Draußen herrschen Minusgrade, doch im gelb-roten Zelt des Zirkus Giovanni wird auch im Winter schweißtreibende Artistik geboten. Das heilpädagogische Projekt des Don-Bos co-Jugendwerks ermöglicht es Kindern und Jugendlichen, egal wie talentiert, gemeinsam einen Riesenzirkus zu veranstalten.

Der Verein Franken helfen Franken unterstützt die integrative Arbeit der Zirkuspädagogen in diesem Jahr mit einer Spende. Dieses Mal gehört die Manege den Fünftklässlern von der Volksschule Oberhaid. Sprungseil-Tricks, eine menschliche Pyramide und Balanceakte auf Bällen und dem Drahtseil finden bei rund 60 Zuschauern, zumeist Eltern und Geschwister der Artisten, großen Anklang. Ein Superstar-würdiges Blitzlichtgewitter und viel Applaus sind der Lohn.

Hamza Yilmaz (17) hat das auch schon viele Male erlebt. Vor zwei Jahren kam er in die Nachmittagsbetreuung des Zirkus Giovanni. "Am Anfang habe ich alles ausprobiert, was mich interessiert hat, vor allem Jong lieren. Aber weil ich von Natur aus ein lustiger Typ und immer gut drauf bin, fragte man mich, ob ich nicht den Clown spielen will", sagt Hamza.

Seitdem hat der redefreudige Junge in Tigertatzen-Pantoffeln und grünem Hütchen so viele Galas und Geburtstagsauftritte mitgestaltet, dass er sie selbst nicht mehr alle aufzählen kann. Die Jonglage zählt zu seinen Paradedisziplinen. Ob mit Bällen oder Kegeln, und auch wenn das schnell fürs Foto übergestreifte Clownskostüm gerade heiß aus dem Trockner kommt, Hamza hat seine Nummer im Griff. Dazu gibt es Witze und lockere Sprüche, aber nicht vom Kärtchen, sondern spontan aus dem Bauch heraus. "Nur wenn ich Moderation mache, zum Beispiel als Dieter Bohlen oder Elvis, habe ich einen festen Text." Vergessen hat er den auch schon mal, aber "dann improvisiere ich halt was. Das klappt auch."

Am Einrad fehlt ein Rad

Ab und zu steuert er ein nur 40 Zentimeter hohes Mini-Fahrrad durch die Manege. Unter zwei Rädern geht aber bei ihm nichts: "Beim Einrad hieß es immer ‚Stell dir vor, du sitzt auf einem normalen Fahrrad.' Aber da fehlt doch noch ein Rad und ein Lenker! Mir war das zu schwer." Am liebsten bezieht Hamza sein Publikum mit ein, wie bei der Stuhlnummer: Vier Freiwillige werden auf nach hinten gekippten Stühlen so in Position gebracht, dass sie sich nach Wegziehen der Stühle gegenseitig stützen und "schweben". Und wie sieht es bei ihm mit Lampenfieber aus? "So richtig aufgeregt bin ich nie. Ich muss nur immer nochmal aufs Klo, kurz bevor es losgeht. Aber darauf kann man sich ja einstellen."

Fernziel Klinikclown

In Hamzas Leben ging es nicht immer lustig zu - im Gegenteil. Große Teile seiner Kindheit verbrachte er aufgrund einer schweren Krankheit in einer Klinik. "Da gab es auch einen Klinikclown. Ich habe mich immer gefreut, wenn er kam. Ich dachte mir: Das will ich auch mal machen". Leider muss auch ein Profi-Clown zuerst die Schulbank drücken. Und in der Schule hatte Hamza zunächst große Probleme: Der Hauptschulabschluss blieb ihm im ersten Anlauf verwehrt. Nach dem Einzug in die Don-Bosco-Wohngruppe "Sharks" und dem Start als Zirkusclown klappte es mit dem Abschluss an der Erlöserschule in Bamberg. Vor Kurzem begann er eine einjährige Ausbildung zum Pflegehelfer. Seine weiteren Ziele hat er bereits vor Augen: Führerschein, Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger und natürlich Klinikclown.

Volker Traumann (43), der pädagogische Leiter des Zirkus Giovanni, ist mit Hamzas Entwicklung zufrieden: "Er ist aus sich herausgewachsen. Mittlerweile hat er sogar als Cotrainer für Jonglage eine Erwachsenenrolle übernommen." Sorgen bereitet ihm hingegen die Zukunft des Zirkus. Trotz zahlreicher Buchungen - im laufenden Schuljahr sind alle Klassenprojekte vergeben - laufen wichtige Förderpartnerschaften 2011 aus. Dabei seien dem Konzept im Rahmen einer Evaluation in Zusammenarbeit mit der Universität Köln positive Effekte im psychomotorischen Bereich bescheinigt worden. "Uns geht es weniger darum, dass sie in den Zirkuskünsten brillieren. Wir wollen Beziehungen festigen, Außenseiter integrieren, Erfolgserlebnisse vermitteln - und so das Selbstbewusstsein stärken." Hamza mangelt es daran sicher nicht (mehr). Mit der Schule sei er schon mal beim Fränkischen Tag in der Redaktion zu Besuch gewesen, erzählt er. Und bescheinigt Fotograf und Reporter: "Ihr Armen, ist ja echt saulangweilig bei euch!" Lieber Hamza, wir wagen zu widersprechen - solange wir in unserem Beruf Leute wie dich treffen dürfen, ist es genau das Gegenteil.