletzungen umgehen können."
In der ehemaligen Wiesenmühle sind die besten Voraussetzungen dafür geschaffen worden. Vor 14 Jahren ist das Anwesen gekauft worden. Johannes Kestler kann sich noch gut an die Zeit erinnern. "Es hat ganz schön wild ausgesehen", sagt der gelernte Werkzeugmacher. Die Gebäude waren mehr oder weniger verfallen, die Fläche ist mit der Zeit als Müllplatz missbraucht worden. "Wir mussten ein halbes Jahr lang erst einmal aufräumen", erzählt er.

Vom Schweinestall zum Salon


Das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen: Aus dem ehemaligen Schweinestall ist ein Salon geworden, in dem größere Festlichkeiten wie Konfirmationen stattfinden können. Wo einst die Scheune stand, steht jetzt das Wohnhaus, in dem die Großfamilie lebt. Ein Bach fließt vor der Haustür entlang, hinter dem Haus grasen Gänse, die alte Mühle sieht wie der ideale Platz zum Versteck spielen und Entdecken aus. Ein herrlicher Platz für Kinder, wenn auch etwas abseits von den nächsten Ortschaften. "Die Kinder brauchen diese Ruhe und die Möglichkeit, zu sich selbst zu finden", sagt Kinkel. "In einer Stadt würde unser Prinzip gar nicht funktionieren."
Vom Stadtleben wollen Jana Slovackova und Johannes Kestler auch gar nichts wissen. Sie haben sich an den Rhythmus und das Arbeitsleben im Kinderdorf gewöhnt. Elf Brote schmiert die Mutter am Morgen, dreizehn Menschen nehmen am Mittagstisch Platz. Nach den Hausaufgaben gehen die meisten Jungs zum Fußballspielen auf den Bolzplatz, die älteren kommen erst später von ihrer Lehrstelle zurück. Gegen 22 Uhr wird es ruhiger im Haus. Jana Slovackova und Johannes Kestler haben wieder elf Kindern einen Tag geschenkt, in denen sie Sicherheit, Liebe und Geborgenheit erfuhren. Und um 6 Uhr klingelt der Wecker erneut.



Der Hintergrund

Geschichte Das Erich Kästner Dorf wurde am 1. Juli 1974 mit Kästners persönlicher Zustimmung gegründet. 17 Jahre später erhielt das Dorf die Anerkennung als heilpädagogisches Heim, die Steinmühle wurde eingeweiht. Drei Jahre später wurde die öffentlich zugängliche Erich Kästner Bibliothek eingeweiht. Mittlerweile gibt es sieben Kinderdorf-Familien, verteilt über die Landkreise Kitzingen und Schweinfurt.

Konzept Das Erich Kästner Kinderdorf versteht sich als Heimat für 46 Kinder und Jugendliche, die langfristig einen Platz zum Leben benötigen. Immer lebt ein Elternpaar mit allen - auch den eigenen - Kindern unter einem Dach. Die Kinder und Jugendlichen zwischen 2 und 20 Jahren kommen aus gestörten familiären Beziehungen, haben seelische Behinderungen, sind missbraucht oder misshandelt worden. Es sind Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen, massiven Entwicklungsstörungen, mit Lernbehinderungen oder psychiatrischen Krankheitsbildern.

Spenden Die Bethe-Stiftung verdoppelt aktuell jede Spende, bis 2000 Euro, für das Projekt Wiesenmühle. Franken helfen Franken, eine Einrichtung der Mediengruppe Oberfranken, zu der auch Die Kitzinger gehört, hat 2000 Euro gespendet. Die Aktion Sternstunden spendete 450000 Euro, Brot und Bücher 250000 Euro. Diverse Stiftungen, Freunde und Unternehmen übernahmen den Rest.