• Gemeinsame Trauer am Jahrestag der Flutkatastrophe
  • Wiederaufbau können noch Jahre dauern, gibt ADD bekannt
  • Redebeiträge unter anderem von Ministerpräsidentin Malu Dreyer und vier Flutopfern

Das extreme Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hat mehr als 180 Menschen in den Tod gerissen. Tausende haben ihre vier Wände verloren. Ein Jahr später gedenken auch der Bundespräsident und der Bundeskanzler der Flutopfer.

Gedenken an die Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und NRW: 180 Menschen in den Tod gerissen

In Trauer vereint haben die Menschen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen am ersten Jahrestag der Hochwasserkatastrophe den insgesamt mehr als 180 Flutopfern gedacht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kam am Donnerstag (14. Juli 2022) zunächst in das im Juli 2021 schwer getroffene Ahrtal. In Begleitung der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sprach er beim Besuch einer wiederaufgebauten Weinstube im teilzerstörten Winzerdorf Altenahr mit Betroffenen, Helfern und Kommunalpolitikern. Anschließend wollte Steinmeier in Euskirchen in Nordrhein-Westfalen an einem Gedenkgottesdienst für die dortigen Flutopfer teilnehmen.

Der Wiederaufbau im flutgeschädigten Ahrtal werde nach Einschätzung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier noch lange dauern. Am ersten Jahrestag der tödlichen Hochwasserkatastrophe sagte er bei einem Besuch in dem Flusstal auch mit Blick auf ausgebuchte Gutachter und Handwerker, die Bauarbeiten würden noch "die nächsten Jahre" ein Thema sein.

Mit Blick auf die Sturzflut Mitte Juli 2021 ergänzte Steinmeier am Donnerstag: "Der Klimawandel hat uns erreicht." Das zeigten auch wieder diese Tage mit brennenden Wäldern und sinkendem Grundwasserspiegel. In vielen Regionen drohe nach den Jahren 2018 bis 2020 nun "ein vierter Dürresommer". Der Kampf gegen den Klimawandel habe nicht an Dringlichkeit verloren. An der Verbesserung von Katastrophenschutz und -vorsorge werde gearbeitet. Mit Blick auf die Flutopfer betonte Steinmeier: "Wir haben die Menschen nicht vergessen."

"Deutschland müsse krisenfester werden"

Bei dem Hochwasser nach extremem Starkregen am 14. und 15. Juli 2021 waren mindestens 135 Menschen im nördlichen Rheinland-Pfalz getötet worden - 134 im Ahrtal und ein Mann in der Eifel. Zwei Menschen werden noch vermisst. In Rheinland-Pfalz war neben Ahrtal und vielen Gebieten der Eifel etwa auch der Ortskern von Trier-Ehrang betroffen; das Hochwasser der Kyll schädigte viele Häuser. In Nordrhein-Westfalen starben bei der Flut 49 Menschen.

Anlässlich des ersten Jahrestages der Katastrophe mahnte der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Ralph Tiesler, an, Deutschland müsse krisenfester werden - mit einer besseren Organisation und Warnung sowie sensibilisierten Bürgerinnen und Bürgern. "Wir müssen uns besser vorbereiten", sagte er im ZDF-"Morgenmagazin". Die Krisenvorsorge müsse auch bei jedem Einzelnen optimiert werden - alle Menschen müssten sich fragen: "Was können wir dazu tun?"

Ausbau des Warnsystems vorantreiben - Bilder hätten sich in die Erinnerung gebrannt

Wichtig sei eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Akteuren und der Ausbau des Warnsystems, betonte Tiesler. "Wir haben ein Sirenen-Förderprogramm beispielsweise aufgelegt, wir wollen den Warnmix verschiedener Warnmittel ausbauen (...), damit eben eine Warnung effektiver bei den Menschen ankommen kann."

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) bezeichnete die Flutkatastrophe als "Einschnitt in der Geschichte unseres Landes". Die Bilder hätten sich in die Erinnerung eingebrannt. "Wir müssen uns besser auf solche Großschadensereignisse vorbereiten", forderte Wüst laut Mitteilung. Es gelte, beim Klimaschutz voranzukommen.

Wiederaufbau wird noch Jahre dauern

Nach Einschätzung der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) - einer Behörde in Rheinland-Pfalz - wird der Wiederaufbau nach der Flut in dem Bundesland noch Jahre dauern. "Ich kann sehr gut nachempfinden, dass vielen der Wiederaufbau nicht schnell genug geht. Wir tun unser Möglichstes, um die Prozesse in unserem Verantwortungsbereich so gut zu strukturieren, wie nur möglich", sagte ADD-Präsident Thomas Linnertz einer Mitteilung zufolge. Als Mittelbehörde zwischen Land und Kommunen unterstützt die ADD beim Wiederaufbau der Infrastruktur.

Im Interview mit den ARD-"Tagesthemen" sagte Ministerpräsidentin Dreyer am Mittwochabend (13. Juli 2022), sie sehe keine Veranlassung, sich im Namen der Landesregierung zu entschuldigen. "Das Ausmaß dieser Katastrophe konnte so niemand voraussehen." Zudem sei der Katastrophenschutz in Rheinland-Pfalz kommunal verortet. "Wir müssen der Frage nachgehen, warum der Katastrophenschutz nicht funktioniert hat, und was müssen wir vor allem tun für die Zukunft", so Dreyer.

Bundeskanzler Olaf Scholz als Gast ohne Redebeitrag erwartet

Bei der zentralen Gedenkveranstaltung des Ahrtals in Bad Neuenahr-Ahrweiler am Abend (17.30 Uhr) wird Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) als Gast ohne Redebeitrag erwartet. Im Kurpark der stark flutgeschädigten Kreisstadt können sich bei dem öffentlichen Gedenken bis zu 2000 Menschen versammeln. Die Erinnerung an die Opfer soll laut der Landesregierung verbunden werden mit einem "sichtbaren Signal für den Zusammenhalt und den gemeinsamen Aufbruch".

Das Programm wird vom SWR im Fernsehen und als Livestream im Internet übertragen. Geplant sind Ansprachen von Ministerpräsidentin Dreyer, der parteilosen Ahrweiler-Landrätin Cornelia Weigand und dem Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler, Guido Orthen (CDU). Auch Worte von vier Flutopfern stehen auf dem Programm.

Auch in Belgien wird 39 verstorbenen Flutopfern gedacht

Auch Deutschlands westlicher Nachbar Belgien erinnerte an die Flut. König Philippe und Königin Mathilde trafen am Donnerstag (14. Juli 2022) in der wallonischen Stadt Limburg auf geschädigte Geschäftsleute, Vertreter der Rettungsdienste und der Behörden, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtete. In der Stadt war Belga zufolge vor einem Jahr jedes dritte Haus überschwemmt. Insgesamt starben bei den Unwettern im Juli 2021 in Belgien 39 Menschen.