Hamburg
Verbraucherschutz

Verbraucher sollten aufpassen: "Höhepunkt kommt erst noch" - Mogelpackungen nehmen enorm zu

Verbraucher*innen sollten zurzeit beim Einkaufen genau hinschauen. Die Zahl der Mogelpackungen und der damit verbundenen Beschwerden nehmen aktuell massiv zu, meldet die Verbraucherzentrale. Was es damit auf sich hat und was dahinter steckt - das erklären wir hier.
Die Hersteller von Gummibärchen und Chips tricksen häufig bei den Verpackungsgrößen.
Bei Chipstüten ist häufig viel Luft in der Packung. Auch Haribo verringert jetzt die Füllmenge. Ab wann gilt ein Produkt, bei dem versteckte Preiserhöhungen angewandt werden, als Mogelpackung? Foto: Canva; Collage: inFranken.de

Es ist eine Taktik, wie sie schon bei den Nürnberger Bratwürsten im Mittelalter Anwendung fand: Steigen die Kosten in der Produktion eines Produkts, müssten die Hersteller eigentlich den Preis anheben, um nicht bei der Gewinnmarge einzubüßen. Doch weil Preissteigerungen dem Konsumenten sofort auffallen, verschleiert man den Preisanstieg, indem das Produkt in der Masse schrumpft

Doch während im Mittelalter die geschrumpfte Länge einer Wurst klar erkennbar war, haben die Verbraucher heute noch ein weiteres Problem: die Verpackung. Denn die bleibt bei verringertem Inhalt häufig gleich groß. Daher heißt die Devise: Genau hinsehen. So sind Preissteigerungen bis zu 25 Prozent für die Hersteller möglich.

Derzeit besonders viele Beschwerden in Verbraucherzentrale über Mogelpackungen

"Wir erleben gerade die erste Welle solcher versteckter Preiserhöhungen", sagte Armin Valet, Lebensmittelexperte bei der Verbraucherzentrale Hamburg der Deutschen Presse-Agentur. "Aber ich denke, der Höhepunkt kommt erst noch." Valet beobachtet seit Jahren, wie Hersteller und Handel mit Packungsgrößen tricksen, um Preiserhöhungen zu verschleiern und kürt alle zwölf Monate eine Mogelpackung des Jahres. Im Moment gebe es bei der Verbraucherzentrale Hamburg aber besonders viele Beschwerden über solche Tricksereien, sagte Valet.

Der Hintergrund ist klar: Die Lebensmittelpreise steigen zur Zeit dramatisch. Im Juli waren Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 14 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Gestiegene Rohstoffpreise machen sich hier ebenso bemerkbar wie höhere Energiekosten oder Mehrausgaben für Logistik infolge der Corona-Pandemie und des Ukraine-Krieges. Da die Unternehmen aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage immer mehr Mogelpackungen auf den Markt bringen, heißt der neue Begriff für dieses Phänomen "Shrinkflation" - eine Verbindung des englischen Wortes für Schrumpfen - shrink - und Inflation.

"Wir werden das in Zukunft öfter sehen als in der Vergangenheit", ist der Marketing-Experte Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf überzeugt. Der Grund: Handel und Hersteller scheuten sich, die eingeübten Preisschwellen wie beispielsweise 1,99 Euro zu überschreiten. "Wenn eine solche Schwelle überschritten wird, erscheint ein Produkt plötzlich deutlich teurer und es besteht die Gefahr, dass die Absatzmenge drastisch einbricht", beschreibt Fassnacht das Problem. Leider gibt es laut der Verbraucherzentrale keine konkreten Bestimmungen, ab wann eine Mogelpackung vorliegt. Als Anhaltswert gilt lediglich, dass nicht mehr als 30 Prozent Luft in der Packung sein sollten.

Doppelt unsinnig: Mogelpackungen bedeuten mehr Müll und höhere Kosten

Der Experte hat durchaus Verständnis für diese Praxis. Er findet aber, die Hersteller sollten dann gegenüber den Verbraucherinnen und Verbrauchern mit offenen Karten spielen. "Wichtig ist aus Fairness-Gründen, dass die Hersteller bei Mengenreduzierungen auch die Verpackungen verkleinern." Dann könnten sie durchaus auch auf Verständnis der Konsumenten hoffen. "Manch einer ist vielleicht auch froh, durch die Mengenreduzierung nicht mehr bezahlen zu müssen."

