Der Streit um die Vorgaben zur gendergerechten Sprache bei der Audi AG hat ein Ende: In dem Streit hatte ein Angestellter der Konzernmutter Volkswagen, der mit Audi-Kollegen zusammenarbeiten muss, geklagt, nachdem das Unternehmen keine Unterlassungserklärung abgeben wollte.

Der Kläger sieht durch den Leitfaden seine allgemeinen Persönlichkeitsrechte verletzt (Az. 83 O 1394/21). Am Freitag (29.07.2022) kam die Zivilkammer nun zu einem Urteil

Update vom 29.07.2022, 10 Uhr: Klage gegen geschlechtergerechte Sprache abgewiesen

Das Landgericht Ingolstadt hat eine Klage gegen einen Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache bei der Audi AG abgewiesen. Ein Mitarbeiter der Konzernmutter VW, der mit Audi-Kollegen zusammenarbeiten muss, hatte den Ingolstädter Autohersteller auf Unterlassung verklagt. Er hatte sich daran gestört, dass die Audi-Mitarbeiter in der Kommunikation mit ihm wegen des Leitfadens Gender-Formen mit Unterstrich ("Mitarbeiter_innen") nutzen. 

Im Gericht zitierte der Kläger aus Arbeitsanweisungen mit Formulierungen wie: "Der_die BSM-Expert_in ist qualifizierte_r Fachexpert_in". Der Vorsitzende Richter schlug zur gütlichen Einigung vor, Audi könnte ihm künftig "halt normal schreiben". Am Freitag, dem 29.07.2022, entschied die Zivilkammer, dass es keinen Unterlassungsanspruch des Klägers gibt.

Der Vorsitzende Richter Christoph Hellerbrand betonte, dass der VW-Mitarbeiter nicht zur aktiven Nutzung des Leitfadens verpflichtet sei, weil dieser sich nur an Audi-Mitarbeiter richte. Der Kläger kündigte an, das Urteil nun mit seinen Anwälten prüfen zu wollen. "Dass es weitere Schritte gibt, schließe ich explizit nicht aus", sagte er zu möglichen Rechtsmitteln.

Ein Urteil mit Signalwirkung: Darf man sich gegen das Gendern wehren?

Das Urteil will die Kammer am 29. Juli verkünden. Es werde kein Grundsatzurteil sein, stellte Richter Christoph Hellerbrand klar. Es gehe bei diesem Prozess nur um den konkreten Einzelfall: "Es geht um Sie, um ihre persönliche Betroffenheit durch diesen Gender-Leitfaden", sagte er dem VW-Prozessmanager. Trotzdem wird das Urteil wohl Signalwirkung haben.

Audi hat den Leitfaden im März 2021 eingeführt und erklärt, das Unternehmen wolle "gendersensible Formulierungen von nun an in der internen und externen schriftlichen Audi Kommunikation allgegenwärtig machen". Firmenanwalt Sebastian Klaus sagte, Ziel sei es, Diskriminierung zu verhindern. Keine Person, die sich nicht eindeutig als Frau oder Mann sehe, müsse sich offenbaren und dürfe sich auch mit Hilfe der Gender Gaps trotzdem angesprochen und respektiert fühlen. Bei der Erstellung des Leitfadens habe sich Audi von Experten beraten lassen.

Klägeranwalt Dirk Giesen griff dies sofort auf: "Sie haben nicht gesagt: Expert_innen!" Sein Mandant sei klar für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung. Aber "er möchte in Ruhe gelassen werden mit dieser Gendersprache". Die im Leitfaden vorgeschriebene Verwendung führe zu neuer Diskriminierung und verletzte seine Persönlichkeitsrechte. Audi solle verpflichtet werden, ihm keine Mails, Mailanhänge und Präsentationen mit Gender Gaps mehr zu schicken - und bei Verstößen 100 000 Euro zahlen.

Gängelei - oder Mittel für mehr Gerechtigkeit?

Der Vorsitzende Richter fasste den Unterlassungsantrag so zusammen: "Der Gender Gap muss weg." Zugleich wies er darauf hin, dass die Klägeranwälte die zitierte Arbeitsanweisung nicht in den bisherigen Schriftsätzen angeführt hätten, das komme nun vielleicht etwas spät.

Unterstützt wird die Klage vom Verein Deutsche Sprache, der das Gendern als Gängelei und Ideologie ablehnt. Die Gesellschaft für deutsche Sprache sieht Doppelnennungen ("Schülerinnen und Schüler") positiv, den Gender Gap hingegen als problematisch: Sprache müsse verständlich und lesbar sein und den Grammatikregeln entsprechen. Formulierungen wie "Jede(r) Kollege(in)/jede(r) Kolleg(in)", "sagte die*der Schüler*in und ihre*seine Eltern" oder "Bauer(in) und Ärzt(in)" gehörten nicht dazu.