Vieles in der Welt des Rock'n'Roll funktioniert über kulturelle Codes. Haare sind wichtig, Schmuck auch, Gesten, vor allem aber die Jacken. Es gibt Lederjackenbands und es gibt Kuttengenres. Es gab mal eine prägende Adidas-Trainingsjacken-Bewegung in Deutschland, der die Band von Thees Uhlmann damals halb zugerechnet wurde. Von dieser Schule hat er sich lang emanzipiert.

Wer das mit dem Rock'n'Roll in 2019 noch ernstmeint, kommt am Dienstag in der Jeansjacke aufs Uhlmann-Konzert nach Erlangen. Das sind nicht wenige, die Jeansjackendichte am Dienstagabend ist hoch und sie vermögen es vielleicht, den Charme der Heinrich-Lades-Halle etwas zu retten.

Die ist, immerhin im Vergleich zu veranstaltenden E-Werk, nicht so Rock'n'Roll. Uhlmann steht hanseatisch pünktlich um Punkt 8 zum ersten Mal auf der Bühne, nur so zum Anprosten und um den Support Grillmaster Flash (erster Song: "Ich war nie Rock'n'Roll") anzukündigen.

Dann noch einmal mit der Band, wieder ultrapünktlich, 20.30, nicht so Rock'n'Roll. Uhlmann wird seine eigene Jacke kein einziges Mal ablegen, zweieinhalb Stunden nicht, selbst dann nicht, als ihm längst der Schweiß von der Nase tropft. So geht das. Sehr Rock'n'Roll.

Ein Geschichtenerzähler

Und so ist es denn natürlich auch der Opener seines neuen Albums, "Fünf Jahre nicht gesungen", mit dem er diese zweieinhalb Stunden eröffnet, ein fast stadiontaugliches Stück, das so ganz lässig im Vorbeigehen immer Foreigners "Cold As Ice" zitiert.

"Ein Stift und ein Zettel und der Rest ergibt sich. Das Leben ist kein Highway, es ist die B 73." Spätestens mit dem Song war klar, dieses neue Album "Junkies und Scientologen", sein drittes, ist auch sein bestes seit der Pause der Band Tomte. Thees Uhlmann hat ein bisschen Abstand genommen von zu viel verkitschter Gefühligkeit und zu viel Keyboardgeklimper und angefangen, sehr geradeaus Geschichten zu erzählen.

Der deutsche Springsteen

Die Rezensenten hefteten ihm das Etikett des ultimativen Rock'n'Roll-Barden an: der deutsche Bruce Springsteen.

Vor allem aber kommt einem Uhlmann immer fast unangenehm nah, mit seiner forschen Art, Identifikation quasi einfordernd. "Ihr seht aus wie ich", sagt Uhlmann in Erlangen an seine Fans gewandt. Das liegt an den Jacken. Vier große Songs hat dieses Album neben den guten, den zweiten davon schickt er direkt hinterher, "Danke für die Angst", eine Hommage an Stephen King. Die hymnenhafte Hommage an den verstorbenen schwedischen Musiker Avicii feuert die Band im Zugabenblock explosiv in die so langsam müde werdenden Erlanger Gesichter. Man ist nicht mehr der/die jüngste. Aber trotzdem: "Wir grüßen dich Avicii, mit der Faust fest erhoben. Spiel noch einen Song, alles Gute kommt von oben."

Uhlmann spielt noch einige Songs. Und die Faust erhebt er bei jeder Gelegenheit. Zwar erzählt er freimütig, sich oft und gern zu schämen, auf der Bühne aber ist er der Rockstar, der er sein will, der die große Kunst beherrscht, sich feiern zu lassen, inbesondere für diesen knorrigen, sympathischen aber sich nicht anbiedernden Typ, den Uhlmann aus der niedersächsischen Provinz: "Meine Wahrheit in 17 Worten: Ich hab ein Kind zu erzieh'n, dir einen Brief zu schreiben und ein Fußballteam zu supporten." Springsteen, das ist schon nicht so weit hergeholt. Man kann aber auch hier bleiben.

Im Kontrast fast lärmig

Uhlmann macht einfach Deutschrock, nur eben mit deutlich besseren Texten als Grönemeyer und Lindenberg und Co.

Die alten Tomte-Songs, - "Schreit den Namen meiner Mutter", "Du bist den ganzen Weg gerannt" oder "Korn und Sprite" - musikalisch noch halb dem Punk verpflichtet, wirken im Kontrast fast lärmig.

Es war nicht grad gestern, dass er diese Lieder schrieb. Auch von dieser bittersüßen Nostalgie lebt so ein Konzert, wenn das kollektive Bewusstsein weiß, dass das Gitarrengenre stirbt. In "100 000 Songs" singt Uhlmann selbst davon: "Ich hab zwei Tickets und noch n bisschen Geld. Kommst du mit, zur letzten Rock'n'Roll-Show der Welt?"