Update vom 17.11.2022, 21 Uhr: Bohrende Fragen und heikle Details

Der Fall des jahrelang eingesperrten und von der Außenwelt isolierten Mädchens im sauerländischen Attendorn hat im nordrhein-westfälischen Landtag parteiübergreifend Entsetzen ausgelöst. Zugleich wurden am Donnerstag kritische Fragen in Richtung des zuständigen Jugendamts laut. Abgeordnete wollten wissen, wieso es der Mutter des Kindes gelingen konnte, mit der bloßen Behauptung, ins Ausland verzogen zu sein, jahrelang unbehelligt zu bleiben.

Nach dpa-Informationen hatte die Krankenkasse dem Jugendamt des Kreises Olpe auf Anfrage im Oktober 2020 mitgeteilt, dass die Mutter - die mit ihrer Tochter angeblich 2015 nach Italien gezogen war - weiterhin Beiträge in Deutschland zahlt.

Zudem hatte das Jugendamt bereits im Herbst 2020 einen mysteriösen Brief erhalten, der auf das heute achtjährige Kind hinwies: Der Text war aus ausgeschnittenen Buchstaben zusammengesetzt und aus Sicht des Mädchens geschrieben. Sechs Wochen später folgte laut den bisherigen Ermittlungen ein zweiter anonymer Brief, diesmal angeblich von Freunden, Bekannten und Nachbarn verfasst. Im Herbst 2021 gab es eine weitere Meldung beim Jugendamt mit konkreten Hinweisen.

Erstmals wurde nach dpa-Informationen nun die Polizei vom Amt informiert. Die Mitarbeiterin berichtete demnach der Polizei von einem "ominösen" Hinweis auf ein gefangenes Mädchen - und fragte, ob man das Haus durchsuchen könne. Die Polizei fragte im Gegenzug, ob das Jugendamt denn schon selbst vor Ort gewesen sei. Antwort: Nein. Die Polizei bat das Jugendamt, erst mal selbst zu recherchieren. Danach habe sich das Amt - so die Polizei - lange Zeit nicht mehr gemeldet. 

Viel zu lange nichts getan: Jugendamt reichlich spät

Tatsächlich schauten nach Aktenlage am 15. Oktober 2021 zwei Mitarbeiter unangekündigt bei der besagten Adresse vorbei. Die Großmutter und der Großvater des Mädchens, die offiziell dort wohnten, öffneten die Tür, ließen das Jugendamt aber nicht herein. Tochter und Enkelin seien nicht da. Die Mitarbeiter zogen wieder ab.

Erst im Juni 2022, fast zwei Jahre nach dem ersten Brief, kam Bewegung in den Fall: Ein Ehepaar meldete sich beim Jugendamt, das über Umwege von dem Mädchen erfahren hatte und konkrete Hinweise gab. Das Jugendamt fragte nun in Italien nach, ob das Mädchen mit der Mutter wirklich dort lebt. Acht Wochen später die Antwort: Nein.

Erst jetzt kontaktierte das Jugendamt laut den Ermittlungen wieder die Polizei. Die rief mehrere Zeugen an, fuhr an der Adresse vorbei, durfte nicht rein - und stürmte das Haus wenige Tage später mit richterlichem Beschluss. Das war am 23. September.

Ermittlungen gegen Mutter, Großeltern und Jugendamt laufen

Die Achtjährige schlief da mit ihrer Mutter in einem gemeinsamen Zimmer. Sie wirkte laut den Ermittlern normal, ordentlich angezogen und konnte sich gut ausdrücken. Das Treppensteigen fiel ihr schwer. Die Ermittler gehen nach früheren Angaben davon aus, dass die Achtjährige fast ihr gesamtes Leben, rund sieben Jahre lang, das Haus nicht verlassen durfte.

Ermittelt wird nicht nur gegen die Mutter und die Großeltern. Auch das Jugendamt ist im Visier der Staatsanwaltschaft - wegen des Anfangsverdachts der Freiheitsberaubung und Körperverletzung im Amt durch Unterlassen. Bereits eine Woche nach der Befreiung des Mädchens hatte die Staatsanwaltschaft beim Jugendamt bereits Akten beschlagnahmt, wurde am Donnerstag bekannt.  

