Bad Kissingen
Stromtrasse

Südlink: Keiner will die Trasse

Natürlich möchte niemand seinen Nachbarn die Stromtrasse zuschustern. Aber irgendwo muss sie ja hin, sollte der Netzausbau tatsächlich umgesetzt werden. Eine Reise durch die Landkreise, die vom Trassenkorridor betroffen sind.
Artikel drucken Artikel einbetten
Der Landkreis Bad Kissingen wehrt sich gegen die Stromtrasse Südlink - genauso wie die benachbarten Landkreise. Symbolbild: dpa
Der Landkreis Bad Kissingen wehrt sich gegen die Stromtrasse Südlink - genauso wie die benachbarten Landkreise. Symbolbild: dpa
Das Stimmungsbarometer zeigt rot. Egal wo die geplante Stromtrasse Südlink auf den Tisch kommt, überall sind die Verantwortlichen regelrecht empört über das riesige Netzausbauprojekt direkt vor ihrer Haustür. Und die Bürger ja sowieso. Die Reaktionen sind ähnlich: Bei uns nicht, weil... Auch wenn es niemand offen sagt, im Umkehrschluss heißt das immer auch: Woanders passt die Trasse besser hin.

Verschiebung in Richtung Osten

Die Reise durch die Landkreise, die direkt von der geplanten Stromtrasse Südlink betroffen sind, beginnt in Fulda. "Wir dürfen die Menschen nicht an der Energiewende irre machen", sagte Landrat Bernd Woide (CDU) im Juni und stellte sich damit hinter den Netzausbau. Das tut er immer noch. "Ich gehe davon aus, dass die energiewirtschaftliche Notwendigkeit nach wie vor gegeben ist", sagt Woide und meint: Die Trasse kommt. Aber bitte nicht durch den Landkreis Fulda.

"Meiner Auffassung nach hat sich Tennet sehr früh auf die Trasse Mitte-West festgelegt", erklärt Woide. Er bringt die Trasse Ost - eine der früheren Planungsvarianten des Netzbetreibers durch Sachsen-Anhalt und Thürigen, die längst verworfen wurde - wieder ins Spiel. In einer Resolution forderte der Kreistag sowohl den Bund als auch das Land Hessen auf, sich für die Durchsetzung der Trasse Ost einzusetzen. Denn: "In den neuen Bundesländern haben wir eine ganz andere Bevölkerungsdichte als hier bei uns in Hessen", sagt Woide.

Trasse Ost berührt Rhön-Grabfeld

Würde Tennet nun die alten Pläne für die Trasse Ost aus der Schublade kramen - die nebenbei bemerkt den Nationalpark Hainich (in Teilen Welterbe der Unesco) berührt und den Thüringer Wald überquert -, so müssten demnächst wohl auch Info-Märkte in Mellrichstadt und Bad Neustadt abgehalten werden. Das Landratsamtdes Landkreises Rhön-Grabfeld möchte sich auf solche Spekulationen gar nicht erst einlassen. Bereits im Juli beschloss der Kreistag, der Protest-Initiative "Rhönlink" beizutreten - aus Solidarität mit den betroffenen Regionen und aus Sorge um das Biosphärenreservat Rhön.

Die Rhön, das Land der offenen Fernen. Sie ist das Faustpfand des Landkreises Bad Kissingen. Das Biosphärenreservat sei mit das wichtigste Argument gegen die Pläne von Tennet, sagte Landrat Thomas Bold (CSU) Anfang der Woche, als das Bayerische Umweltministerium die Erweiterung um gut 57.000 Hektar abschloss. "Unsere Region ist schützenswert", betont Bold und meint damit wohl auch: Die Rhön ist schützenswerter als andere Regionen.

Favorisierter Verlauf an der A7

Das passt Thomas Schiebel (Freie Wähler), dem Landrat des Landkreises Main-Spessart, nun gar nicht. "Die Trasse darf unsere Naturschutzgebiete, den Naturpark Spessart, oder demografisch instabile ländliche Räume nicht zerstören", stellt Schiebel klar. Als Tennet Ende September Alternativ-Trassen veröffentlichte, rückten im Nachbarlandkreis Sinngrund, Main- und Werntal in den Fokus der Trassenplaner.

