Bad Kissingen
Kirche

Wem kann man vertrauen, wenn nicht einem Pfarrer?

Ein Geistlicher hat eine Frau missbraucht. 40 Jahre nach dem Vorfall meldet sie sich und bringt ein Verfahren ins Rollen. Die Bürger sind entsetzt.
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Missbrauch im Zeichen des Kreuzes? Über einen Fall in Bad Kissingen hat Generalvikar Thomas Keßler Mitarbeiter der Pfarrgemeinden und der örtlichen Vereine informiert. Foto: Illustration Romina Birzer
Missbrauch im Zeichen des Kreuzes? Über einen Fall in Bad Kissingen hat Generalvikar Thomas Keßler Mitarbeiter der Pfarrgemeinden und der örtlichen Vereine informiert. Foto: Illustration Romina Birzer
Der ehemalige Ministrant brachte es auf den Punkt: Ein Priester liest die Fürbitten vor und bittet darin um Hilfe für all diejenigen, die Opfer sexuellen Missbrauchs geworden sind. Jetzt wird gerade dieser ehemalige Geistliche aus dem Stadtgebiet genau dieses Vergehens bezichtigt.

Der junge Mann hat früher den Altardienst bei dem Pfarrer versehen. Er ist geschockt, was ihm da zu Ohren gekommen ist. Das Vertrauen in einen Geistlichen im Speziellen und die Kirche im Allgemeinen ist gestört, wenn nicht verloren. Der junge Mann hat eine Schwester, die in kirchliche Aktivitäten eingebunden ist. Mit ihr hat er über den Pfarrer, und was passiert ist, gesprochen. Er hat Angst, Angst, dass so etwas wieder passieren kann. Daher seine Frage an Generalvikar Thomas Keßler: "Wie versucht die Kirche, sowas zu verhindern?"


Aufklärung zum Fall

Die Frage stand im Raum, am Montagabend, als eine Abordnung der Diözese Würzburg mit Generalvikar Thomas Keßler an der Spitze, ehemals Stadtpfarrer und Dekan in Bad Kissingen, in das Pfarrheim des Stadtteiles kam, um Vertretern der kirchlichen Gremien und der Vereine offizielle Aufklärung über den Sachstand "des Falles" zu geben.



Der Fall:


Eine Stadt in Polen. 1968. Der damals 32-jährige Pfarrer vergeht sich an einem damals 15 Jahre alten Teenager. Nicht einmal, das Ganze zieht sich über mehrere Jahre hin. Das Martyrium für die junge Frau endet erst, als der Geistliche Mitte der 1970-er Jahre nach Deutschland und die Diözese Würzburg kommt. 40 Jahre später, im Herbst 2014, meldet sich die Frau schließlich. Sie berichtet, klagt an. Warum so spät? Warum erst jetzt? Für Klaus Schmalzl, Diözesanrichter sowie Ehe-, Familien- und Lebensberater bei der Diözese, ist dieser zeitliche Abstand zum Bekanntwerden eines solchen Falles "normal". "Menschen vergraben solche Dinge jahrzehntelang in ihrem Innersten. Auch bei Männern ist das so."


Gespräche - mit Verzögerung

Als erster erhielt der damalige Dekan und Bad Kissinger Stadtpfarrer Thomas Keßler den Anruf des Opfers. Er schaltete Klaus Laubenthal ein. Der Professor für Kriminologie und Strafrecht an der Universität Würzburg ist Ansprechpartner in der Diözese für Opfer sexuellen Missbrauchs. Es sei wichtig, so Generalvikar Keßler, dass ein Außenstehender Fachmann solche Fälle betreut. Laubenthal hat erst mit einiger Verzögerung im Jahr 2015 Kontakt mit dem Opfer aufgenommen. Es gab am 1. September 2015 ein erstes Gespräch mit der Frau, am 29. September folgte ein Gespräch mit dem Geistlichen. "Er gab die sexuellen Übergriffe weitgehend zu", stellte Keßler fest und sei des Weiteren während der Ermittlungen "sehr kooperativ gewesen."