Wieso habe das Jugendamt die Behauptung der Mutter, nach Italien weggezogen zu sein, nicht früher überprüft, sondern erst nach dem Eingang mehrerer anonymer Hinweise, will ein Abgeordneter wissen. Wie könne es sein, dass die Mutter trotz Sorgerechts auch des Vaters einfach mit dem Kind das Land verlasse und es das Jugendamt nicht interessiere, fragt ein anderer Abgeordneter.

Politik schaltet sich ein: Was hätte anders laufen können?

Wie könne es sein, dass Polizei und Jugendamtsmitarbeiter vor dem Haus standen, in dem das Kind gefangen gehalten wurde, aber unverrichteter Dinge wieder abzogen, fragt eine weitere Abgeordnete. Sie stelle sich diese Fragen auch, sei aber nicht die Ermittlungsbehörde, sagte NRW-Familienministerin Josefine Paul (Grüne). "Was in diesem Fall hätte anders laufen können und müssen, ist noch Gegenstand der Ermittlungen."

Sie selbst habe aus den Medien von dem Fall erfahren. Für die SPD-Fraktion steht eine Konsequenz bereits fest: "Die Jugendämter benötigen eine Fachaufsicht." Das Kreisjugendamt hat inzwischen Defizite eingeräumt: Die Verfahrensstandards zum Kinderschutz seien "nicht in Gänze eingehalten worden", heißt es in einem Bericht an die Abgeordneten, der vor zwei Tagen veröffentlicht wurde. Künftig soll jeder Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung dem Vier-Augen-Prinzip unterliegen.

Update vom 17.11.2022, 7 Uhr: "Mysteriöse Briefe" gaben wohl schon früh Hinweise

Im Fall eines jahrelang gefangengehaltenen Mädchens in Attendorn (Sauerland) hat das Jugendamt nach dpa-Informationen im Herbst 2020 erstmals einen mysteriösen Brief erhalten, der auf das heute achtjährige Kind hinwies: Der Text war aus ausgeschnittenen Buchstaben zusammengesetzt und aus Sicht des Mädchens geschrieben. Es folgten weitere anonyme Schreiben, aber erst zwei Jahre später wurde das Kind befreit.

Der zuständige Kreis Olpe hatte vor wenigen Tagen bereits Defizite im Zusammenhang mit dem Fall eingeräumt. Interne Unterlagen der Ermittler verdeutlichen nach dpa-Informationen, was damit gemeint war: So folgte sechs Wochen nach dem ersten Brief ein zweiter. Im Herbst 2021 gab es eine weitere Meldung beim Jugendamt mit konkreten Hinweisen. Erstmals wurde nach dpa-Informationen nun die Polizei vom Amt informiert. Die fühlte sich noch nicht zuständig und hörte danach nichts mehr vom Jugendamt.

Erst fast zwei Jahre nach dem ersten Brief kam durch den Hinweis eines Ehepaars erneut Bewegung in den Fall. Die italienischen Behörden teilten auf Nachfrage mit, dass Mutter und Tochter dort nicht leben - obwohl sie angeblich 2015 ausgewandert waren. Das Jugendamt kontaktierte die Polizei erneut, zehn Tage später wurde die Achtjährige Ende September befreit.

Ermittelt wird inzwischen gegen die Mutter und die Großeltern. Aber auch das Jugendamt ist im Visier der Staatsanwaltschaft - wegen des Anfangsverdachts der Freiheitsberaubung und Körperverletzung im Amt durch Unterlassen. Nach dpa-Informationen wurden Akten im Amt beschlagnahmt. An diesem Donnerstag beschäftigt sich der Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags mit dem Fall.

Update vom 15.11.2022, 21.30 Uhr: Jugendamt ebenfalls Teil der Ermittlungen

Im Fall des jahrelang isolierten und eingesperrten Mädchens im sauerländischen Attendorn hat das Kreisjugendamt erstmals Defizite eingeräumt. Die bereits 2003 erarbeiteten fachlichen Verfahrensstandards zum Kinderschutz seien "nicht in Gänze eingehalten worden", heißt es in einem am Dienstag (15. November 2022) veröffentlichten Bericht von NRW-Familienministerin Josefine Paul (Grüne).

Das Jugendamt beabsichtige, seine organisatorischen Strukturen zu überprüfen und sich dabei vom Landesjugendamt beraten zu lassen. Es werde daran gearbeitet, die internen Verfahrensstandards zu verbessern. So soll jeder Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung künftig dem Vier-Augen-Prinzip unterliegen.