Schon im August hatte der Bundestagsabgeordnete Alexander Hoffmann (CSU) mit der Aussage für Aufmerksamkeit gesorgt, der ursprüngliche Trassenkorridor entlang der Autobahn A7 mache Sinn. Der Landrat drückt es freilich diplomatischer aus: "Wir wollen eine bestmögliche, am wenigsten schädliche Trasse." In einem offenen Brief an Ministerpräsident Horst Seehofer, Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (beide CSU) und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) klingt das dann schon anders: "Wir befürchten, dass aufgrund der anhaltenden Proteste entlang der BAB7 von der bestmöglichen Trassenführung Abstand genommen und der Verlauf durch den strukturschwachen nördlichen und östlichen Landkreis Main-Spessart immer mehr in Betracht gezogen wird. Gegen diese eventuell angedachte Trassenführung protestieren wir aufs Heftigste."

Auf den Vorstoß von Alexander Hoffmann angesprochen, hat der Bad Kissinger Landrat übrigens nicht viel zu sagen, nur: "Auf dieses Niveau begebe ich mich nicht." Seine Linie sei vielmehr, die eigenen Argumente mit Nachdruck zu vertreten. Das Faustpfand also. Die Rhön.

Hoffen auf den Energiedialog

Einer, der eigentlich gar keine Wahl hat, ist der Schweinfurter Landrat Florian Töpper (SPD). Denn egal welche Strecke die Planer auch wählen, die Trasse wird immer im Schweinfurter Raum landen, denn Südlink führt direkt zum Kernkraftwerk Grafenrheinfeld und von dort aus weiter nach Wendlingen im Großraum Stuttgart.

"Unser Landkreis ist im Hinblick auf Lebensqualität, Landschaftsbild und landwirtschaftlichen Nutzflächen durch die jahrzehntelange Präsenz des Atomkraftwerks Grafenrheinfeld, der dieses anbindenden Stromtrassen und die Bundesautobahnen A7, A70 und A71 ohnehin stark belastet", sagt Töpper und meint damit: Auch der Landkreis Schweinfurt will die Trasse nicht. Deshalb blickt Töpper nach München zum Energiedialog der Wirtschaftsministerin Aigner, der am Montag gestartet ist. "Von der nun durch die Staatsregierung angekündigte abermalige Bedarfsprüfung erwarte ich mir Transparenz und eine eindeutige und nachvollziehbare Aussage zur Notwendigkeit der Gleichstromtrasse, die ich bis jetzt nicht belegt sehe", sagt Töpper.

Bayerischer Sonderweg

Die hessischen Kollegen wiederum sind wenig begeistert vom bayerischen Sonderweg bei der Energiewende. "Ich habe natürlich das Problem, dass meine Leute mir sagen: Wir reden hier schon über Details und zwei, drei Kilometer weiter heißt es, wir brauchen die Trasse überhaupt nicht", berichtet Bernd Woide, der Landrat in Fulda.

"Ich kann über die Beweggründe von Herrn Seehofer nur spekulieren", sagt Erich Pipa (SPD), Landrat des Main-Kinzig-Kreises. In einem stimmt er dem bayerischen Landesvater aber zu: "Wir sehen nicht die Sinnhaftigkeit dieser Trasse [...]. Mal ganz abgesehen davon, dass bis zum Zeitpunkt der Äußerung von Herrn Seehofer die Trassenplanung völlig intransparent und ohne Einbindung der Kreise, Kommunen und Bürgerinnen und Bürger stattgefunden hat."

Und plötzlich sind sich doch alle einig, nämlich in ihrer Kritik an Tennet, dem Netzbetreiber, der die Stromtassen planen, bauen und betreiben soll. "Mit Tennet brauche ich nicht mehr zu reden, das wäre vergeudete Energie", sagt Jochen Vogel, Vorsitzender der Initiative "Rhönlink". Er wende sich jetzt direkt an die Bundesnetzagentur in Bonn, die Konferenzen für die betroffenen Regionen angekündigt hat, sobald Tennet den Antrag auf Bundesfachplanung gestellt hat.

Das kann aber noch dauern. Vermutlich wartet der Netzbetreiber noch den Ausgang des Energiedialogs in München ab. Denn auch dort kämpft einer für sich und um die Wählergunst: Horst Seehofer.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren