Bad Kissingen
Winterzauber

Jazz-Legende mit Hang zur Lautstärke

Er hat sich viel Zeit gelassen, aber jetzt war Klaus Doldinger mit seiner Formation Passport auch einmal im Großen Saal.
Klaus 'Doldinger im Großen Saal. Fotos: Ahnert
Klaus 'Doldinger im Großen Saal. Fotos: Ahnert
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Wenn man den Namen Klaus Doldinger hört, dann denkt man automatisch an gezielte Schüsse ins Auge und an davonlaufende Beine. Der 77-Jährige, der sich schon zu Lebzeiten den Titel einer Jazz-Legende erworben hat, ist alles andere als ein martialischer Typ, aber er hat eine der in Deutschland meistgespielten Melodien geschrieben: Wer sie hört, sitzt vor dem Fernseher und wartet auf den nächsten "Tatort".

Doldinger hat sich viel Zeit gelassen, bis er mit seiner fast ebenso legendären Formation "Passport" nach Bad Kissingen gekommen ist - oder war er in früheren Jahren vielleicht doch schon einmal da? Im Gegensatz zu Doldinger, der sich im Lauf der Jahre selbst treu geblieben ist, hat es bei "Passport" immer wieder personelle Veränderungen gegeben, haben bei ihm Musiker gespielt, die sich in der Selbständigkeit auch einen großen Namen gemacht haben. Man darf schon schmunzeln, wenn man bedenkt, dass etwa Udo Lindenberg 1971 seine Karriere bei ihm als Schlagzeuger gestartet hat. Im Großen Saal dabei im Wesentlichen die aktuelle Besetzung mit Michael Hornek (Keyboard), Ernst Ströer und Biboul Darouiche (Percussion), Christian Lettner (Schlagzeug), Martin Scales (Gitarre) und Patrick Scales (E-Bass).

Musikalische Beständigkeit

Es war ein schönes Konzert, weil man den Musiker Klaus Doldinger endlich einmal live vor der eigenen Haustüre erleben konnte. Und es war ein interessantes Konzert, weil man feststellen konnte, dass sich Doldinger in den letzten 50 Jahren in seinem musikalischen Zugriff kaum verändert hat. Oder anders gesagt: warum er den Ruf des Spröden hat. Obwohl er, wenn er's nicht vergisst, gerne auch mit dem Publikum plaudert, bis er selbst merkt, dass die Leute nicht wegen Leseempfehlungen australischer Autoren über den 1. Weltkrieg gekommen sind ("Das hat jetzt mit Musik gar nichts zu tun.").

Nein, Doldinger, der sich als Experimentaljazzer einen Namen gemacht hat, hatte und hat schon tolle Ideen, wenn man an seine solistischen Einstiege denkt, in denen er wunderbar improvisiert, oder an Klangkulissen wie im Film "Das Boot" oder in Stücken aus seiner Produktion "Passport to Morocco" oder aus seiner neuesten CD "Inner Blue". Schön und musikalisch spannend wird es immer dann, wenn Tempo und Lautstärke zurückgehen, wenn sich die Mittel reduzieren, wenn Doldinger mal nur mit einem oder zwei Kollegen zusammenspielt, wenn Christian Lettner einmal ohne Assistenz seiner beiden Kollegen ein Schlagzeugsolo entwickeln darf. Da spürt man den Geist des Experiments, da hört man vor allem die Musik.

Ständiger Konfliktkurs

Aber diese Momente sind an dem Abend nicht allzu häufig. Es war sehr vieles - und auch da ist sich Doldinger treu geblieben - viel zu laut. Vor einer Batteriewand mit drei Mann Besatzung mit einem Sopran- oder Tenorsaxophon Musik zu machen ist nicht nur eine akustische, sondern auch eine physische Herausforderung, die nicht wirklich zu schaffen ist. Man schaukelte sich immer wieder gegenseitig hoch. Sobald das Trommelfeuer von hinten lauter wurde, wurde auch das Saxophon hochgedreht, und Doldinger forcierte zusätzlich. Sein Ton wurde dadurch hart und scharf und verlor jegliches Geheimnis.

Dazu kam, dass im Getöse die Nuancen verloren gingen. Vieles, was sicher raffiniert gewesen wäre, war nicht mehr erkennbar, die einzelnen Stücke glichen sich immer mehr und verführten dazu, das Interesse an ihnen zu verlieren, auf das nächste zu setzen. Wobei auffiel, dass sich alle etwas zurück hielten, wenn die Stücke längere Melodien hatten. Da ging es dann nicht um Konfrontation, sondern um Erzählen. Und da wusste man wieder, warum man sich auf den Abend gefreut hatte.