Für alle Menschen in den Krisenregionen bedeutet die Hochwasser-Katastrophe großes Leid und schwer zu verarbeitende Erlebnisse. Besonders schlimm waren die Ereignisse jedoch für die Jüngeren: Viele Kinder und Jugendliche haben nach den traumatischen Erlebnissen mit Problemen wie Schlafstörungen zu kämpfen. Wie sich ein solches Trauma äußert und was dagegen unternommen werden kann, erfährst du hier. 

Schreckensnacht und große Verluste erlebt: Flut "hoch traumatisierend für Kinder"

Die Flut und alle damit verbundenen Erlebnisse seien "hoch traumatisierend" für die Kinder, sagte der Landesvorsitzende des Kinderschutzbunds, Christian Zainhofer: "Die Kinder waren vor Ort, als die Flut völlig unvorbereitet in der Nacht kam",  "Sie haben Angehörige verloren, die Panik der Schreckensnacht am eigenen Leib erlebt und spüren Tag für Tag die Verzweiflung der Eltern."

Auch für Eltern schwere Situation - doch Familienkontakt ist jetzt besonders wichtig 

Die Situation ist aber auch für ihre Eltern sehr schwierig. Sie stehen vor den Trümmern ihrer Existenz, sind selbst psychisch schwer getroffen und haben unendlich viel zu tun. Kinder seien dabei oft eher im Weg. Viele Eltern versuchten daher, ihre Kinder bei Freunden oder Verwandten außerhalb des Katastrophengebiets unterzubringen.

Die Kinder ganz aus den Familien zu nehmen und beispielsweise auf eine Freizeit zu schicken, ist Zainhofer zufolge jetzt aber keine gute Idee: "Traumatisierte Kinder brauchen ihre Eltern." Der Kontakt zu Mutter, Vater oder anderen Familienangehörigen sei in dieser Situation wichtig.

Angebote vor Ort entscheidend: "Kinder brauchen Schutzräume, in denen sie Sicherheit erleben können"

Nach einer akuten Traumatisierung ist es "das Wichtigste, dass Kinder zur Ruhe kommen können und Sicherheit erleben", sagt Psychotherapeutin Hannah Richter von der Traumaambulanz für Kinder und Jugendliche des Universitätsklinikums Köln.  Dazu gehörten auch Alltagsroutinen.

Wichtig sei es außerdem, Zeiten außerhalb des zerstörten Katastrophengebiets zu erleben, in denen Normalität spürbar ist: "Die Kinder brauchen Schutzräume, in denen sie Sicherheit erleben können." Angebote vor Ort - auch beispielsweise Kitas oder Familienbildungsstätten - seien daher jetzt besonders  wichtig. 

Von diesen gibt es glücklicherweise ein paar: Inmitten des stark zerstörten Bad Neuenahr-Ahrweiler ist das "Familiennest" der katholischen Familienbildungsstätte erhalten geblieben. "Wir haben dort nur kleine Räume, aber Spielzeug und alles, was Kinder brauchen und möchten dort so schnell wie möglich eine Anlaufstelle für Familien einrichten", sagt die Leiterin der Familienbildungsstätte, Christine Kläser.

Etwa zwei Kilometer von der Stadt entfernt hat die Einrichtung einen Familien-Treff im Pfarrsaal von Karweiler aufgebaut - mit extra Shuttlebussen für Familien.

Schlafstörungen, Ängstlichkeit: Das sind typische Trauma-Symptome

Die Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer, Sabine Maur, beschreibt typische Symptome, an denen sich ein Trauma bei Kindern zeigen kann. Beispielsweise schlafen die Kinder schlecht, haben Ängste und wollen nicht mehr alleine sein und klammern sich an ihre Eltern. 

Manche Kinder fallen Maur zufolge auch in den "Kleinkindermodus" zurück: "Sie nässen ein, nutzen Babysprache und sind plötzlich wieder ganz unselbstständig."

Dieses Verhalten sei eine Selbsthilfe, die aus dem Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit entspringt. Auch aggressive Verhaltensweisen seien als Symptome eines Traumas außerdem möglich.

Allein im Kreis Ahrweiler 16 000 Kinder und Jugendliche betroffen - "Grad der Traumatisierung ganz unterschiedlich"

Dem Statistischen Landesamt zufolge leben allein im Kreis Ahrweiler fast 16 000 Jungen und Mädchen. Der Grad der Traumatisierung der Kinder sei aber ganz unterschiedlich, sagt Christine Kläser, Leiterin der Familienbildungsstätte in Bad Neuenahr-Ahrweiler: "Manche haben alles verloren, und nur fünf Kilometer weiter sieht man nichts von der unfassbaren Katastrophe."

Damit auf die Corona-Zeit nicht noch eine Durststrecke folge, müsse sichergestellt sein, dass Kitas und Schulen wieder funktionierten, sagte Zainhofer, "damit es nach den Sommerferien weiter gehen kann".

Mallorca vs. Notunterkunft: Nach den Sommerferien prallen Welten aufeinander

Doch auch falls der Unterricht nach den Sommerferien wieder normal stattfinden kann, gibt es noch Potenzial für Konflikte und Probleme: "Nach den Sommerferien werden Kinder in einer Klasse sitzen, die auf Mallorca waren, und Kinder, die jetzt in einer Notunterkunft leben", sagt Pädagogin Kläser.

Das Aufeinanderprallen dieser Lebensrealitäten mache ihr Sorgen. Es sei wichtig, dass dann auch Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen im Unterricht dabei seien und die Lehrer*innen auf die besondere Situation vorbereitet würden. 

Hilfe und Angebote für Familien mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen gibt es zum Beispiel bei den Lebensberatungsstellen des Bistums Trier