Fachbereichsleiter Michael Färber erläuterte auf dpa-Anfrage, es seien vor allem Dokumentationsdefizite festgestellt worden. "Das ist nicht sauber dokumentiert worden", sagte er. So sei bei jedem Hinweis auf Kindeswohlgefährdung ein Meldebogen anzulegen.

Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen das Jugendamt des Kreises Olpe sei abzuwarten, heißt es im Bericht der Landesregierung weiter. Für die Umsetzung des Landeskinderschutzgesetzes NRW sei der Stellenplan des Kreises Olpe 2022 um sechs zusätzliche Stellen erweitert worden. Die Besetzung der Stellen im Bezirkssozialdienst sei zum 01.01.2023 geplant.

Fast sein gesamtes Leben lang, beinahe sieben Jahre, soll das Mädchen von seiner Mutter und seinen Großeltern in deren Haus festgehalten worden sein. Vor zwei Jahren und vor einem Jahr waren dann beim Jugendamt im Kreis Olpe zwei anonyme Hinweise eingegangen. Am 23. September 2022 wurde die Achtjährige befreit.

Gegen die Mutter des Kindes und die Großeltern ermittelt die Staatsanwaltschaft in Siegen wegen Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Sie geht davon aus, dass sie dem Mädchen fast sieben Jahre lang nicht ermöglicht hatten, "am Leben teilzunehmen" - nicht an Kita, Schule oder am Spiel mit anderen Kindern.

Die Ermittlungen erstrecken sich laut Staatsanwaltschaft aber auch auf das Jugendamt. Landrat Theo Melcher hatte bereits angekündigt, "verfahrensbezogene Vorgänge im eigenen Haus" würden geprüft.

Update vom 09.11.2022, 7.30 Uhr: Viele Fragen sind offen - Wie geht es dem Mädchen wirklich?

Bei dem mutmaßlich fast sein gesamtes Leben lang eingesperrten achtjährigen Mädchen aus dem Sauerland ist nach Einschätzung eines Kinderarztes mit gesundheitlichen Folgen zu rechnen. "Da ist eine große Palette an körperlichen und psychiatrischen Erkrankungen oder Problemen möglich", sagte Kinder- und Jugendarzt Axel Gerschlauer der Deutschen Presse-Agentur. Es müsse ein genaues Augenmerk auf Sprachentwicklung, Sozialverhalten und die motorische Entwicklung gelegt werden.

"Wie ist sie ernährt worden, wenn sie wirklich nur im Haus war und kein Sonnenlicht abbekommen hat", sagte Gerschlauer, Landespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in NRW. "Wie sind die Knochen entwickelt, weil man braucht Sonnenlicht für eine gesunde Knochenentwicklung." Sonst könne es zu schwachen Knochen oder gar einer Knochenfehlbildung kommen, die nicht ohne Weiteres rückgängig gemacht werden könne.

Ferndiagnose unzuverlässig: Ärzte können nur Vermutungen anstellen

Gerschlauer fügte auch hinzu, dass eine seriöse Aussage über den körperlichen und psychischen Zustand des Kindes ohne Untersuchung aus der Ferne nicht möglich sei. "Wir wissen nicht, wie die individuelle Reaktion dieses Kindes auf diese unnatürliche Situation aussieht."

Das Mädchen soll in einem Haus der Großeltern in Attendorn fast sieben Jahre lang festgehalten worden sein und nur Kontakt zu seiner Mutter und den Großeltern gehabt haben. Gegen die drei ermittelt die Staatsanwaltschaft in Siegen wegen Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Laut Staatsanwaltschaft war es dem Mädchen nicht ermöglicht worden, "am Leben teilzunehmen" - nicht an Kita, Schule oder am Spiel mit anderen Kindern. Hinweise auf körperliche Misshandlung oder Unterernährung gab es zunächst nicht.

"Zum gesunden Aufwachsen brauchen Kinder den Kontakt zu anderen Kindern, das ist unbestritten", sagte Gerschlauer. Wer das in Frage stellen sollte, sei durch die Corona-Pandemie eines Besseren belehrt worden. "Da haben wir schon gesehen, wie viel Zunahme an psychologischen Problemen, an psychiatrischen Erkrankungen nur so ein Schul-Lockdown gemacht hat und wie unglaublich wichtig das in dieser Entwicklungszeit ist", sagte der Kinder- und Jugendarzt.