Staatsanwaltschaft ermittelt

Keßler hatte ihm empfohlen, bei der Polizei Selbstanzeige zu stellen, was der bald 80-Jährige tat. Seitdem ermittelt die Kriminalpolizei Schweinfurt ebenfalls. Überhaupt läuft in so einem Fall vieles doppelt: Zum einen ermitteln die zivilen Behörden. Diesbezüglich steht zu erwarten, dass für sie die Tat verjährt ist. Anders verhält es sich bei der Kirche. Sie hat ein eigenes Gesetzbuch. Bei der Kirche gibt es keine Verjährung eines solchen Falles. Das Kirchenrecht verlangt, dass eine "Voruntersuchung" stattfindet. "Wir sind mitten im Fall", sagt der Generalvikar zum derzeitigen Stand: "Es wird ermittelt und nicht der Deckel draufgemacht".


Weitergeleitet nach Rom

Die Voruntersuchung beinhaltet die mehrmalige Befragung der Beteiligten. Danach wird Klaus Schmalzl ein Protokoll erstellen, das er Bischof Friedhelm Hofmann übergibt. Der seinerseits leitet es weiter nach Rom, zur Glaubenskongregation. Hier wird der Fall besprochen, gegebenenfalls nachrecherchiert und ein Urteil verkündet.

Der Generalvikar hat inzwischen den betroffenen Geistlichen mündlich angewiesen, Bad Kissingen zu verlassen und ihm "öffentliches priesterliches Wirken" untersagt. Daran hält die der Pfarrer aber scheinbar nicht, wie ein Mann bei der Versammlung sagte. Er habe unlängst ein Seelenamt in einer Nachbargemeinde gehalten. Wie das anginge, wollte der Mann wissen. Generalvikar Keßler dazu: "Das geht nicht und entspricht auch nicht dem, was ich gesagt habe." Er wird dem Geistlichen seine Anweisung jetzt schriftlich aushändigen. "So etwas müssen wir verhindern, das kommt zu den Akten und geht nach Rom." Der Geistliche befinde sich derzeit im Urlaub und werde in ein betreutes Wohnen übersiedeln.


Abschluss im Sommer

Und wie geht es jetzt weiter? Da die betroffene Frau krank ist, wird das nächste Gespräch zwischen ihr und Prof. Laubenthal wohl erst im Juli stattfinden können. Danach seien die Ermittlungen, so Klaus Schmalzl, für die Diözese abgeschlossen und "der Fall" kann nach Rom. Ein mögliches Urteil wäre zum Beispiel die Entlassung aus dem Klerikerstand, eine Reduktion der Pensionsbezüge. "Den Römern ist immer etwas eingefallen", so Schmalzl vor den fragenden Bürgern.
Die abschließende Frage am Infoabend für die Bürger galt der betroffenen Frau: Gibt es für sie finanzielle Entschädigung, oder Unterstützung bei Therapien oder Maßnahmen, die ihren körperlichen und geistigen Gesundheitszustand verbessern? "Das wird übernommen", versprach Thomas Keßler, und das werde nicht aus Kirchensteuergeldern beglichen, sondern aus einem Fonds, der nicht aus Steuermitteln gespeist wird.


Keine Spaltung zulassen

Kaplan Paul Reder sprach in seinem Schlusswort von "Transparenz und Glaubwürdigkeit" als einem wichtigen Signal für die Gemeinde. Man wolle den Fall nicht verharmlosen und Verantwortung übernehmen. Genauso wies Klaus Roos, der Gemeindeberater der Diözese, darauf hin, keine Spaltung in den Pfarrgemeinden, in denen der betroffene Geistliche tätig war, zuzulassen. Weder in den Familien, noch in den Gremien.


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