Bad Brückenau
Kriminalstatistik

Mehr kriminelle Jugendliche in Bad Brückenau

20 Prozent der Tatverdächtigen im Altlandkreis Bad Brückenau sind jünger als 18 Jahre. Der bayerische Durchschnitt liegt bei 12 Prozent. Doch wer hinter die Zahlen schaut, merkt schnell: Nichts passiert ohne Grund.
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Sachbeschädigung, Beleidigung, Hausfriedensbruch: Immer mehr Jugendliche im Altlandkreis Bad Brückenau geraten auf die schiefe Bahn. Foto: Ulrike Müller
Sachbeschädigung, Beleidigung, Hausfriedensbruch: Immer mehr Jugendliche im Altlandkreis Bad Brückenau geraten auf die schiefe Bahn. Foto: Ulrike Müller
Es war beim Stadtfest 2013. Da torkelten Markus Thun und Dominik Henkel (Namen von der Redaktion geändert und dort bekannt) von Bad Brückenau nach Oberleichtersbach. Sie schliefen auf der Mauer der Metzgerei und auf dem Rückweg trug Dominik Markus auf seinem Rücken nach Hause. Seitdem sind die beiden Buddys. Echte Freunde. Auf Facebook sind sie als Brüder verlinkt.

Markus trägt einen grauen Kapuzenpulli. Aus seinem Smartphone rappt "Kool Savas" und sein blondes, feines Haar versteckt der Junge unter einer schwarzen Kappe. "Meine erste Anzeige habe ich bekommen, weil ich in Bad Kissingen auf den Boden gespuckt habe", erzählt Markus. Er tippt sich nicht mit dem Finger an die Stirn, dazu ist er zu schüchtern. Aber seine Stimme klingt so, als würde er genau das gerne tun. Bei dieser ersten Anzeige ist es freilich nicht geblieben. Mittlerweile liegen bei der Staatsanwaltschaft Schweinfurt 21 Anzeigen gegen den 16-Jährigen vor - Bußgelder und polizeiliche Kontrollen gar nicht mitgerechnet.

Kategorie Blödsinn

"Markus ist a weng ein Spezialfall", sagt Polizeihauptmeister Swen Faulstich, und sein Gesicht ist weich dabei. "Das fällt im Grunde alles in die Kategorie Blödsinn." Faulstich ist als Ju gendbeamter für jugendliche Straftäter im Altlandkreis Bad Brückenau zuständig. Er kennt Markus schon lange. Was die Zahl der Straftaten angeht, hätte er schon längst ins bayernweite Programm "Jugendliche Intensivtäter" aufgenommen werden sollen. Aber Swen Faulstich sieht das anders: "Markus ist auf einem guten Weg."

Das liegt auch an Dominik. "Ich bin sein Manager", sagt der 17-Jährige, der mit vier Anzeigen noch verhältnismäßig gut dasteht. Will sagen, er hilft ihm auf den richten Weg zurück. Beide gehen zur Berufsschule - Dominik in Bad Neustadt und Markus in Bad Kissingen. Eigentlich. Sie sitzen nicht oft auf ihrem Platz. "Im Religionsunterricht müssen wir Vogelhäuser aus Holz basteln", erzählt Dominik. Er tippt sich nicht mit dem Finger an die Stirn, dazu ist er zu höflich. Aber seine Stimme klingt so, als würde er genau das gerne tun.

"Wenn die Menschen 'ne scheiß Vergangenheit haben, sind die kaputt im Kopf", sagt Dominik. "Und dann kommen die nicht mehr mit 'ner heilen Welt klar." Und später, als Markus das erste Bier gekippt hat, fängt er an zu erzählen. Vom Vater. Ignoriert. "Er ruft mich niemals an. Noch nicht einmal, als ich im Jugendknast war." Als Siebenjähriger sitzt er vor der verschlossenen Schlafzimmertür seiner Mutter, die drinnen. Mit Gewalt. Bearbeitet. Wird. Dem Jungen muss es wie eine Vergewaltigung vorkommen. Dann eine neue Liebe. Ein zweiter Vater? "Wie mein erster Dad, mein Ein und Alles", sagt der Jugendliche leise. Als er zehn Jahre alt ist, stirbt der neue Vater vor seinen Augen. Herzinfarkt.