Problematisch: Kein Kontakt zu Gleichaltrigen kann zu Entwicklungsstörungen führen

Auch der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Ralph Schliewenz hob die Bedeutung des Kontakts unter Gleichaltrigen hervor. "Sich zu messen, sich zu vergleichen, quasi auf Augenhöhe zu wachsen", sagte er, sei sehr wichtig für die Entwicklung und das Vorankommen unter Gleichaltrigen. "Ich kann mir aber nicht erlauben zu beurteilen, auf welchem Entwicklungsstand dieses Kind sich gerade befindet." Es sei nicht ausgeschlossen, dass es einen Entwicklungsbereich gebe, in dem es völlig angemessen entwickelt sei. "Ich gehe aber davon aus, dass es in seiner Entwicklung in verschiedenen Facetten beeinträchtigt sein wird."

Als Beispiel für ein mögliches Problem nannte er emotionale Vernachlässigung. Sie wirke sich so aus, dass betroffene Kinder keine angemessene Form von Emotionsregulation vermittelt bekommen. "Und Gefühle, die nicht reguliert werden können, die machen uns aggressiv." Aggressivität wiederum, mit der man nicht gelernt habe umzugehen, könne schnell in Gewalt umschlagen - gegen andere und gegen sich selbst.

Der Psychologe ist allerdings optimistisch: Solche Beeinträchtigungen seien keine lebenslangen Diagnosen, "da gibt es auch gute therapeutische Ansätze, Dinge zu verändern", sagte er. Laut Jugendamt ist das Kind seit dem 23. September bei einer Pflegefamilie untergebracht. (mem/dpa)

Update vom 08.11.2022, 21.20 Uhr: Nach Befreiung aus Isolation - So geht es nun weiter

Fast ihr gesamtes bisheriges Leben hat eine Achtjährige wohl in einem Haus im sauerländischen Attendorn verbringen müssen. Seit einigen Wochen ist ihr Leben auf den Kopf gestellt: Ihre bisher womöglich einzigen sozialen Kontakte dürfen sie nach ihrer Rettung vorerst nicht mehr sehen - schließlich waren es die Angehörigen, die für ihre Isolation verantwortlich sein sollen. Die Mutter und die Großeltern dürften derzeit keinen Kontakt zu dem bei einer Pflegefamilie untergebrachten Kind haben, sagte der Fachbereichsleiter des Jugendamts im Kreis Olpe, Michael Färber, am Dienstag. Es gebe aber Überlegungen, wie man in der Sache weiter verfahre. Im Mittelpunkt stehe die Frage: "Was will das Kind?"

Keine Polizei-Absperrbänder, kein Presserummel - am Dienstag erinnert vor dem unscheinbaren Haus nahe des Zentrums der 25.000-Einwohner-Stadt nichts daran, dass sich dort über Jahre hinweg Furchtbares abgespielt haben soll. Beinahe sieben Jahre soll das Mädchen dort von seiner Mutter und seinen Großeltern festgehalten worden sein. Davon geht zumindest die Staatsanwaltschaft Siegen aus, die gegen die drei wegen des Verdachts der Freiheitsberaubung und der Misshandlung von Schutzbefohlenen ermittelt. Im September wurde die Achtjährige befreit. Der Fall wurde Anfang November durch einen Bericht des Sauerlandkuriers öffentlich.

Dass das Mädchen das Haus jahrelang nicht verlassen haben dürfte, schließen die Ermittler aus seinem Verhalten nach seiner Rettung, wie Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss erklärte. Es sei offenbar sehr beeindruckt von der Außenwelt gewesen, etwa vom Garten, einem Baum, einer Wiese. "Das deutet für uns darauf hin, dass das Kind diese Eindrücke erstmalig erlebt hat", sagte er. Die Achtjährige habe aber einen aufgeweckten Eindruck gemacht. Sie könne sprechen und scheine auch Kenntnisse im Lesen und Schreiben zu haben. "Wir gehen davon aus, dass sie sich im Haus weitgehend frei bewegen durfte", sagte von Grotthuss. Hinweise auf körperliche Gewalt oder sexuellen Missbrauch haben die Ermittler nicht.

