Oerlenbach
Mauerfall

Patrouille an der unterfränkischen Zonengrenze

Am 9. November vor 25 Jahren hat die DDR ihre Grenzen geöffnet. Zwei Bundesgrenzschützer aus Oerlenbach schildern die Ereignisse.
Zwei Grenzaufklärer der DDR beobachten die innerdeutsche Grenze am unterfränkischen Grenzabschnitt. Foto: Bundespolizei
Zwei Grenzaufklärer der DDR beobachten die innerdeutsche Grenze am unterfränkischen Grenzabschnitt. Foto: Bundespolizei
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Täglich fuhr Polizeimeister Erwin Ritter mit 23 Kollegen an den Eisernen Vorhang. Vor ihnen lag eine tödliche Zone, bestehend aus Stacheldraht, Selbstschussanlagen, Tretminen. Die DDR versuchte noch bis zu ihrem Kollapsihre Bürger mit Gewalt an der Flucht in den Westen zu hindern.

Die Männer vom Bundesgrenzschutz (BGS) waren bewaffnet mit Dienstpistolen und Maschinengewehren. Ihre Aufgabe: Den 124,3 Kilometer langen Grenzabschnitt, der Unterfranken von der DDR trennte, zu überwachen, eventuellen Flüchtlingen beizustehen, Übergriffe abzuwehren. "Innerhalb von 24 Stunden wurde der ganze Abschnitt einmal abgedeckt", sagt Ritter. Mit dem Auto, zu Fuß, mit Hubschraubern und im Winter in der Hohen Rhön notfalls auch auf Skiern.

Nur von einer Linie getrennt

Beklommen fühlte sich Ritter angesichts der allgemeinen Gefahrenlage nicht. "Für mich war das total normal. Das war Alltag", sagt er. "Für Besucher waren die Grenzanlagen schockierend", meint sein Kollege Klemens Wolf. Wolf koordinierte 1989 die Aufklärungseinsätze vom BGS-Stützpunkt in Oerlenbach, patrouillierte aber vorher jahrelang selbst an der Grenze. "Die Grenze war alltäglich."

Die Männer beobachteten die Grenze und erstellten Lageberichte. Nur selten hatten sie Kontakt zu den Grenzposten auf der anderen Seite. Manchmal aber doch, etwa wenn die BGS-Beamten ihren DDR-Kollegen Wetterballons zurückgaben, die auf BRD-Gebiet abgestürzt waren. Es war eine surreale Situation. "Nur die weiße Linie am Grenzübergang hat uns getrennt", sagt Ritter. Trotzdem gab es keine zwischenmenschlichen Kontakte, kein Händeschütteln, kein Hallo. Der Übergabe lief immer förmlich ab. Man wusste zwar, dass man die gleiche Sprache spricht und konnte sich dennoch nicht miteinander verständigen. "Es war seltsam. Aber man wusste auch, dass es nicht anders ablaufen wird", schildert Wolf. Dann kam der 9. November und alles war anders. "Da hat es sich um 180 Grad gedreht", meint Ritter. Die DDR-Grenztruppen hätten sich danach ganz normal verhalten.

Höhepunkt der Euphorie

Zwar war schon vorher ein Umbruch spürbar, immerhin waren bereits Wochen vorher die ersten DDR-Flüchtlinge am BGS-Stützpunkt in Oerlenbach eingetroffen. Aber dass die DDR ihre Grenzen öffnet und dass der Eiserne Vorhang fällt, damit habe auch der BGS nicht gerechnet. "Es hätte damals keiner gedacht, dass auf absehbare Zeit die Grenze verschwindet", sagt Wolf. Trotzdem wisse er nicht mehr, was er gemacht hat, als ihn die Nachricht erreichte. So einschneidend der 9. November war, für den BGS-Beamten war der Mauerfall der Höhepunkt einer wochenlangen, euphorischen Entwicklung. Er betreute die in Oerlenbach eingetroffenen DDR-Bürger. Wolf: "Die Freude haben wir genossen. Da waren so viele erschöpfte, aber auch glückliche Gesichter. "

Trotzdem war es so und DDR-Bürger reisten in der Folge scharenweise über den Grenzübergang Eußenhausen bei Mellrichstadt nach Unterfranken. "Ich bin eine Woche später nach Eußenhausen rausgefahren. Du bist die Bundesstraße gar nicht bis zur Grenze hochgekommen", erzählt Wolf. Die Straße war in beide Richtungen auf Kilometer dicht. Also fuhr er über Nebenstraßen bis zur Grenze. "Dann standen da die Leute und die Euphorie hat einen gepackt."

Mehr als 145.000 DDR-Bürger gelangten zwischen Juli und Ende November in den Westen. Die Wende veränderte das Leben von Millionen von Deutschen. Und sie veränderte den BGS. "Ohne die Grenzöffnung hätte es kein Aus- und Fortbildungszentrum der Bundespolizei in Oerlenbach gegeben", sagt Thomas Lehmann, Leiter der Polizeischule. Wenn es eine Zwei-Staaten-Lösung gegeben mit erhöhter Reisefreiheit gegeben hätte, wäre Oerlenbach wahrscheinlich ein Einsatzstandort geblieben, dessen Beamte an der Grenze kontrollieren. Wenn.
So wurde Oerlenbach 1998 in ein Ausbildungszentrum umgewandelt. "Das war ein Glück für den hiesigen Standort", sagt Lehmann. Es wäre aus taktischen Gründen unmöglich gewesen Oerlenbach als Einsatzstandort zu erhalten. "Wir sind hier ungünstiger gelegen, als andere Standorte. Die Schwerpunkte der Bundespolizeiarbeit liegen in Ballungszentren

Hier geht es zu einer Multimedia-Reportage über das Ende der DDR.

Die stationären Grenzkontrollen, für die der BGS früher überwiegend zuständig war, fallen im geeinten Europa mit freiem Grenzverkehr weg. Laut Lehmann hat sich die Bundes- "zu einer Fahndungspolizei" entwickelt. "Die Überwachung der Grenzen heute ist aufwendiger", sagt der Polizeidirektor. Die Bundespolizei hat sich auf neue Gefahrenlagen eingestellt und seit 1989 neue Aufgaben, etwa für Luftsicherheit übernommen. Aktuell ist sie vor allem bei der Kontrolle illegal eingereister Migranten gefragt. Außerdem stellen gewaltbereite Hooligans eine große Herausforderung dar.