Im Schlossgarten bei strahlender Herbstsonne versuchen junge Leute die "Slack-line", ein zwischen zwei Bäumen gespanntes elastisches Band, zu überqueren. Wer sich nicht halten kann, muss abspringen. Gleich nebenan, auf der Kinderkrebsstation 2C der Kinder- und Jugendklinik am Uniklinikum, haben die Familien einen ganz anderen, schwierigen Balanceakt zu bestehen: Ihre Kinder sind krebskrank. Auch hier geht es um Kräfteverhältnisse. Die 21 Saiten der vom Bamberger Prof. Wolfgang Spindler (73) entwickelten Zauberharfe muten dem Instrumentenholz eine Zugkraft von 100 Kilogramm zu. Wenn man eine Zauberharfe baut, muss man darauf achten, dass die Saiten beim ersten Aufziehen nicht zu stark angespannt sind. Sie könnten sonst reißen. So wie die Familien. Auch sie sind bis zum Zerreißen angespannt.

In Zusammenarbeit mit der Elterninitiative krebskranker Kinder (www.kinder-erlangen.de) bietet Spindler an verschiedenen Kinderkliniken in ganz Bayern Harfenbaukurse an. An der Erlanger Kinderklinik hat er dies nicht wie sonst im Rahmen der Nachsorge im sogenannten Elternhaus der Elterninitiative getan, wenn die kleinen Patienten ihre schwere Therapie gerade hinter sich haben. Er ist zum ersten Mal ins Krankenhaus gekommen, um mit den Kindern in der Akutphase während ihrer Chemotherapie oder Bestrahlung eine Harfe herzustellen. "Musik bekämpft die starken Nebenwirkungen der Therapie, beispielsweise dämpft sie die Schmerzen", begründet Spindler den Schritt, schon früher im Krankheitsverlauf als bisher mit dem Harfenbau anzusetzen.
Stefanie Meyer, Geschäftsführerin der Elterninitiative, begrüßt die Neuerung, da die Kinder auf diese Weise bereits während der überwiegend negativ belasteten Behandlung ein positives Erlebnis vermittelt bekämen. Auf der Zauberharfe kann man ohne langes Üben Lieder spielen. Dies und die Tatsache, dass die Instrumente desinfiziert werden und zusammen mit abwaschbaren Noten gefahrlos auf der Station für Knochenmarkstransplantation eingesetzt werden können, sieht Meyer als große Vorteile.

Eine fröhliche Runde sitzt um den Gemeinschaftstisch am Stützpunkt der Station 2C. Es wird viel gelacht und emsig gearbeitet. Spindler, der 25 Jahre lang an der Universität Bamberg Methoden der Sozialarbeit mit dem Schwerpunkt Musikpädagogik unterrichtete, hat vorgefertigte Bausätze und Werkzeug mitgebracht. Er erläutert jeden Arbeitsgang, teilt die Saiten aus, gibt Tipps und legt Hand an überall, wo er gebraucht wird. Seine Schwiegertochter Anke unterstützt ihn dabei.

"Wer braucht die Zange?", ruft eines der Kinder. Die lebhafte Werkstattatmosphäre könnte sich an jedem beliebigen Ort genauso abspielen. Und doch ist hier alles anders. Den vier kranken Kindern fehlen die Haare. An einem Infusionsständer hängen ein Plüschpinguin und eine Perlenkette. Immer wieder sind Signaltöne des medizinischen Betriebs zu hören und Oberarzt Dr. Thorsten Langer kommt zur Stippvisite.

Die Mütter betroffener Kleinkinder oder schwerkranker größerer Kinder, so berichtet Stefanie Meyer, verbringen oft bis zu sechs Wochen ununterbrochen am Bett der Kinder. Sie übernachten im Krankenhauszimmer, wo sich möglicherweise auch noch andere Kinder aufhalten. Dann dürfen sie zwei Tage lang nach Hause, um anschließend wieder in die Klinik zu gehen. "Oft kommen sie den ganzen Tag über nicht aus dem Krankenzimmer heraus", sagt die Sozialpädagogin. Eltern und Kinder lebten auf sehr engem Raum. Mitzubekommen, dass die Kinder anderer Familien einen Rückschlag erlitten hätten oder dass ein Kind stirbt, sei schwer zu ertragen. Dazu kämen existenzielle Ängste, wenn Arbeitgeber sich auf Grund längerer Fehlzeiten intolerant zeigten, sowie das quälende Gefühl, weiteren, zu Hause lebenden Kindern nicht mehr gerecht zu werden.
Selbst nach erfolgreichem Abschluss einer langwierigen Behandlung müssen die Kinder noch ein halbes Jahr lang in die Tagesklinik kommen, um ihre Werte untersuchen zu lassen, und danach noch einmal fünf Jahre lang in die Ambulanz.
"Die Heilungschancen liegen in Erlangen bei fast 80 Prozent", sagt Spindler. Mit Hilfe zweier Stiftungen, die "Summen im sechsstelligen Bereich" ausschütten, kann er 40 Kindern pro Jahr die Harfen im Wert von je rund 250 Euro kostenlos zur Verfügung stellen. Auch der Spendenverein "Franken helfen Franken" hat Spindlers Projekt mit 3000 Euro unterstützt.

Würzburg, Leutkirch, München, Nürnberg - überall, wo die Elterninitiative sich engagiert, bietet Spindler in den Kinderkrebsstationen ehrenamtlich seine Kurse an. Auf dem Gelände von Schloss Wernsdorf, wo er mit seiner Capella Antiqua Bambergensis Konzerte gibt und 200 Nachbauten historischer Instrumente aufbewahrt, plant er zusammen mit seinem Sohn, dem Instrumentenbauer Andreas Spindler, eine neue, größere Werkstatt. Dort sollen die Kinder, die Spindler in seinen Kursen kennenlernt, auch andere und größere Instrumente ihrer Wahl selber bauen können. Spindler rechnet mit Kosten von 250 000 Euro. Woher das Geld kommen soll, ist noch unklar.
Phillip (10), Kevin (12), Lucas (11) und Denise (8) sind trotz ihrer schweren Diagnosen fit genug, um diesmal am Harfenkurs teilzunehmen. Von ihren Eltern und Geschwistern werden sie dabei tatkräftig unterstützt. Für ihre Schwester, die krank im Bett bleiben musste, ist Nele eingesprungen. Beim Bau der Harfe geht ihr Sebastian Schöner zur Hand, der sich als Mitglied des Erlanger Leo-Clubs häufig bei den Aktivitäten auf der Kinderkrebsstation einbringt.

Die Saiten der Zauberharfe sind aus Stahl. Die A-Saite ist die stärkste, "fast so stark, dass man ein Auto damit abschleppen könnte", erzählt Spindler den Kindern. Stark müssen auch die betroffenen Familien und Kinder sein. Die Sache mit der Zauberharfe hat ihnen Spaß gemacht. Phillip sagt: "Das war der schönste Nachmittag in den acht Monaten, seit wir hier sind."