Bei der Rettung fielen aber Probleme beim Treppensteigen und im Bewegungsapparat auf. Woran das liegt, müsse noch geklärt werden, sagte von Grotthuss. Die 46-jährige Mutter, die 76-jährige Großmutter und der 80-jährige Großvater haben sich noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Das Kind werde befragt, wenn es sein Zustand erlaube, sagte von Grotthuss. "Wir müssen uns behutsam rantasten und schauen, was wir dem Kind wann zumuten können."

"Ich bin geschockt, ich habe selber zwei Kinder", sagte eine junge Mutter am Dienstag wenige Meter vom mutmaßlichen Tatort entfernt. "Das ist schon heftig, man hört das ja nur im Fernsehen oder in Filmen. Und dann passiert es hier in Attendorn, ausgerechnet." Ein Attendorner sagte: "Man macht sich schon Gedanken, wie das über so lange Zeit nicht entdeckt werden konnte."

Eine Frage, die auch den Bürgermeister von Attendorn, Christian Pospischil, umtreibt. In der Stadt habe anfangs Entsetzen geherrscht, die Betroffenheit sei noch immer groß. Auch er frage sich: "Ist das niemandem aufgefallen?" Er gab aber zu Bedenken, dass letztendlich Hinweise zur Befreiung geführt hätten. "Insofern glaube ich schon, dass da in gewissem Maße die soziale Kontrolle funktioniert hat." Die Familie habe in dem Ort "nicht besonders zurückgezogen, aber auch nicht besonders prominent" gelebt.

Kind in Attendorn eingesperrt: Auch Rolle des Jugendamts wird hinterfragt

Seit Oktober 2020 seien einzelne anonyme Meldungen - per Brief und einmal telefonisch - eingegangen, wonach sich die Mutter in dem Haus aufhalte, sagte Michael Färber vom Jugendamt. Die Frau hatte sich im Sommer 2015 aus Attendorn abgemeldet und für sie und ihre Tochter einen neuen Wohnort in Italien angegeben. Laut Jugendamt konnten Vorwürfe einer möglichen Kindeswohlgefährdung anhand der Hinweise aber nicht konkretisiert werden. Entscheidend aktiv wurden die Behörden erst nach einem Hinweis eines Ehepaars vom Juli 2022.

Um eine Überprüfung des Vorgehens des Jugendamts komme man nicht umhin, sagte Oberstaatsanwalt von Grotthuss. Es könne in Richtung Körperverletzung durch Unterlassen gehen. Attendorns Bürgermeister Pospischil sagte, manche müssten sicher ihre eigene Rolle hinterfragen. Es dürften aber keine konkreten Vorwürfe erhoben werden, bevor nicht alles hinterleuchtet sei, mahnte er.

"Man kann nur hoffen, dass das Kind in irgendeiner Weise wieder einholen kann, was es verpasst hat", sagte ein Attendorner am Dienstag. Michael Färber vom Jugendamt betonte, das Kind sei jetzt in guten Händen. Es sei bei einer Pflegefamilie untergebracht, werde psychologisch betreut. Man habe großes Interesse, das Kind jetzt zu schützen - auch vor der Öffentlichkeit, sagte Färber.

Update vom 07.11.2022, 20.10 Uhr: Kind jahrelang eingesperrt - Entsetzen und viele offene Fragen

Nie mit einem anderen Kind gespielt, nie eine Wiese gespürt, nie eine Kita betreten oder einen Klassenraum gesehen. Kaum vorstellbar bei einem achtjährigen Mädchen. Der drastische Fall im ländlichen Attendorn erschreckt und wirft viele Fragen auf. Fast sein gesamtes Leben lang, beinahe sieben Jahre, ist das Kind mutmaßlich von seiner Mutter und seinen Großeltern in deren Haus festgehalten worden.

Unfassbar lange hat niemand etwas bemerkt oder gemeldet. Vor zwei Jahren und vor einem Jahr gingen dann beim Jugendamt im Kreis Olpe zwei anonyme Hinweise ein. Trotzdem: Erst am 23. September 2022 wurde die Achtjährige befreit. Über den Aufsehen erregenden Fall hatte am Wochenende zuerst der Sauerlandkurier berichtet.