Beispiele für solche "Schrumpfkuren" gibt es aktuell zuhauf. Haribo etwa verkleinerte kürzlich seine Goldbärentüte von 200 auf 175 Gramm. Der empfohlene Preis von 0,99 Cent blieb gleich - trotz 12,5 Prozent weniger Inhalt. "Als Unternehmen sind wir bereits seit Anfang des Jahres mit außergewöhnlich steigenden Kosten für hochwertige Zutaten, aber auch für Folien, Verpackungsmaterialien, Kartonage sowie Energie und Logistik im hohen doppelstelligen Bereich konfrontiert", begründete Haribo den Schritt. Das Unternehmen passe Verpackungsgrößen und Preis an, um weiterhin erschwinglich zu bleiben. "Wichtig war uns, dass wir nicht mehr "Luft" im Beutel haben, also den Beutel in seiner Größe beibehalten, sondern auch den Beutel sichtbar verkleinern", betonte ein Unternehmenssprecher. Dadurch sei die Verringerung der Füllmenge für die Kunden klar erkennbar.

Dieses Vorgehen hat aber noch einen anderen positiven Effekt: weniger Müll. Unnötig große Verpackungen für eine geringe Inhaltsmenge bedeuten nicht nur höhere Kosten bei Material und Herstellung, sondern generieren auch mehr Abfall. Eine Studie von September 2021, die im Auftrag der Verbraucherzentrale des Bundesverbandes (vzbv) veröffentlicht wurde, ergab, dass "jährlich 1,4 Millionen Mülltonnen eingespart werden könnten, wenn Hersteller auf überdimensionierte Luft-Verpackungen verzichten würden". Das berichtete die Verbraucherzentrale Bayern. Ihre Forderung: "Jede Verpackung sollte bis zum Rand oder zur Naht gefüllt sein, sofern keine nachweislich technischen Gründe dagegen sprechen."

Das Prinzip der doppelten Preiserhöhungen: Was steckt dahinter?

Auch der Markenartikler Henkel ging bei seinem Weichspüler Vernel einen ähnlichen Weg. "Da wir die Kostensteigerungen in einigen Fällen nicht vollständig auffangen konnten, haben wir uns entschieden, die Füllmengen unserer Produkte teilweise anzupassen", berichtete das Unternehmen. Der Knabberartikel-Hersteller Intersnack sah sich ebenfalls durch den Kostenanstieg "zur Anpassung der Füllmenge der ültje Erdnüsse" gezwungen. Aber auch bei Marmelade, Margarine, Chips und sogar Tiefkühlpizza stießen die Verbraucherschützer in den vergangenen Wochen auf geschrumpfte Packungsinhalte.

Verboten sei das nicht, räumt Valet ein. Aber es sei natürlich eine Trickserei zu Lasten der Kunden. Auffällig ist nach seinen Worten, dass auch Supermärkte und Discounter bei ihren Eigenmarken immer öfter zu solchen verstecken Preiserhöhungen greifen. Dies habe in der Vergangenheit eher Seltenheitswert gehabt.

Gestiegen ist nach Angaben der Verbraucherzentrale Hamburg aber auch die Häufigkeit sogenannter doppelter Preiserhöhungen auf der Mogelpackungsliste des Verbandes. Gemeint sind damit Produkte, bei denen nicht nur die Füllmenge reduziert, sondern zusätzlich der Preis vom Handel erhöht wurde. Betraf das in den vergangenen zwei Jahren durchschnittlich 18 Prozent der aufgenommenen Artikel, so waren es im ersten Halbjahr 2022 bereits rund 35 Prozent.

Ein Ende der Schrumpfkur bei Produkten des täglichen Bedarfs erwartet der Verbraucherschützer Valet vorläufig nicht. Im Gegenteil: Der Höhepunkt könnte noch bevorstehen. Der Handel brauche ungefähr ein halbes Jahr Vorlauf zur Umstellung der Etiketten und dem Abverkauf der alten Ware, rechnet er vor. "Ich denke, dass da noch einiges auf uns zukommen wird."

Lesetipp: Mit welchen Tipps man Mogelpackungen leichter erkennt, wann sie ungesetzlich sind und was man als Verbraucher dagegen tun kann, erfährst du in diesem Artikel.