Bad Kissingen
Entwicklung

Abi und Diplom auf einen Streich

Seit 2004 haben bereits 500 Gymnasiasten ein "Frühstudium" an der Uni absolviert. Einer von ihnen ist Sebastian Weingärtner aus Bad Kissingen. Heute forscht er an der Harvard Medical School in Boston.
Sebastian Weingärtner aus Bad Kissingen hat sein Informatik-Frühstudium 2011 abgeschlossen. Foto: Pat Christ
Sebastian Weingärtner aus Bad Kissingen hat sein Informatik-Frühstudium 2011 abgeschlossen. Foto: Pat Christ
Besonders leistungsstarke Schüler können seit zehn Jahren nebenbei an der Universität Würzburg studieren. Die Uni war 2004 die bayernweit erste Hochschule, die Gymnasiasten anbot, reguläre Lehrveranstaltungen zu besuchen, Leistungsnachweise zu erwerben und Uniluft zu schnuppern. Einmal einen Hörsaal erleben, in der Mensa essen, "echte" Studenten treffen und die Fachschaft kennen lernen - all dies gehört zum Programm "Frühstudium".
Im Wintersemester 2004/ 2005 machten gerade einmal vier Schüler von der Möglichkeit Gebrauch, Vorlesungen und Seminare zu besuchen. In diesem Wintersemester werden 38 Jugendliche aus Unterfranken neben der Schule studieren.
Inzwischen sitzen die ersten Frühstudierenden an ihrer Doktorarbeit. Dazu gehört Anna Fernengel aus Kleinostheim. Während des Frühstudiums schaffte sie 2008 ihr Vordiplom in Mathematik. Ähnlich erfolgreich waren in den vergangenen zehn Jahren erst drei andere Jugendliche.

456 Teilnehmer in zehn Jahren

So brachte es auch Georg Loho aus Würzburg als Gymnasiast 2008 zum Mathematik-Vordiplom. Ihm machte Mathematik solchen Spaß, dass er nach dem Studium weitermachte. Heute ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet "Diskrete Mathematik" der TU Berlin. Zudem fungiert er als Landesbeauftragter der Mathematik Olympiade Bayern. Sebastian Weingärtner aus Bad Kissingen schaffte neben dem Abitur 2010 das Informatik-Diplom. Heute ist er an der Harvard Medical School in Boston tätig.
In den vergangenen zehn Jahren ließen sich insgesamt 456 junge Leute aus 76 Gymnasien auf ein Frühstudium ein, berichtet Dr. Richard Greiner, der das Schülerprojekt mit auf den Weg brachte und bis heute fachlich koordiniert. Viele Gymnasiasten wissen nicht, was sie nach dem Abi tun wollen. Die Frühstudierenden haben ihren Altersgenossen voraus, dass sie zumindest schon mal ein Fach näher kennen gelernt haben. "Das heißt jedoch nicht, dass sie das dann auch studieren", so Greiner. Manche Jugendliche sind nach dem Frühstudium ähnlich ratlos wie ihre Klassenkameraden: "Denn sie haben viele Begabungen."

Freiwillig auf Freizeit verzichten

Wer schon als Schüler davon träumt, einmal ins Management zu gehen, kann nebenbei Wirtschaftswissenschaft studieren. Das taten bisher 20 Gymnasiasten. Die meisten Frühstudierenden sind mathematisch oder naturwissenschaftlich talentiert. Unter 24 Fächern, die bislang ausprobiert werden konnten, waren solche Studiengänge die Renner.
Mit Zahlen, Parabeln und quadratischen Funktionen beschäftigten sich 120 mathematische Frühstudierende. 60 schnupperten in Physik, 51 in Informatik hinein. Der Frauenanteil beträgt pro Semester zwischen 40 und 50 Prozent. Chemie oder Skateboard? Mathe oder Musikband? Neben der Schule vier Stunden in der Woche zu studieren, bedeutet auf viel Freizeit zu verzichten. "Viele Jugendliche entdecken durch das Frühstudium, wie wichtig es ihnen ist, Freizeit zu haben und spontan sein zu können", sagt Greiner. Deshalb entscheiden sie sich nach einem Semester, wieder aufzuhören: "Was für uns aber keinen Abbruch bedeutet."
Auch Frühstudierende machen gern Quatsch im Unterricht, viele sind überaus quirlig und haben absolut nichts Verkniffen-streberhaftes an sich, sagt Greiner. Gemeinsam sei ihnen, dass sie auf Herausforderungen scharf seien und mehr wissen wollten als das, was ihnen in der Schule vorgesetzt wird. Und sie sind jünger geworden. Dank des G8 sind inzwischen viele 15 Jahre alt, wenn sie ein Frühstudium beginnen.