Seitdem ist das Entsetzen groß. Der Fachbereichsleiter des Jugendamts, Michael Färber, sagte am Montag auf dpa-Anfrage, man sei den beiden anonymen Hinweisen sofort nachgegangen. "Aber es gab keine stichhaltigen Hinweise oder konkreten Anhaltspunkte, dass sich das Mädchen dort aufhielt." Man habe daher keine rechtliche Möglichkeit gehabt, das Haus zu betreten - das sei auch die damalige Einschätzung der Polizei gewesen. "Wir haben keine Anzeichen gefunden, die bestätigt hätten, dass das Kind und seine Mutter bei den Großeltern in Attendorn leben."

Mutter und Großeltern schweigen zum Martyrium

Gegen die Mutter des Kindes und die Großeltern ermittelt die Staatsanwaltschaft in Siegen wegen Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Sie geht davon aus, dass sie dem Mädchen fast sieben Jahre lang nicht ermöglicht hatten, "am Leben teilzunehmen" - nicht an Kita, Schule oder am Spiel mit anderen Kindern. Die Ermittlungen laufen, sagte Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss. Die Hintergründe seien noch unklar. Mutter und Großeltern schweigen bisher, Zeugen wurden weiter befragt.

Die Ermittlungen erstrecken sich laut Staatsanwaltschaft aber auch auf das Jugendamt. "Wir müssen auch beleuchten, ob das Jugendamt alles Notwendige getan hat, um den Fall aufzudecken", erläuterte der Oberstaatsanwalt. Es stelle sich "zwangsläufig die Frage, ob das Kind nicht früher hätte gefunden werden können". Normalerweise wisse man auf dem Dorf schnell, wer bei den Nachbarn ein und aus gehe. Es sei erstaunlich, dass das Kind so viele Jahre nicht gesehen worden sei - und zugleich ein Hinweis darauf, dass die Beschuldigten "sehr geheim und sehr sorgfältig" vorgegangen seien. Die Motivlage sei offen.

Das Einfamilienhaus in dem beschaulichen Ort wirkt jedenfalls unauffällig. Geranien vor den Fenstern. Kein nennenswertes Grün. Der hintere Teil kaum einsehbar. Definitiv kein Hinweis auf ein Kind, kein Spielzeug, keine bunten Fensterbildchen. Nach Darstellung des Kreises Olpe konnten nach den anonymen Hinweisen "Vorwürfe einer möglichen Kindeswohlgefährdung nicht konkretisiert werden". Es habe keine Beweise dafür gegeben, dass das Kind nicht in Italien lebe. Die Mutter hatte sich im Sommer 2015 aus Attendorn abgemeldet und als neuen Wohnort für sie und ihre Tochter eine Adresse in Italien angegeben.

Spurensuche in Attendorn: Wollte Mutter ihre Tochter abschotten?

Offenbar habe die Mutter vermeiden wollen, dass ihre Tochter Umgang mit ihrem - getrennt von den beiden lebenden - Vater hat, schilderte Färber vom Jugendamt. Der habe sich ans Familiengericht gewandt, das dann 2016 das Sorgerecht für beide Elternteile bekräftigte. Beim Gerichtsentscheid sei als Wohnort von Mutter und Tochter eine italienische Adresse angegeben gewesen, unterstrich Färber.

Erst in diesem Sommer gab es eine Bewegung, die im September zur Befreiung des Kindes führte. Nach Darstellung des Kreises Olpe hatte im Juli ein Ehepaar, das keine direkte Verbindung zur Familie hatte, Hinweise von Freunden weitergegeben, die sicher seien, das Kind werde im Haus der Großeltern gefangen gehalten. Dann sei es zügig gegangen: Man habe am 14. Juli das Bundesamt für Justiz eingeschaltet, dieses wiederum die Behörden in Italien. Am 12. September kam dann die verblüffende Mail ans Jugendamt: Die Mutter wohnte nie in Italien. Man habe am nächsten Tag die Polizei alarmiert. Am 23. September kam das Kind nach einer Hausdurchsuchung frei. Landrat Theo Melcher kündigte an, "verfahrensbezogene Vorgänge im eigenen Haus" würden geprüft.

