Bei der Omikron-Sublinie BA.5, die unter anderem in Portugal die Corona-Fallzahlen steigen ließ, zeigt sich auch in Deutschland immer klarer ein Wachstum. Ihr Anteil in Stichproben verdoppelte sich zuletzt im Wochentakt - bisher aber noch auf recht niedrigem Niveau, so das Robert-Koch-Institut (RKI).

Vor allem steigende Corona-Zahlen in Portugal haben in Deutschland jüngst für Aufmerksamkeit in Sachen BA.5 gesorgt. Trotz der hohen Impfquote von 87 Prozent stiegen in dem beliebten Urlaubsland zuletzt auch die Zahl der Krankenhauspatienten und die Sterblichkeit im Zusammenhang mit Covid-19. Corona-Beschränkungen gibt es in dem Land mit gut zehn Millionen Einwohnern kaum noch.

Sommerwelle: "Ich denke, BA.4/BA.5 werden sich auch hier durchsetzen"

Wo steht Deutschland im Vergleich zu Portugal? Bei den Virusvarianten wird hier unverändert noch mehrheitlich die Omikron-Sublinie BA.2 gefunden, mit klar über 90 Prozent. Zuvor hatten sich in der Omikron-Welle viele Menschen mit BA.1 angesteckt. Bei den Krankenhaus-Zahlen berichtet das RKI weiter von Rückgängen. BA.4 und BA.5 sind grundsätzlich schon seit einigen Wochen bekannt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft beide als Teil von Omikron als "besorgniserregend" ein. Der Anteil von BA.4 wächst hierzulande ebenfalls, bisher aber nur leicht und im Bereich von unter einem Prozent.

Die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt schrieb kürzlich auf Twitter über die erstmals in Südafrika beschriebenen Subvarianten: «Ich denke, BA.4/BA.5 werden sich auch hier durchsetzen.» Nach ersten Erkenntnissen entkämen sie durch Erbgutveränderungen noch stärker den Antikörpern von Geimpften und Genesenen. Erste Daten von Menschen, die mit BA.1 infiziert waren, ließen keinen sicheren Schutz vor Infektion mit den beiden anderen Subtypen erwarten. Ansteckungen drohten insbesondere dann, wenn die vorige Infektion oder Impfung schon länger zurückliege.

Bisher gebe es keine Beweise, dass sich die Krankheitsschwere mit den beiden Subtypen wesentlich verändert hat, schrieb Ciesek. Dies müsse man weiter beobachten. In Hinblick auf die seit einiger Zeit laufende Anpassung von Corona-Impfstoffen an Omikron hielt sie fest: «Leider wird einem auch bewusst, dass wir mit einem BA.1 angepassten Impfstoff wohl wieder hinterherlaufen werden. Hier müssten wir besser und schneller werden.» Die bisher verfügbaren Impfstoffe sind noch auf das Virus von 2020 ausgerichtet. Veränderte Eigenschaften seitdem durch Mutationen hatten auch Experten überrascht.

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Lauterbach äußert sich auf Twitter zurückhaltend

Ungewohnt zurückhaltend äußerte sich Bundesgesundheitsminister Lauterbach auf Twitter: "Es könnte tatsächlich eine Sommerwelle geben. Sicher ist das noch nicht. Trotzdem ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, die Vorbereitungen für den Herbst zu treffen. Dies hat auch bereits begonnen. Ein Herbst wie vor der Pandemie ist noch nicht realistisch."

„Wir müssen auf Virusvarianten vorbereitet sein“, sagte Lauterbach auf einer Pressekonferenz Mitte Mai. Zudem soll ein neues Infektionsschutzgesetz auf den Weg gebracht werden. Die Ministerpräsidenten der Länder und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatten am Donnerstag verabredet, frühzeitige Vorkehrungen für eine kritischere Corona-Lage im Herbst zu treffen. Scholz sagte im Anschluss, alle Handlungsmöglichkeiten, die gebraucht würden, sollten zur Verfügung stehen - flächendeckende Schließungen von Schulen und Kitas solle es aber nicht mehr geben.

Die Länder-Gesundheitsminister hatten einstimmig einen möglichen Katalog etwa mit Maskenpflichten in Innenräumen und Zugangsregeln wie 2G und 3G (Zugang nur für Geimpfte, Genesene oder Getestete) zusammengestellt. Falls tatsächlich eine Sommerwelle Deutschland erfassen sollte, könnten die Bundesländer sich zu Hotspots erklären, um Corona-Maßnahmen durchzusetzen. Der Epidemiologe Hajo Zeeb geht davon aus, dass die Infektionszahlen bereits in den nächsten Wochen steigen werden - nicht erst im Herbst. Das Ausmaß der Welle sei aber noch nicht abzusehen.

Wer die BA.5-Welle stoppen will, muss mehr impfen

Wer Wellen durch BA.4 und BA.5 stoppen wolle, müsse mehr impfen - auch Genesene, hatte der südafrikanische Experte Tulio de Olivera vor einigen Wochen gewittert. Bei sogenannter hybrider Immunität - gemeint ist die Kombination aus Infektion und Impfung - komme es den dortigen Erfahrungen zufolge seltener zu Durchbruchinfektionen.

Die Entwicklung in Deutschland gemäß dem RKI im Detail: Machte BA.5 Ende April noch 0,6 Prozent der auf Varianten untersuchten positiven Proben aus, so waren es in den Folgewochen 1,2 und 2,5 Prozent. Der aktuellste verfügbare Wert für vorvergangene Woche liegt bereits bei 5,2 Prozent. Sollte sich der Trend fortgesetzt haben, wäre aktuell von einem noch höheren Anteil auszugehen.

Darüber hinaus scheint laut Bericht der stetige Rückgang der bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz gestoppt zu sein. In der Woche bis zum 29. Mai sei die Kennzahl zwar im Vergleich zur Vorwoche weiter um 37 Prozent gesunken, schreiben die Fachleute. In der aktuellen Woche stagniere der Inzidenzrückgang jedoch. Das RKI ruft weiter dazu auf, Empfehlungen zum Vermeiden von Ansteckungen einzuhalten. Insbesondere an Risikogruppen und Menschen ab 70 appelliert es erneut, sich mit einem zweiten Booster vor einer schweren Erkrankung zu schützen.

Lauterbach im ZDF: Entwicklung neuer Impfstoffe verzögert sich

Bundesgesundheitsminister Lauterbach sagte im ZDF: "In der Tat verzögert sich die Entwicklung neuer Impfstoffe im Moment etwas, weil die Hersteller dann doch mehr Probleme haben, die Daten zu generieren, die notwendig sind. Wir sind auf jeden Fall bei mehreren Herstellern gebucht, sodass ich sicher bin, dass wir allen einen guten Impfstoff anbieten können." Er rechne in den nächsten Wochen damit.

Lauterbach zeigte sich zuversichtlich, den Koalitionspartner FDP von einer Verlängerung des Infektionsschutzgesetzes und der Maskenpflicht überzeugen zu können. Mit Blick auf eine möglicherweise wieder kritischere Corona-Situation im Herbst sagte der SPD-Politiker im ZDF-«heute journal», Deutschland werde «auf jeden Fall über den 23.9. hinweg ein Infektionsschutzgesetz haben, was uns die Vorbereitungen gibt, die wir brauchen». Am 23. September läuft die bisherige Rechtsgrundlage für die Schutzmaßnahmen aus. Mit Blick auf die Maskenpflicht und die FDP fügte Lauterbach hinzu: «Ich glaube, dass wir da übereinkommen.»

 

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