Bad Kissingen

Filmreife Verfolgungsjagd über den Acker

Was sich da am Nachmittag des 21. April dieses Jahres bei einem Dorf nördlich von Bad Kissingen abgespielt hat, hätte einen spannenden Krimiauftakt gegeben.
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Ein polizeibekannter Freund illegaler Drogen durchbricht - mit Rauschgift an Bord des Geländewagens - eine Polizeisperre, entkommt quer über den Acker in den dunklen Waldfensterer Tann, flüchtet zu Fuß und stellt sich eineinhalb Stunden später dann doch der Polizei. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Derzeit muss er sich wegen illegalen Besitzes und Handeltreibens mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts Schweinfurt verantworten.

Nichts ahnend ist der 39-Jährige, als er sein Auto auf der Rückfahrt von einer Beschaffungstour im Hessischen Richtung Heimat steuert. An Bord hat er in einem Rucksack 450 Gramm Marihuana und acht Gramm Amphetamin. Unweit seines Dorf steht ihm plötzlich eine Polizeisperre im Weg - zwei Zivilfahrzeuge mit Blaulicht. Dank der Handyüberwachung des Verdächtigen waren die Polizisten über dessen Vorhaben nämlich im Bilde.

Rund 15 Meter vor der Sperre stoppt der Mann. Er setzt sein Auto etwas zurück, eines der Polizeiautos steuert auf ihn zu, um ihn am Wenden und Flüchten zu hindern. Die so entstandene Lücke zwischen den beiden Polizeiwagen nutzt der Mann, gibt Gas, braust die Böschung hinab auf einen Acker - und querfeldein Richtung Wald.
Ein Polizeiauto verfolgt den Flüchtigen über Feldwege, dieser entkommt zunächst zwar dank der besseren Geländeeigenschaften seines Fahrzeugs - aber noch nicht weit genug. Zwei Schüsse hatten die Beamten zuvor abgegeben, einen in die Luft und einen auf einen Reifen, der auch getroffen hat. Im Wald löst sich der Reifen von der Felge. Ein Weiterfahren ist nicht mehr möglich, der 39-Jährige flüchtet zu Fuß weiter. Mittlerweile ist in dem beschaulichen Waldgebiet eine Fahndung im Gang, auch ein Hubschrauber ist beteiligt. Schneller als gedacht ist das Rauschgift sichergestellt, das der Mann während seiner Flucht ein paar Meter von der Straße entfernt deponiert hatte. Ein Förster hatte die Szene zufällig beobachtet.

Der Mut ist schnell dahin

Lange hält der so spektakulär Geflüchtete den Stresszustand nicht aus. Nur eineinhalb Stunden nach dem Durchbrechen der Polizeisperre stellt er sich, per Telefonanruf mit einem Handy, das ihm ein Jogger zur Verfügung gestellt hatte. Die Polizei kann ihn abholen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft.

Zu Hause wird bei dem 39-Jährigen ebenfalls "Stoff" gefunden: 200 Gramm Marihuana und 36 Gramm Amphetamin - insgesamt also rund 650 Gramm Marihuana und 44 Gramm Amphetamin. Was die Mengen betrifft, räumt der 39-Jährige die Anklagepunkte ein, nicht aber, dass er mit den illegalen Drogen Handel treiben wollte. Er behauptet, alles sei für den Eigenbedarf bestimmt gewesen. Bei ihm finden die Beamten auch einen Funkscanner, mit dem der Polizeifunk abgehört werden kann, sagt ein Polizist als Zeuge aus.

Die psychiatrische Gutachterin attestiert dem Angeklagten, dass er trotz seines Rauschgiftkonsums uneingeschränkt steuerungsfähig und strafrechtlich voll verantwortlich sei. Sieben Vorstrafen bringt er mit, darunter Rauschgiftdelikte, Sachbeschädigung, Beleidigung, Polizeifunkhören, eine exhibitionistische Straftat.

Vier Jahre und drei Monate Haft fordert der Oberstaatsanwalt für den 39-jährigen Kraftfahrer am nächsten Verhandlungstag. Der Verteidiger spricht von "suboptimalen Polizeiaktionen", "nur" von Marihuana (654 Gramm) sowie einem bisschen Amphetamin und hält zwei Jahre und neun Monate Haft für ausreichend.

Angeschimmeltes Marihuana

Aus der Verhandlung heraus hatte die Große Strafkammer des Landgerichts Schweinfurt am ersten Tag eine weitere Durchsuchung im Anwesen des Angeklagten angeordnet. Dabei wurden 50 Gramm angeschimmeltes Marihuana gefunden, Cannabissamen und Dünger sowie Speziallampen zum Cannabisanbau. Der Angeklagte bestreitet trotzdem, Cannabispflanzen angebaut zu haben.

Der Staatsanwaltschaft fordert neben der Haftstrafe auch den Entzug der Fahrerlaubnis. Bei Straftaten sei der Angeklagte schon zweimal mit hoher Geschwindigkeit vor der Polizei geflüchtet und habe die Verkehrssicherheit beeinträchtigt. Bezüglich des nur eingeschränkten Geständnisses sagt der Anklagevertreter, der Angeklagte habe ein "äußerst taktisches Verhältnis zur Wahrheit."

Der Verteidiger besteht darauf, dass sein Mandant die Drogen zum Eigenbedarf besorgt hat: als Mittel gegen seine Rückenschmerzen, nicht aber zum Weiterverkauf. Das Urteil wird am 13. November verkündet.

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