Bad Neustadt an der Saale
Tragödie

Familie des 18-jährigen Verstorbenen trauert ohne Rachegedanken

Der 18-jährige Johannes Reubelt aus Bad Neustadt kam vor zwei Wochen nach einem Konzertbesuch durch einen tödlichen Schlag ums Leben. Sein Vater bittet die Jugend: "Lasst eure Hände in den Taschen."
Symbolbild: dpa
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Unglücksfälle hat Bernhard Reubelt aus Schönau (Rhön-Grabfeld) in seinem Leben einige verkraften müssen. Aber so hart wie der Tod seines Sohnes Johannes hat ihn bisher noch nichts getroffen. Trotzdem erzählt er gefasst und ruhig von dem Geschehen, das die Öffentlichkeit aufgerührt hat, und von seinen Spuren in der Familie.

Das Wort ergreift zunächst Christina, die älteste Schwester von Johannes. Ihr ist es vor allem ein Anliegen, dass der Begriff "Schlägerei" im Zusammenhang mit Johannes aus den Köpfen verschwindet. Denn es gab keine Schlägerei, es gab nur einen Schlag.

Christina beruft sich bei ihrer Schilderung auf die Aufzeichnungen, die eine junge Frau, die unmittelbare Tatzeugin, gemacht hat. Sie und ihr Freund waren nach dem Donnerstagskonzert auf dem Neustädter Marktplatz zusammen mit Johannes auf dem Heimweg nach Brendlorenzen gewesen. Das junge Paar hatte Johannes eingeladen, bei ihnen zu übernachten, deshalb machten sich die Eltern des jungen Mannes in Schönau keine Sorgen.
Als die drei sich der Franz-Marschall-Straße näherten, trafen sie auf eine Gruppe junger Leute. Sie stieß Beleidigungen gegen die drei aus, die darauf nicht reagierten, sondern weitergingen. Als auf erneute Beleidigungen weiter keine Reaktion erfolgte, holte einer aus der Gruppe zum Schlag aus und traf Johannes am Hals.
Diese Darstellung der Tatzeugin deckt sich mit den Erkenntnissen von Staatsanwaltschaft und Polizei: "Fest steht, dass sich Tatverdächtiger und Opfer nicht gekannt haben. Außerdem kann nach den jetzt vorliegenden Erkenntnissen gesagt werden, dass das Opfer nichts gemacht hat, was den Tatverdächtigen zu irgendeiner Handlung gegen ihn hätte veranlassen können", erklärte Polizei-Pressesprecher Karl-Heinz Schmitt auf Anfrage dieser Zeitung. Der Tatverdächtige, der in Untersuchungshaft sitzt, mache von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Zu seinem Motiv, so die Polizei, gebe es keine Erkenntnisse. Weil bei dem Schlag die Halsschlagader von Johannes Reubelt im Inneren schwer verletzt wurde, kam es zum Herzstillstand, das Gehirn wurde auch nicht mehr versorgt. Alle ärztlichen Bemühungen, von denen Bernhard Reubelt mit großem Respekt spricht, waren vergebens.

Gottes Fügung

Wie unbegreiflich der Tod von Johannes auch scheinen mag, sind Bernhard Reubelt und seine Frau Monika als gläubige Katholiken doch überzeugt, dass es einen Sinn gibt, den sie zwar nicht verstehen, aber als Gottes Fügung annehmen.

Ihren Töchtern fällt eine solche Deutung des Geschehens sehr viel schwerer. Ihnen fehlt ihr Bruder, sie haben viel mit ihm geflachst, vor allem Eva, die nur ein Jahr älter ist und für die Johannes wie ein Zwillingsbruder war: "Es ist, als ob ein Stück von mir rausgerissen wurde." Er hatte gerade erst seinen 18. Geburtstag gefeiert, war gerne Maurer-Lehrling und steckte mitten im Führerschein. Die schriftliche Prüfung hatte er bereits gut bestanden, die nächste Fahrstunde sollte am 22. August sein. Das war sein Todestag.

"Was er alles nicht mehr mit uns erleben kann - es ist so schrecklich, sich das vorzustellen", bricht es aus Christina hervor. "Sein Leben hatte doch gerade erst angefangen, jetzt ist er nicht mehr dabei." Die Sprache der schwarz gekleideten Mutter sind ihre Tränen, in die ein Lichtstrahl dringt, als sie sich erinnert: "Er hat mich immer gedrückt und hochgehoben."

Bei allem Schmerz möchte die Familie Reubelt nicht, dass Rachegedanken irgendwo zu unbesonnenem Verhalten führen. "Bei der Mahnwache der Jugend-Nes auf der Falaiser Brücke und dem Gedenken an der todbringenden Stelle beim Gymnasium habe ich die jungen Leute gebeten ,Lasst eure Hände in den Taschen‘", schildert Bernhard Reubelt sein Eintreten für einen friedlichen Umgang mit der eigenen Wut. Darin sind sich alle Reubelts einig.

Und gemeinsam sind sie dankbar für das Verständnis, das ihnen entgegengebracht wird, und für das Engagement der Verwandten und Freunde. Hilfe und Unterstützung hat unter anderem der Weiße Ring angeboten, der sich um Opfer von Straftaten kümmert. "Wir werden die Hilfe annehmen", meint Bernhard Reubelt, aber "im Moment geht alles noch irgendwie völlig an uns vorbei", beschreibt Christina die Situation, die besonders traurig dadurch wird, dass Johannes ein Mensch war, der jeder Konfrontation aus dem Weg ging.