Kinderschutzbund: Grundbedürfnisse wurden missachtet

Wie kann es einem Kind gehen, dass in den ersten, prägenden Lebensjahren eingesperrt in vier Wänden lebte, nur Umgang mit drei Erwachsenen hatte? Hinweise auf eine körperliche Misshandlung oder Unterernährung gab es bei seiner Befreiung nicht. "Für das Kind steht jetzt die Welt kopf. Es wird sich fühlen wie auf einem anderen Planeten", meint Nicole Vergin vom Kinderschutzbund NRW. Grundbedürfnisse des Mädchens und grundlegende Kinderrechte auf Bildung, Spielen oder soziale Kontakte seien missachtet worden. Das werde Auswirkungen auf die mentale, psychische und motorische Entwicklung haben. Das Kind ist in einer Pflegefamilie untergebracht.

Das Kind müsse zu allererst seelisch stabilisiert werden, mahnte Sozialpädagogin Sabine Müller-Kolodziej. Auch wenn die Beschuldigten zur Verantwortung gezogen werden müssten, solle dem Mädchen ein begleiteter Umgang mit ihnen weiter ermöglicht werden, um es nicht zu entwurzeln. Laut WDR kann die Achtjährige Lesen und Rechnen, hat aber Probleme bei Alltäglichem wie Treppensteigen. Der Sauerlandkurier schrieb, sie habe nie eine Wiese betreten oder einen Wald gesehen.

Auch der NRW-Landtag wird sich bald mit den Vorgängen befassen: Die SPD-Opposition will das Agieren der Behörden durchleuchten. Die Frage nach dem Vater des Mädchens wird gestellt: Eine Beziehung bestand laut Kreis Olpe wohl schon vor der Geburt des Kindes nicht. Der Kinderschutzbund mahnt: Zentral sei nun vor allem die behutsame Begleitung des Mädchen auf dem Weg in ein normales Leben.

Update 07.11.2022, 7.45 Uhr: Eingesperrtes Mädchen habe noch nie Natur gesehen

Das achtjährige Mädchen, das mutmaßlich mindestens sieben Jahre in einem Haus im Sauerland festgehalten wurde, hat sich laut der Bild-Zeitung gegenüber der Polizei geäußert. Sie habe noch nie einen Wald oder eine Wiese gesehen. Angeblich berichtete die Tante des Kindes, dass Angehörige schon vor mehreren Jahren skeptisch gewesen seien, ob Mutter und Kind sich tatsächlich in Italien aufhielten. Immer wieder seien sie von den Großeltern abgewimmelt worden.

Der Vater des Kindes habe ebenfalls keine Ahnung gehabt, dass sich seine Tochter in seiner Nähe aufhielt. Angeblich habe er seit 2015 Unterhalt an seine Ex-Partnerin und Tochter gezahlt. Per Amtspost habe er erst kürzlich vom Aufenthalt seiner Tochter erfahren. Das Mädchen, das inzwischen in einer Pflegefamilie untergebracht sei, werde psychiatrisch betreut. Ihre Muskeln seien derzeit so schlecht entwickelt, dass sie alleine nicht in der Lage sei, Treppenstufen zu gehen.

Wie die Deutsche Presseagentur am Montag berichtet, hatte das Jugendamt bereits anonyme Hinweise erhalten. Vor zwei Jahren und vor einem Jahr seien zwei Hinweise eingegangen, sagte Fachbereichsleiter Michael Färber am Montag auf dpa-Anfrage. "Wir sind dem sofort nachgegangen, aber es gab keine stichhaltigen Hinweise oder konkreten Anhaltspunkte, dass sich das Mädchen dort aufhielt." Man habe daher keine rechtliche Möglichkeit gehabt, das Haus zu betreten - das sei auch die damalige Einschätzung der Polizei gewesen. Auch der WDR hatte über Hinweise an das Jugendamt berichtet.

Gegen die Mutter des Kindes und die Großeltern ermittelt die Staatsanwaltschaft in Siegen. Sie geht davon aus, dass diese dem Mädchen nicht ermöglicht hätten, "am Leben teilzunehmen" - nicht an Kita, Schule oder am Spiel mit anderen Kindern. Die Mutter hatte sich im Sommer 2015 aus Attendorn abgemeldet und als neuen Wohnort für sie und ihre Tochter eine Adresse in Italien angegeben, schilderte der Fachbereichsleiter im Kreis Olpe. Offenbar habe die Mutter vermeiden wollen, dass ihre Tochter Umgang mit ihrem - getrennt von den beiden lebenden - Vater habe. Dieser wandte sich Färber zufolge ans Familiengericht, das 2016 das Sorgerecht für beide Elternteile bekräftigte.