Jugendkriminalität steigt rasant

Damals fängt Markus an, eigene Texte zu schreiben. Trauertexte, die er verbrennt. Drei Monate ist er in der Psychiatrie. Dann kommt er ins Kinderdorf Riedenberg. Dort bleibt er drei Jahre. Eine Richterin schickt ihn zum Anti-Aggressions-Training nach Würzburg. Auch Dominik hat seine Geschichte. Er schaut einen Selbstmordversuch seiner Mutter mit an, erlebt die Alkoholabhängigkeit des Vaters. "Ich war mein ganzes Leben auf mich allein gestellt", wiederholt er mehrmals. Als Zweitklässler verpasst er der Direktorin eine Schelle. Er prügelt und zündelt in den Kirchen der Stadt. "Da hatte ich einfach so viel Wut im Bauch", sagt Dominik. Markus bereut nichts. "Ich hatte ja einen Grund." Er ist nicht der einzige.

Die Zahlen sind alarmierend: Jeder fünfte Tatverdächtige im Altlandkreis Bad Brückenau ist jünger als 18 Jahre (siehe Übersicht unten). "Das macht mir Sorgen", sagt Herbert Markert, Leiter der Polizeiinspektion Bad Brückenau. Als Markert 2010 seinen Dienst in der Kurstadt antrat, lag der Anteil jugendlicher Straftäter mit 11,8 Prozent weit unter dem unterfränkischen Durchschnitt. Inzwischen hat sich die Zahl fast verdoppelt.

Vereine ins Boot holen

Deshalb will Markert das Thema heuer zum Schwerpunkt machen. Aber die Polizei könne das nicht alleine lösen. Es brauche gemeinsame Anstrengungen aller mit Jugendarbeit befassten Teile der Gesellschaft. "Ich will auf die Gemeinden der Rhönallianz zugehen und Verantwortliche von Vereinen und Verbänden mit ins Boot holen", kündigt Markert an. "Die Kinder und Jugendlichen dürfen der Gesellschaft nicht verloren gehen", wirbt er um Zusammenarbeit.

Vor Kurzem hat Markus wieder angefangen mit Schreiben. "Du hast 'ne große Fresse wie ein Scheunentor. Und wenn's drauf ankommt, schickst du deine Leute vor", steht da. "Ich bin so ein Straßenkämpfer. Der, wo nie weiß, wo er bleiben soll", beschreibt Markus sich selbst. In den vergangen Wochen stand die Polizei nicht mehr so oft vor seiner Haustür. "Man hat schon gespürt, dass da jemand an einen glaubt", sagt Markus und meint damit seine Freundin. Dominik. Und Swen Faulstich.

Der Straßenkämpfer hat die Kurve noch einmal gekriegt. Im Herbst wird er zur Bundeswehr gehen. Aber es gibt noch andere Jugendliche im Altlandkreis, deren Taten nicht nur in die Kategorie "Blödsinn" fallen. Die vielleicht keinen Anlaufpunkt und keine Freunde haben. Aber ihre Gründe.


Jugendkriminalität im Altlandkreis Bad Brückenau:

Kriminalitätsstatistik Im Jahr 2013 hat sich der Anteil junger Straftäter im Altlandkreis Bad Brückenau erhöht. Waren 2012 19,6 Prozent aller Tatverdächtigen jünger als 18 Jahre, lag ihr Anteil 2013 bei 20,5 Prozent. Betrachtet man die absoluten Zahlen, so ergibt sich eine leichte Entspannung: 2013 wurden 25 Kinder und 60 Jugendliche auffällig. 2012 waren es noch 30 Kinder und 61 Jugendliche. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 124 Straftaten im Bereich der Jugendkriminalität registriert, 44 davon von Kindern (unter 14 Jahre) und 80 von Jugendlichen (14 bis 17 Jahre).

Unterfranken Heute veröffentlichte das Polizeipräsidium Unterfranken seine Kriminalstatistik für 2013. Im Bezirk liegt der Durchschnitt der Jugendkriminalität bei 12,3 Prozent. Bayernweit liegt die Kinder- und Jugendstraffälligkeit bei 12 Prozent.

Prävention Die Dienststelle Bad Brückenau setzt in Sachen Kinder- und Jugendkriminalität auf Prävention. Polizeihauptkommissar Manfred Schneider ist als Verkehrserzieher und Schulverbindungsbeamter im Einsatz. Polizeihauptmeister Swen Faulstich engagiert sich als Jugendbeamter. Außerdem beteiligt sich die Dienststelle am bayernweiten Programm "Jugendliche Intensivtäter". In Zusammenarbeit mit Behörden stehen die Jugendlichen unter besonderer Beobachtung und werden bayernweit geführt. Ein junger Straftäter aus dem Altlandkreis ist bereits in das Programm aufgenommen worden.
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