Erst als sich im Juni 2022 ein Ehepaar ans Jugendamt wandte und angab, das Mädchen gesehen zu haben, habe man mit Hilfe von Bundesjustizministerium und italienischen Behörden herausgefunden, dass Mutter und Tochter nie in Italien gelebt hatten. Bei einer Hausdurchsuchung am 23. September stieß man dann dort auf das Kind.

Update 06.11.2022, 19.30 Uhr: Eingesperrtes Mädchen bei Pflegefamilie - Ermittlungen laufen

Im Fall des mutmaßlich über Jahre hinweg in einem Haus festgehaltenen Mädchens im Sauerland laufen weiterhin Zeugenvernehmungen. Das sagte der Siegener Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. Man versuche "irgendwie die Motivlage" zu beleuchten, erklärte er zum Hintergrund. Das Umfeld werde befragt. Die Frage, "warum das Ganze" passiert sei, sei für die Staatsanwaltschaft sehr wichtig. Die Beschuldigten würden zu den Vorwürfen bislang schweigen.

Am Samstag war bekannt geworden, dass ein acht Jahre altes Mädchen nahezu sein gesamtes Leben lang in einem Haus im Ort Attendorn im Sauerland festgehalten worden sein soll. Der Mutter und zwei Großeltern wird Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzbefohlenen vorgeworfen. Die Hintergründe sind noch vollkommen unklar. Hinweise auf eine Misshandlung soll es nicht geben. Jugendamt und Polizei waren nach Angaben der Staatsanwaltschaft im September mit richterlichem Beschluss an dem Haus vorstellig geworden.

Oberstaatsanwalt Baron von Grotthuss erklärte, dass bereits ein Antrag gestellt sei, für das Kind, das sich nun in einer Pflegefamilie befinde, einen sogenannten gerichtlichen Ergänzungspfleger beizuordnen. "Die Eltern können ja nicht mehr für das Kind entscheiden, zumindest die Mutter jetzt nicht", erklärte er. Dafür müsse ein Familiengericht jemanden bestimmen, um die Interessen des Mädchens wahrzunehmen. Der nächste Schritt wäre dann eine Begutachtung des Kinds. Der Vater lebe getrennt von der Familie.

Attendorn liege auf dem Land, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. "Man denkt ja, die Sozialkontrolle funktioniert da noch", sagte er. Aber selbst die Nachbarn hätten nicht gewusst, dass Mutter und Kind im Haus gewesen seien.

Originalmeldung: Mädchen ganzes Leben lang eingesperrt - "Außenwelt nicht gesehen"

Ein acht Jahre altes Mädchen soll nahezu sein gesamtes Leben lang in einem Haus im Sauerland festgehalten worden sein. Die Staatsanwaltschaft in Siegen ermittelt gegen die Mutter des Kindes und die Großeltern, wie Sprecher Patrick Baron von Grotthuss am Samstag sagte.

Man gehe davon aus, dass das Mädchen knapp sieben Jahre in dem Haus der Großeltern im Ort Attendorn gelebt habe - ohne es verlassen zu dürfen. Die Vorwürfe seien Freiheitsberaubung und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Mutter und Großeltern hätten sich allerdings noch nicht dazu geäußert. Mehrere Medien hatten über den Fall berichtet.

Mutter soll nach Italien gezogen sein: Behörden wussten von nichts

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll die Mutter beim Jugendamt einst angegeben haben, dass sie samt Kind nach Italien umziehe. Das Jugendamt habe dann allerdings Hinweise erhalten, dass sich das Kind gar nicht in Italien aufhalte. Italienische Behörden hätten anschließend bestätigt, dass Mutter und Kind nicht vor Ort seien - und wohl auch nie dort gewesen seien. Daher sei das Jugendamt mit der Polizei im September an dem Haus vorstellig geworden.

Das Mädchen sei nun in einer Pflegefamilie, sagte Oberstaatsanwalt Patrick Baron von Grotthuss. Hinweise auf eine körperliche Misshandlung oder Unterernährung gebe es momentan nicht. "Allerdings haben wir die Situation, dass es die Außenwelt nicht gesehen hat", sagte der. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen.